Beachtliches Durchstehvermögen

JUGENDZENTRUM Vor vierzig Jahren hat die Jugendzentrumsbewegung in Hannover das Unabhängige Jugendzentrum Glocksee im ehemaligen Fuhramt in der Calenberger Neustadt erkämpft. Am Wochenende wird jetzt drei Tage lang stolz Geburtstag gefeiert

„Selbsthilfe ist eine tolle Sache – und Jugendliche haben dazu nicht das nötige Durchstehvermögen.“ Wie falsch er mit seiner Einschätzung gelegen hatte, musste auch Hannovers Jugendreferent Gloger spätestens am 11. Dezember 1971 klar gewesen sein. In einer gut vorbereiteten Blitzaktion hatten mehrere Hundert Jugendliche und junge Erwachsene nach einem Ton Steine Scherben-Konzert in der TU einen leer stehenden Bürokomplex in der Arndtstraße besetzt. Als der erste Streifenwagen der ahnungslosen Polizei vorfuhr, hatten sich bereits rund 2.000 Menschen vor dem Haus versammelt.

Knapp drei Wochen zuvor hatte die Stadt die Forderungen der „Aktionsgemeinschaft Jugendzentrum“ nach selbstverwalteten unabhängigen Jugendzentren abgelehnt. Mit der Begründung, dass der Raumbedarf nicht zu decken sei und ohnehin genug städtische Einrichtungen zur Verfügung stünden. Drei Tage existierte das „Unabhängige Jugendzentrum Arndtstraße“, dann wurden die Besetzer brutal geräumt.

Am nötigen „Durchhaltevermögen“ aber mangelte es auch nach dem unverhältnismäßigen Vorgehen der Stadt mitnichten. Noch am Abend wurde lautstark protestiert, andere Gruppen schlossen sich den Forderungen an. Ein halbes Jahr später schaffte ein Teil der Aktivisten schließlich Fakten: Im Juli 1972 mietete die „Initiativgruppe Jugendzentrum“ ein ehemaliges Fabrikgebäude in der Nordstadt an, das Unabhängige Jugendzentrum Kornstraße, das Erste seiner Art in der Bundesrepublik.

Aus der kulturellen und sozialen Landschaft der Stadt ist das UJZ Glocksee nicht mehr wegzudenken

Ein anderer Teil versuchte, über die Bürgerinitiative Linden ein leer stehendes Gebäude zu finden. Schließlich bot die Stadt das ehemalige Fuhramtsdepot an der „Glocksee“ an. Ein perfekter Ort für ein Jugendzentrum: Es war zentral gelegen und durch die Lage am Ihme-Ufer ein in sich geschlossener Komplex. U-förmig um einen Innenhof gruppiert bot es jede Menge Raum: eine große Halle, einen Bürotrakt, Werkstätten und etliche Lagerräume. Ein Gebäude voller Möglichkeiten. Begeistert gründete sich im Juni 1972 die Initiativgruppe UJZ Glocksee.

Einziehen konnten die Jugendlichen mit ihren Gruppen im Oktober. Zwei Räume wurden überlassen, die Besetzung des restlichen Gebäudes wurde stillschweigend hingenommen. Als schwierig erwiesen sich dann aber die monatelangen Verhandlungen mit der Stadt über die Bedingungen der Nutzung. Zu weit auseinander lagen die Vorstellungen, Forderungen, Formulierungen, zu groß war das Misstrauen. Mit Zähneknirschen auf beiden Seiten einigte man sich im November 1973 schließlich doch auf einen Vertrag. Mit Zugeständnissen von Seiten der Jugendlichen, mit dem Willen zum „Experiment“ auf Seiten der Stadt.

Ein halbes Jahr später waren viele der auch heute noch bestehenden Räume von den jugendlichen Nutzer_innen selbst bestimmt ausgebaut: eine Kneipe, ein Kinderraum, ein Jugendraum, Werkstätten, Büros. Und 1975 gab es schließlich sogar Lob vom Stadtjugendreferenten: Ein Lücke im Freizeitangebot habe die „Glocke“ gefüllt, von Kommerzialisierung sei – worauf die CDU spekuliert hatte – keine Spur zu erkennen und die Eintrittspreise seien so niedrig, dass er selbst schon für eine Erhöhung eingetreten sei.

Seitdem ist das UJZ Glocksee trotz aller finanzieller Schieflagen und anderer existenzieller Bedrohungen nicht mehr aus der kulturellen und sozialen Landschaft der Stadt wegzudenken: Ein Zentrum für Jugend- und Kinderarbeit mit vielfältigsten Aktivitäten: Bis heute gibt es einen offenen Jugendbereich, einen Kindergarten, einen Hort, ein Projekt für „Lückekinder“ zwischen 9 und 14 Jahren, Werkstätten, Halfpipes, Proberäume, Flächen zum legalen Sprühen und mit dem Café Glocksee und dem Indiego zwei der wichtigsten Clubs der Stadt.

Am Wochenende wird nun der 40. Geburtstag des bis heute unabhängigen Projekts gefeiert. Drei Tage lang gibt es Barbeque, Parties, Konzerte, ein großes Kinderfest und eine Dokumentation nebst Ausstellung zu vierzig ereignisreichen Jahren. Und in zehn Jahren feiert man dann schon ein halbes Jahrhundert erfolgreiche Selbstorganisation. Ganz sicher.