Gegen die geschlossene Gesellschaft

In Nordwest-Marzahn ist jeder dritte Einwohner ein Spätaussiedler. Doch dem Quartiersmanagement gelinge es nicht, sie zu integrieren, kritisieren SPD und PDS – weil es die Aussiedler zu sehr von den Einheimischen abgrenze

In Marzahn-Hellersdorf ist ein heftiger Streit darüber ausgebrochen, wie die rund 20.000 Spätaussiedler im Bezirk besser integriert werden können. Bezirksamt, PDS und SPD wollen soziale Probleme wie Sprachdefizite, Jugendkriminalität oder Drogenmissbrauch klar benennen und konzeptionell dagegen angehen. Das Quartiersmanagement im Nordwesten des Bezirks – wo jeder dritte Bewohner aus den GUS-Staaten kommt – leugnet diese Probleme. Für dessen Mitarbeiter liegen die Gründe für Integrationsdefizite in den kulturellen Unterschieden zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen.

„Wenn ein Verein ein möglichst großes Horrorszenario über Spätaussiedler entwirft und beispielsweise sagt, sie seien integrationsunwillig oder hätten Probleme mit Drogen, dann bekommt er Geld vom Bezirk“, kritisiert der Russlanddeutsche Alexander Reiser vom Quartiersmanagement Marzahn-Nordwest. Seiner Überzeugung nach hätten solche Darstellungen mit der Wirklichkeit nichts zu tun – sie seien reiner Wahlkampf. „SPD und Grüne missbrauchen uns Aussiedler im Wahlkampf, um der CDU eins auszuwischen.“ Reiser ist selbst Mitglied der CDU und der russlanddeutschen Landsmannschaft im Vertriebenenverband.

Er setzt bei der Integration der Spätaussiedler auf die Selbstorganisation dieser Gruppe, sagte er der taz. Beispielhaft dafür steht sein Projekt „Aussiedler orientieren Aussiedler“. Dabei sollen Russlanddeutsche, die schon längere Zeit in Marzahn leben, ihre Erfahrungen etwa bei der Arbeitssuche oder im Umgang mit Versicherungen an Neuankömmlinge weitergeben. Das Projekt wird vom Quartiersmanagement gefördert und vom Verein Vision getragen, dessen Gründungsmitglied Reiser ist. „In unserem eigenen Verein lassen wir uns nicht von Einheimischen vorschreiben, wie wir uns zu benehmen haben, was leider woanders immer wieder passiert“, so Reiser. Er wettert auch gegen die vom Bezirksamt geförderten Projekte. Dort seien Spätaussiedler nur Statisten; das Sagen hätten Einheimische.

Mitglieder des Migrationsbeirats des Bezirks weisen diesen Vorwurf scharf zurück. „Reiser schürt damit Vorwürfe gegen die Aufnahmegesellschaft“, sagt Natalia Tibelius vom Beirat. Sie und weitere Spätaussiedler haben einen offenen Brief geschrieben, um klarzustellen, dass Reiser nicht im Namen der gesamten Migrantengruppe spricht. „Dazu hat ihn niemand legitimiert – auch wenn er den Eindruck erweckt. Integrationsprobleme wie Drogenkonsum zu thematisieren, ist keine verbale Attacke auf Migranten. Vielmehr handelt es sich um analytische Arbeit in Fachgremien.“ Tibelius ist ebenfalls CDU-Mitglied.

Politiker von SPD und PDS gehen in ihrer Kritik weiter. Was Reiser Selbstorganisation der Aussiedler nenne, sei in Wahrheit deren Rekrutierung für die CDU und die russlanddeutsche Landsmannschaft, sagt der Wahlkreisabgeordnete der PDS, Wolfgang Brauer. „Reiser benutzt das Quartiersmanagement, um den Vertriebenenverband zu etablieren. Die Mehrheit der Aussiedler fühlt sich davon nicht vertreten.“

Die Marzahner SPD-Abgeordnete Iris Spranger sieht Reiser im Interessenkonflikt, wenn er im staatlichen Auftrag in einem sozial belasteten Gebiet tätig ist, wo er zugleich die Werbetrommel für die CDU rührt. „In Marzahn-Nordwest sollte er sich parteipolitisch zurückhalten“, so die SPD-Frau. Beide Landespolitiker fordern von der Senatsverwaltung, die Integrationsarbeit des Quartiersmanagements Marzahn-Nordwest kritisch zu hinterfragen. Reiser weist die Vorwürfe zurück. „Das sind Behauptungen ohne Beweise.“

Laut Natalia Tibelius kann Integration nicht funktionieren, wenn Aussiedler unter sich bleiben, wie es vom Quartiersmanagement gefördert wird. Dabei lerne man nicht Deutsch. Doch der Streit hat laut Tibelius noch eine weitere Dimension: „Reiser kultiviert Einstellungen, Russlanddeutsche seien die wahren Deutschen, während die Einheimischen viele deutsche Traditionen aufgegeben hätten.“ Reiser behauptet das Gegenteil: „In der vertrauten Umgebung von Spätaussiedlern klappt Integration besser“, glaubt er.