It’s so authentisch!

Diese Woche erscheint die erste deutsche Ausgabe des „Vice“-Magazins. Dort schreiben Prostituierte über Sex und wird in Fotostrecken gekotzt. Kurzum: Diese Zeitschrift ist einfach unentbehrlich

Die Einläufe waren ihr endgültig zu viel. Widerwärtig sei das, sagte die Frau aus der Marketingabteilung des solventen deutschen Konzerns. Zu lesen, wie sich äußerst willige Schlampen in unvorstellbaren Sexualpraktiken überbieten. Dann legte sie auf. Die Pornofilmrezension hatte die potenzielle Anzeigenkundin verschreckt. „Ist aber unsere beste Rubrik“, sagt Benjamin Ruth.

Auf seiner Visitenkarte steht Publisher. Er, 31, einst Politikstudent in London, seit Jahren Medienschaffender, offenes Hemd, mehr Münchner als Berliner, Alster in der Hand, ziemlich gebräunt, recht locker und doch bestimmt, sitzt im späten Sonnenschein auf der Grünfläche vor dem Kiosk, neben den Pennern. Der Herausgeber der deutschen Ausgabe des weltweit bestaunten Printmagazins Vice, „ein Traumjob“, zündet sich noch eine Zigarette an, dann klingelt schon wieder das Handy. Mediaplan, okay, okay, I’ll be there. Am kommenden Donnerstag erscheint Vice zum ersten Mal auf Deutsch, zu fünfzig Prozent jedenfalls. „Propably the best youth culture mag in the world“, schreibt die New York Press, und in Werberkreisen wird nur geraunt: das Trendsetting-Magazin! Die 19- bis 34-Jährigen! Nun liegt es monatlich mit einer Auflage von 100.000 in Deutschland an 750 Stellen aus, kostenlos in hippen Boutiquen, Skateshops, in Fahrradläden gar oder vor Auditorien. Ruth kann es nicht erwarten.

In den letzten Monaten hat er viele Nächte an seinem Schreibtisch gesessen, neben den jungen Sneaker-Kollegen, auf dem knarzenden Parkett im Vorderhaus des sanierten Altbaus in bester Berliner Lage und hin und her probiert. Verständnisvollere Anzeigenkunden, vornehmlich angesagte Klamottenmarken, waren schnell gefunden, mussten gefunden werden, immerhin finanziert die Redaktion so ihre miesen Gehälter. Dann begrübelte er die Übersetzungen und die deutschen Texte, die unzähligen, die ihn von freien Autoren erreichten. „Vice lebt eigentlich von der englischen Sprache. Von Zynismus und Ironie“, sagt Ruth. Dennoch: „Die erste Ausgabe ist unglaublich gut geworden. So etwas hat es in Deutschland noch nicht gegeben.“ Mehr verrät er nicht.

Es waren sechzehn Seiten Teen-Trash. Gavin McInnes, Suroosh Alvi und Shane Smith gründeten 1994 in einer elterlichen Garage in Montreal ihr Skate-Fanzine. Heute steht die Marke Vice auch für eine Modelinie, ein Plattenlabel und eine TV- und Filmproduktion. Von Kanada war das Vice-Magazin schnell in die USA gekommen, hatte dann die mit dem Absurditäten-Abo ausgestatteten Japaner begeistert und wirkt heute im edlen Subversiv-Schick überall irrsinnig zeitgeistig. Gedruckt wird, was mit Musik, Mode, der Gesellschaft, mit dem modernen Leben an sich zu tun hat. „Eine Reaktion auf eine übersättigte Konsumkultur“, sagt Benjamin Ruth.

Ein Freund hatte ihm vor drei Jahren ein Heft aus New York mitgebracht. „Der Stil war klar, sehr authentisch und kredibil. Und so dreist.“ Wenn etwa in der „Drug Issue“ die blau gestochenen Oberschenkel einer Heroinabhängigen ästhetisiert werden, wenn Menschen mit Down-Syndrom Modestrecken bestreiten, oder wenn ein bleicher Junge großflächig abgebildet seinen Mageninhalt ausleert, nachdem er im Wettbewerb „Wer kann mehr trinken – Weiße oder Schwarze“ geschlagen wurde.

In der längst zum Modeknigge der möglichst abgefuckten New Yorker Avantgarde gewordenen Rubrik „Dos & Donts“ werden Schnappschüsse von Menschen und Szenen kommentiert. Das ist dann zuweilen schwulenfeindlich, rassistisch, gemein ohnehin, Chinesen diffamierend vielleicht oder Amerika verachtend. „Es gibt aber niemanden“, sagt Benjamin Ruth, „der verschont bleibt.“

In Deutschland rechnet er nun mit dem Political-Correctness-Alarm. „Dabei verstecken wir uns nicht hinter den Anführungszeichen“, sagt Ruth, „wir beziehen bei wichtigen Themen Stellung.“ So geschehen etwa in der Ausgabe zum Irakkrieg. Und was als pure Draufgängerlust verstanden werden kann, nennt Ruth „Befreiung“: Gegen die Pseudomoral der Elterngeneration. Es geht mal wieder um die 68er. Ruth sagt: „Um meine Lehrer“. Und um die Lehrer anderer.

Unlängst verkündete Mitbegründer Shane Smith, Vice hasse den Journalismus. Er log. Denn Vice muss den Journalismus lieben – so wie er hier aufgetankt wird. Hunter S. Thompson, sein Dealer habe ihn selig, wäre bei diesem erregten Magazin gelandet, so sehr quillt der Gonzo aus jeder für sich stehenden Seite Hochglanzrotz. Vice zelebriert das gelebte, das geschmeckte, das individuell geprägte Schreiben. „Klar sind wir Journalisten“, sagt Ruth, „unsere Haltung ist bloß nicht klassisch. Es ist die Punkrock-Attitüde.“ Also schreiben Prostituierte über Sex, Borderliner über Psychopharmaka, und die gewissenlose Unterscheidbarkeit der Texte darf, welch Ausnahme, Spaß machen, ist die erste Scheu weggeblättert. Von einer wirklichen Neuheit auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt zu sprechen ist erlaubt. Denn in der Sparte junger Magazine ist Vice das ehrlichste, wird doch trotz gewollter Provokation nicht verkrampft eine Generationen umfassende Selbstdefinition gesucht. Vice, so scheint es, entsteht immer wieder neu.

„Zwanghaft jugendlich reicht nicht“, sagt Ruth dann. Weil er sich noch immer ärgert, wie eine Zeitung kürzlich die Vice-Zielgruppe definierte: Berufsjugendliche. Blödsinn, sagt Ruth. Gelesen werde Vice von allen Altersschichten. „Meine Haltung war immer auflehnend, gegen alles und alle.“ Ob als Gothic, damals mit den Schnabelschuhen, oder später als Skater. Und, herrjeh!, jetzt schaut er halt designerfesch aus. „Deshalb werde ich doch nicht zu dem, was ich früher abgelehnt habe.“

Leckt mich!, wäre nun ein passendes Ende. Aber da ist noch dieses Bubenlächeln auf Benjamin Ruths Gesicht. Er will noch verraten, wer es in der ersten Ausgabe abbekommt. So richtig. Ruth zieht seine Augenbrauen hoch, diese Vorfreude. Es werden, er nuschelt: „die Linksliberalen“ sein. Und schließlich, triumphierend keucht Ruth es hinterher: die Hippiefaschisten.