Ganse Welt is ferik

PREMIERE Im Rahmen des Festivals „Sprachen ohne Grenzen“ in der Akademie der Künste hat Nicola Unger „Unserdeutsch“ inszeniert. So heißt ihr dokumentarisches Südseemärchen über eine vergessene deutsche Kreolsprache aus der Kolonialzeit im 19. Jahrhundert

Am Anfang ist das Wort. Minutenlang erfüllt die Erzählerstimme aus dem Off den schwarzen Raum. Dann wird es Licht, die Erzählerin tritt hinein und skizziert eine Kulisse auf eine Tafel: Häuser auf einem Hügel über dem Meer. Und sofort beginnt das Tafelbild ein Eigenleben: Kreidepalmen wachsen zwischen den Häusern empor, Strichmännchen laufen heraus und beginnen zu reden.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, schrieb der österreichisch-britische Philosoph Ludwig Wittgenstein. In Nicola Ungers puristischem Einpersonenstück „Unserdeutsch“, uraufgeführt letzten Freitag in der Akademie der Künste, schöpft Sprache Welt.

Eine Welt, die weit weg und fast verschwunden ist und nur durch Fantasie vergegenwärtigt werden kann.

Nur ein Bewohner dieses Kosmos tritt kurz selbst in Erscheinung: Harry Hoerler ist bei Berlin geboren. Bei Berlin auf Deutsch-Neuguinea, einem palmenumsäumten Hafennest in der ehemaligen deutschen Südseekolonie. Im roten Hawaiihemd unterm schwarzen Anzug, die grauen Locken dunkel gefärbt, erinnert Hoerler an einen Zirkusdirektor; und auch seine Sprache stiftet Verwirrung: „Ganse Welt is ferik“, sagt er und lächelt philosophisch. „Ferik“ ist die Welt, „verrückt“, wenn man wie Hoerler zu den letzten 100 Sprechern der einzigen deutschbasierten Kreolsprache gehört und die übrigen Sprecher über verschiedene Inseln verstreut leben; „ferik“, wenn man sein Unserdeutsch nur noch mit Blumen und Schmetterlingen spricht.

Auch die Erzählerin, Yvette Coetzee, führt auf der Bühne eigentlich einen Dauermonolog – wären da nicht die Audio- und Videoeinspielungen, Schatten und Objekte, Kreidegemälde und -animationen, mit denen sie sich die Abwesenden als Dialogpartner herbeiholt. Als Grundlage für ihr „dokumentarisches Südseemärchen“ hat Regisseurin Unger im letzten Jahr zehn der letzten Unserdeutsch-Sprecher auf Papua-Neuguinea besucht und interviewt. Thematisch und ästhetisch erinnert „Unserdeutsch“ an Yvette Coetzees autobiografisches Einpersonenstück „Keine Palmen. Keine Löwen. Keine Affen“ (2007). Auch hier geht es um die Erinnerung an deutsche Kolonialgeschichte, wenngleich nicht in Neuguinea, sondern in Coetzees Heimatland Namibia.

Auch hier dringen die Stimmen der Zeitzeugen aus der realen Welt ins Theater hinein; anstelle der animierten Kreidezeichnungen dienen der Erzählerin belebte Einrichtungsgegenstände als Fenster in die Historie.

Doch trotz dieser Ähnlichkeiten ist der weltanschauliche Überbau beider Stücke grundverschieden: In „Keine Palmen“ setzt sich Coetzee mit der Kolonialschuld der Deutschen am Beispiel ihres Urgroßvaters auseinander. „Unserdeutsch“ dagegen kündigt gleich im Prolog an, man werde die Geschichte erzählen „von einem Volk, das großen Wert auf Pünktlichkeit legt, aber zu spät kam für die Kolonialisierung“. In spöttisch-liebevollem Tonfall suggeriert es das Bild der deutschen Kolonialmacht als altruistischem und etwas weltfremdem Aufbauhelfer am Ende der Welt.

„Unserdeutsch“ versteht sich als „dokumentarisches Südseemärchen“, aber das ist auch der Stolperstein der Inszenierung. Sie ist so märchenhaft und makellos, dass nach einer Stunde nur nostalgische Poesiealbumbilder zurückbleiben: eine Kirche am Strand, dunkelhäutige Männer mit wilhelminischen Bärten und wehmütig verklingende Weihnachtslieder. Kartoffelknödel und Seemannslieder unter Palmenhainen. Keine Spur von Ungleichheit, Identitätskrisen, Repression. Bei den Recherchen vor Ort sei der Eindruck einer „positiven Kolonialisierung“ entstanden, erklärt Unger. Was nicht verwundert, da sie sich auf die Selbstsicht der privilegierten „Unserdeutschen“ aus der Missionscommunity konzentriert haben.

Für die bizarr anmutende Geschichte findet Unger auch mit einfachster Requisite surreale Bilder. Zuletzt lässt Coetzee die Klapptafel per Handzeichen auf und zu schnellen; dabei werden Kreidebilder auf die Flügel projiziert – links ein wilhelminisches Symbol, rechts seine Papua-Entsprechung: Tanne und Palme, Pickelhaube und Tanzmaske und schließlich Reichsadler und Paradiesvogel, mit deren Schwingen die Tafel davonzufliegen scheint. CHRISTINA FELSCHEN