Generalisten im Aufwind

GEOGRAFEN Obwohl es weiterhin nur wenig Jobs gibt, die direkt für Geografen ausgeschrieben sind, hat sich ihre Stellung auf dem Arbeitsmarkt in den letzten Jahren deutlich verbessert

VON OLE SCHULZ

Unter dem Dach der Deutschen Gesellschaft für Geografie (DGfG), www.geographie.de, sind mehrere Verbände organisiert, deren größter der Verband Deutscher Schulgeografen (VDSG) ist, www.erdkunde.com, in dem sich die Erdkundelehrer zusammengeschlossen haben. Es folgt die Deutsche Gesellschaft für Angewandte Geographie (DVAG), www.geographie-dvag.de, die sich als Schnittstelle von Universität und Berufspraxis versteht. Daneben gibt es noch kleinere Hochschulverbände. Die DVAG beteiligt sich am Mentoring-Programm des Berufsverbands deutscher Geowissenschaftler. Dabei begleitet ein berufserfahrener, fachkundiger Mentor eine jüngere Person, den Mentee, zwölf Monate in ihrer beruflichen Entwicklung. Nächster Bewerbungsschluss ist der 13. 11. 2009. Infos und Anmeldung unter www.geoagentur.de (os)

Früher gern als „Universaldilettanten“ belächelt, werden sie heute als „Generalisten unter den Geowissenschaftlern“ betitelt und gerade ihr breit gefächertes Wissen geschätzt.

Auf dem Arbeitsmarkt haben die Geografen ihre Jobchancen in den letzten Jahren jedenfalls deutlich verbessern können. „Zu den klassischen Aufgabenfeldern wie der Raum- und Regionalplanung kam in den Achtzigerjahren der Umweltschutz hinzu“, sagt Rudolf Juchelka, Professor für Wirtschaftsgeografie an der Universität Duisburg-Essen. In den Neunzigerjahren sei der Boom von sogenannten Geoinformationssystemen (GIS) gefolgt, jüngst schließlich die Analyse von Immobilienmärkten.

Dieser positive Trend schlägt sich auch in den Beschäftigtenzahlen nieder: Hatte der Akademiker-Jahresbericht der Bundesanstalt für Arbeit 2005 noch eine „ungünstige Arbeitsmarktlage“ für Geografen konstatiert, heißt es jetzt, die Lage habe sich überdurchschnittlich entspannt. Im Vergleich zur Jahrtausendwende sei die Arbeitslosigkeit um satte 40 Prozent zurückgegangen – und das, obwohl jährlich rund 2.500 Absolventen auf den Markt drängen. Ein Manko bleibt allerdings, dass es weiterhin nur wenig Stellen gibt, die ausdrücklich für Geografen ausgeschrieben sind.

Die gewachsenen Aufgabenbereiche haben auch zu einem Bedeutungsgewinn der Geografie als wissenschaftlicher Disziplin geführt. Die verschiedenen Unterdisziplinen dabei unter einen Hut zu bringen ist gar nicht so leicht. Beim Deutschen Geografentag in Wien, der vor einer Woche begann und heute endet, ging es um solch disparate Themen wie die „Geodatenpolitik und ihre Auswirkungen für die Geografie“, dem „Paradigmenwandel in der Physischen Geografie“ oder „Städte im Stress“.

Sogar die Organisatoren taten sich da schwer mit der Formulierung eines Tagungsmottos, welches „die unterschiedlichen Teilbereiche und Interessensgebiete wiederfinden“ sollte. Am Ende einigte man sich auf „Geografie für eine Welt im Wandel“ und widmete sich erstmalig „im Detail“ auch den angesichts der Digitalisierung im Umbruch und Wachstum befindenden Kartografie und Geokommunikation. Hier gibt es eine nicht unproblematische Verschiebung weg von staatlichen Institutionen hin zu kommerziellen Anbietern wie Google Earth, aber Juchelka sieht in dieser Entwicklung auch Chancen – allein dadurch, dass sie das Bewusstsein für räumliche Strukturen geschärft habe.

Tatsächlich scheinen die Geografen nicht nur von der digitalen Revolution zu profitieren, sondern auch von den zunehmend raumbezogenen Problemlösungsstrategien im Rahmen der Globalisierung, bei denen es – wie beim Klimawandel – zumeist um eine Interaktion von Mensch und Umwelt geht. Die Geografen seien für solch komplexe Fragestellungen gut gerüstet, weil sie „in der Regel über sehr gute Methodenkenntnisse verfügen“, sagt Professor Juchelka, von Statistik über Fernerkundung bis zur Handhabung moderner GIS. Dazu käme ihr „interdisziplinärer Ansatz“ zwischen Natur- und Sozialwissenschaften, sodass sie in Projekten häufig als „Schnittstelle“ zu anderen Berufsgruppen agierten. Auch hätten die Geografen – im Unterschied zum Beispiel zu Ingenieuren – frühzeitig während ihres Studiums gelernt, Vorträge zu halten und ihre kommunikativen Kompetenzen zu schulen, sagt Juchelka.

Dennoch hätten die Uni-Absolventen häufig Schwächen in der Selbstvermarktung. „Sich gut verkaufen können nur wenige Geografen.“ Das sollten sie aber lernen, weil die meisten Stellen in studiumsfernen Gebieten ausgeschrieben würden, für welche Geografen ihre besondere Qualifikation im Vorstellungsgespräch erst überzeugend darstellen müssten.

Die Geografen verfügen in der Regel über sehr gute Methodenkentnisse

Professor Juchelka, der auch im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für angewandte Geografie (DVAG) sitzt, hat beim Wiener Geografentag eine Veranstaltung zum Arbeitsmarkt der Geografen moderiert – aus Sicht eines Berufsverbands, der sich als Mittler von Universität und Berufspraxis sieht (siehe Kasten).

Obwohl Juchelka dem Studienfach Geografie in Deutschland dabei generell eine gute Qualität bescheinigt, sieht er dennoch Defizite in der konkreten Ausgestaltung der Lehrpläne: „Die berufspraktische Qualifizierung kommt gegenüber der klassischen Wissensvermittlung immer noch zu kurz.“

Wer sich zum Beispiel in seiner Abschlussarbeit mit der ländlichen Besiedlung im Mittelalter beschäftige, hätte es schwer, direkt nach dem Studium einen Job außerhalb des Wissenschaftsbetriebs zu bekommen. Doch ist die Privatwirtschaft mit gut 40 Prozent der Stellen weiterhin größter Arbeitgeber, gefolgt von Verwaltung, Hochschulen, Verbänden und Kammern. Juchelka rät Studenten und jungen Absolventen deshalb sich weiterzuqualifizieren, indem sie sich „zum Beispiel betriebswirtschaftliche oder planungsrechtliche Kenntnisse aneignen“. Die DVAG bietet ihren Mitgliedern dafür nicht nur regelmäßig Weiterbildungskurse an, sondern hat für Studienabgänger auch ein Mentorenprogramm ins Leben gerufen.

Bezüglich des Bologna-Prozesses kommt Juchelka allerdings zu einem kritischen Urteil: „Gerade die internationale Vergleichbarkeit der Bachelor- und Master-Studiengänge ist bisher nicht gelungen.“ Und bei der Berufsorientierung hätte es sogar Rückschritte gegeben: Während in den früheren Geografie-Diplomordnungen drei Monate Berufspraktikum vorgeschrieben gewesen seien, hätte man die Zeitspanne für das Bachelor-Studium nun auf sechs Wochen reduziert. „Das ist ein Witz“, findet Professor Juchelka.