Ein Preis fürs Nein-Sagen

Biathlon-Olympiasiegerin Antje Harvey erhält für ihre Weigerung, sich den Dopinggepflogenheiten des DDR-Sportbetriebs zu unterwerfen, den Ehrenpreis des in Weinheim ansässigen Doping-Opfer-Hilfe-Vereins

BERLIN | taz ■ | Es scheint ein so kinderleichtes Wort. Und es kann doch unendlich viel Mut erfordern und schwere Konsequenzen nach sich ziehen, Nein zu sagen. Antje Harvey, die Biathlon-Olympiasiegerin von 1992 in Albertville, hat diesen Mut aufgebracht, damals, als sie noch Misersky hieß und Ostdeutschland DDR. Sie hat Nein gesagt zu all den Dopingpillen, die den Sportlern im ehemaligen Staatsdopingbetrieb des Arbeiter-und-Bauern-Staates verabreicht wurden – und sie hat die Konsequenzen für ihre Verweigerung tragen müssen: 1985 wurde die Skilangläuferin Antje Misersky, obwohl gerade WM-Dritte mit der DDR-Staffel geworden, aus dem Leistungssport entfernt. Vier Jahre später und als Biathletin in ihn zurückgekehrt ist sie nur, weil sie sich dadurch die Möglichkeit zur Flucht in den Westen erhoffte. Doch davor fiel die Mauer – und Antje Misersky wurde ganz ohne die Pillen erste gesamtdeutsche Olympiasiegerin im Biathlon.

Gestern nun kam eine weitere Medaille für Antje Misersky, die seit über zehn Jahren in den USA lebt und mittlerweile Harvey heißt, hinzu. In Berlin wurde die 38-Jährige mit der „Heidi-Krieger-Medaille“ des Doping-Opfer-Hilfe(DOH)-Vereins aus Weinheim ausgezeichnet. „Frau Harvey bewies in bewundernswerter Weise, dass Spitzensport auch ohne Doping möglich ist. Ihre hartnäckige Weigerung als ehemalige DDR-Skilangläuferin, Dopingsubstanzen einzunehmen, führte zu Repressalien und 1985 sogar zum Ausschluss aus dem Leistungssport“, begründet der DOH-Vorsitzende Klaus Zöllig die Preisvergabe. Antje Harvey zeigte sich von der Ehrung berührt. „So mutig war ich damals doch gar nicht. Viele andere vor mir hätten diese Auszeichnung verdient“, sagte die Olympiasiegerin.

Vielleicht, ganz bestimmt sogar hat sie damit auch ihren Vater Henner gemeint. Henner Misersky war damals Ski-Langlauftrainer beim Skiklub Zella-Mehlis, und die Geschichte seiner Tochter ist eng mit seiner eigenen verknüpft, genau genommen war es sogar Henner, der sie auslöste: Als eine Sportlerin ein missgebildetes Kind zur Welt brachte, das später starb, war das für den Trainer die Initialzündung, die Gepflogenheiten im DDR-Sport zu hinterfragen – und sich ihnen zu verweigern. 1985 wurde Henner Misersky dafür wegen „trainingsmethodischer Differenzen“ fristlos entlassen, sein Name sollte von den Medien nicht mehr erwähnt werden. Im Gegensatz zur Tochter aber brachte der Mauerfall für den Vater keine Wende. Zwar wurde er von der Landesregierung rehabilitiert und als Trainer und Lehrer am Sportgymnasium Oberhof beschäftigt, doch dort traf er auf die alten, linientreuen Trainer-Genossen. Sie hassten ihn, sie mobbten ihn. Henner Misersky ließ sich versetzten, später wurde er frühpensioniert.

Antje Harvey, die Mutter zweier gesunder Kinder ist, hat die Verleihung des Ehrenpreises so kommentiert: „Ich finde es gut, dass der Doping-Opfer-Hilfe-Verein den Menschen zur Seite steht, die durch das DDR-Dopingsystem um ihre Gesundheit gebracht wurden.“ Dass das Thema nach wie vor aktuell ist, zeigte sich erst letzte Woche, als die ehemalige Schwimmerin Karen König vor dem Berliner Landgericht mit ihrem Antrag auf Prozesskostenhilfe für ihre angestrebte Schadensersatzklage gegen den Arzneimittelhersteller Jenapharm scheiterte. Jenapharm war der Hersteller der Dopingpillen, denen sich Antje Misersky und ihr Vater Henner verweigert hatten.