Film-Guerilla zwischen Häuserwänden

LEIN-WÄNDE „A Wall Is A Screen“, sagen sich die sieben Mitglieder der gleichnamigen Gruppe: Bei Nacht projizieren die Hamburger Kurzfilme auf Mauern – und fordern damit auch den öffentlichen Raum zurück

Normalerweise sind sie kein Objekt erlesener Begeisterung: kahle Hauswände, etwa die der Hamburger Innenstadt bei Dunkelheit. Die Macher von „A Wall Is A Screen“ sehen das anders: Für sie sind die Häuserzeilen Projektionsflächen im Wortsinn. Wenn es dunkel wird, laden die in neongelbe Westen gehüllten Künstler mit Beamer, Tonanlage, Generator und Laptop zu einem Mix aus Stadtrundgang und Filmnacht. Dann projizieren sie Kurzfilme an Gebäudewände, oft mit explizitem Bezug zum Ort der Vorführung. Da kommen dann auch schon mal ein paar Hundert Zuschauer zusammen. Und wenn der Film vorbei ist, zieht der Tross weiter zur nächsten Wand.

„A Wall Is A Screen“: Das sind sieben berufstätige Männer und Frauen zwischen 30 und 54, die in ihrer Freizeit zu Guerilla-Filmvorführern mutieren. Die Idee: Wände in Leinwände zu verwandeln und öffentlichen Raum zurückerobern.

Vor einigen Tagen etwa zeigte „A Wall Is A Screen“ Kurzfilme, die von Schülern des „Problemstadtteils“ Hamburg-Harburg gedreht wurden. Start war am Harburger Rathaus, die Fassade des Einkaufszentrums gegenüber wurde zur Leinwand. Das Thema: Tempo und Mobilität. Als Fahrräder gezeigt wurden, radelten gerade echte Kinder über den Platz. „Solche Zufälle sind schöne Momente“, sagt Sven Schwarz, der am Beamer steht. Ein vorbeifahrendes Motorrad, Betrunkene, Sirenen – die Geräusche mischen sich in die filmischen Szenen und werden so zum Soundtrack.

Beim Anti-Stasi-Film an der Mauer der Birthler-Behörde dachte die Polizei, es sei eine Demo

Meist zeigt „A Wall Is A Screen“ aber schon, nun, fertige Filme: Die holt man unter anderem aus dem riesigen Archiv der Hamburger Kurzfilmagentur. Oder die Gruppe bekommt Filme zugeschickt. Oder wird auf Festivals fündig.

Ohne Genehmigung arbeiten die Underground-Filmvorführer nie: Auseinandersetzung ist nicht ihr Ziel. Projiziert werden trotzdem nicht nur Bilder, sondern auch politische Ideen. „Ich empfinde eine große Befriedigung, wenn wir hinter dem Rathaus einen politischen Film zeigen“, sagt Gründungsmitglied Kerstin Budde. Als „A Wall Is A Screen“ in Berlin an den Mauern der Birthler-Behörde einen Film über die DDR-Staatssicherheit zeigte, marschierte die Polizei auf. „Die dachten, es sei eine Demo“, erzählt Budde. „Wir haben auch einen satirischen Film über die RAF gezeigt. Die Polizei stand um uns ’rum; das hatte was von Theater.“

Neben der politischen Dimension gehe es darum, die Wahrnehmung des Publikums zu verändern. „In Hamburg-Mümmelmannsberg mit seinen anonymen Hochhäusern hat uns jemand erzählt, dass er erst durch uns seine Nachbarn kennengelernt hat“, sagt Budde.

Von Mümmelmannsberg führt es das Septett auch schon mal nach Manchester oder Moldawien: Filmfestivals aus ganz Europa laden „A Wall Is A Screen“ ein, auch in ihrer Stadt die Wände zu beleben. Dann werden zunächst Stadtpläne und Reiseführer gewälzt, vor Ort beginnt die Recherche: Wo sind die noblen, die kreativen, wo die vermeintlichen Problemstadtteile? Es folgt eine Nacht, in der die zugereisten Cineasten nach geeigneten Wänden suchen und eine Dramaturgie entwickeln: Hauptverkehrsstraßen folgen auf Passagen oder Hinterhöfe. Passend werden Filme ausgesucht, es entsteht ein Rundgang von 90 Minuten. Die Nacht kann beginnen.