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Eine Art Totentanz

„Berlin Prenzlauer Berg“, Deutschland 1990/91; Regie: Petra Tschörtner. Edition Salzgeber, ab 15 Euro

„Berlin Prenzlauer Berg“ ist ein großartiger Film, als Stimmungsmalerei und als Dokument

Auf der Mauer im Schatten eines verlassenen Wachturms spielt die Band Herbst in Peking „We need revolution“. Die friedliche Revolution allerdings ist mehr oder minder vorbei, in den Gesichtern, den Körpern der Menschen keine Spur von Glück über das Ende der Diktatur, ganz zu schweigen von dem, was sie sagen: Sommer 1990, (noch nicht ehemalige) DDR, die Währungsunion steht kurz bevor, und die Dokumentarfilmerin Petra Tschörtner ist mit der Kamera und ihrem Team in Prenzlauer Berg unterwegs.

Sie trifft dabei auf sehr unterschiedliche Gestalten, die da durch die Straßen gehen und torkeln und in Eingängen stehen und auf ihrem Altenheimbett sitzen: von einer Ladenbesitzerin, die ihren eigenen Durchhalteparolen selbst nicht recht glaubt, über den körperlich jedenfalls noch außerordentlich fitten 84-jährigen „Knatter-Karl“, der mit seiner jüngeren Tanzpartnerin durch den Prater fegt, bis zu einer rumänischen Combo, die zum Zug Richtung Heimat eilt; von einem Kränzchen älterer Damen, die nichts Gutes kommen sehen, über eine Transe aus dem Westen im Gespräch mit einem Ostfotografen bis zu Frau Ziervogel, der Betreiberin von Konnopke, der berühmtesten Currybude des Ostens: Sie nimmt gegen Ende des Films die erste D-Mark entgegen.

Regisseurin Petra Tschörtner hatte ihr Handwerk – gemeinsam unter anderem mit Helke Misselwitz und Thomas Heise – in der HFF Potsdam und bei der Defa gelernt. In der Defa war sie in den Achtzigern in der Kinderfilmabteilung gelandet, „Berlin Prenzlauer Berg“, ihr heute bekanntestes Werk, ist dann schon ein gesamtdeutscher Film, kommt vom ersten Bild an aber ganz klar aus der hohen Schule des DDR-Dokumentarfilms. Sehr schönes Schwarz-Weiß-Material, das durch den Verzicht auf Farbe nicht Realismuseffekte erzielt, sondern durch sichtbaren Willen zur Kunst von der bloß mimetischen Wirklichkeitsabbildung abrückt. Nicht als Cinema-Verité-Fliege an der Wand geriert sich die Regisseurin: Sie fragt, und ihre Fragen sind im Film auch zu hören. Aber auch die Bilder sind komponiert, die Szenen unkommentiert, in den Übergängen und Gegensätzen jedoch immer wieder bewusst pointierend neben- und gegeneinander montiert.

Tschörtner entwirft aus Fragmenten ein atmosphärisch recht geschlossenes Gesamtbild des Prenzlauer Bergs, ohne das Fragmentarische daran zu verleugnen. Musik spielt eine wichtige Rolle. Herbst in Peking machen den aggressiven Punk-Auftakt, eindrücklicher noch ist aber eine Art Totentanz später zu Fifties-Musik, es ist, als würde hier zum Ende der DDR und eines ganzen Zeitalters aufgespielt; außerdem sendet ein Piratensender Rock in den rechtsfreien Frequenzraum, und eine resolute Lady, angebliche Ex Manfred Krugs, singt in der Kneipe den Boogie-Woogie „Mucki, mein Schmucki“. Dann aber verkündet am 30. Juni Dagmar Berghoff in der „Tagesschau“ die Einführung der D-Mark, von da ist es nicht mehr weit zum Schlussbild: Ein Altbau wird gesprengt, Staubwolken wirbeln auf die Kamera zu, freeze frame: Ende.

„Berlin Prenzlauer Berg“ ist ein großartiger Film, als Stimmungsmalerei und als Dokument. Anders als Thomas Heise oder dem hier als Dramaturg mitarbeitenden Gerd Kroske gelang es Regisseurin Petra Tschörtner auf Dauer aber nicht, im vereinigten Deutschland weiter Dokumentarfilme fürs Kino zu machen. 1994 drehte sie noch „Marmor, Stein und Eisen“, eine Doku über die HFF-Kommilitonen, dann aber verliert sich im Fernsehen nicht ihre Spur, aber doch ihre Handschrift. Vor drei Wochen ist Petra Tschörtner im Alter von nur 54 Jahren nach langer Krankheit gestorben.

EKKEHARD KNÖRER