Aktivistinnen der späten Jahre

Es ist Tag der Trümmerfrauen, im Volkspark Hasenheide wird nach dem Gedenken gesucht. Dabei drücken die Probleme des Heute schwerer als die alten Lasten. Graue Panther machen Wahlkampf

Kaum jemand kennt das Denkmal, mit dem die Westberliner den Trümmerfrauen danken. Es ist so versteckt und vergessen wie die Geschichte der Frauen selbst. „Ich bin sicher, es war da vorn“, sagt eine resolute 76-Jährige und stürmt die Anhöhe hoch. Ein paar Damen folgen zögerlich. Die Vorsitzende, Anke Kawaschinski, dagegen strebt nach rechts, am Spielplatz vorbei. Jogger im Park betrachten die Gruppe verwundert. Einige der Frauen tragen aus Solidarität mit den Schutträumerinnen der Nachkriegszeit Haushaltskittel und haben Kopftücher umgebunden. Aber nicht solche, wie man sie in der Herrmannplatz-Gegend heutzutage sieht. „Man trug damals den Knoten oben auf dem Kopf“, beantwortet eine der Frauen den fragenden Blick eines jungen Mannes. „Hinter dem Kopf binden galt als ländlich.“

Gertrud Kurzbach ist zum ersten Mal beim Gedenktag der Trümmerfrauen, dem 9. Juli, dabei. Die Grauen Panther feiern ihn jedes Jahr. Diesmal sind 12 von ihnen gekommen, mehr nicht. Dabei hat Kurzbach den ganzen Morgen lang, im blauen Kittel, vor dem Kaufhaus am Hermannplatz um Sympathisanten geworben. „Tun Sie was gegen die Armut der Trümmerfrauen“, hat sie gerufen und die Pressemitteilung geschwenkt, auf der die Grauen Panther eine „Mindestrente à la Beamtenstatus von ca. 1.250 Euro“ fordern.

„Das ist keine Partei“, ruft Kurzbach, „das ist ein Seniorenschutzbund.“ Die Schlagworte Mindestrente und Seniorenschutz locken ältere Menschen an. Das Gefühl, hilflos gegenüber der Altersarmut zu sein, scheint verbreitet. Sogar ein junger arbeitsloser Mann geht ein Stück in die Hasenheide mit.

Vor dem Trümmerfrauen-Denkmal treffen sich die Grüppchen. Resigniert sitzt die Skulptur von Katharina Singer seit 1955 auf steinernen Treppen im Blumenbeet, den Hammer auf ihren Knien, ein Cape um die Schultern, den Blick wehmutsvoll zum Himmel gerichtet. Ihr Tuch hat sie am Hinterkopf zusammengebunden. Die Künstlerin wusste wohl nicht, dass frau damals „oben“ trug.

„Wir haben geradezu eine Ehrenpflicht diesen Frauen gegenüber“

So wie die Künstlerin hat sich auch die Politik wenig um die Situation der Schuttfrauen gekümmert.“ 1987, erklärt Anke Kawaschinski, „wurden US-Präsident Ronald Reagan fünf Berliner Trümmerfrauen vorgeführt.“ Mehr als einen Händedruck gab es für sie nicht. Eine von ihnen, die damals 66-jährige Ruth-Silvia Niendorf, erhängte sich drei Wochen später. Sie konnte eine Mieterhöhung von 76 DM bei einer Rente von 700 Mark nicht verkraften. „Scham und Altersarmut“, sagt Kawaschinski, und die Umstehenden nicken.

1945 führte der Alliierte Kontrollrat die Arbeitspflicht für Frauen zwischen 15 und 50 Jahren ein. In allen Besatzungszonen wurden Arbeitskräfte zwangsverpflichtet, und Frauen mussten Schutt wegräumen. „Bauhilfsarbeiterinnen“ hieß es im Amtsdeutsch, rubbel women sagen die Amerikaner. Bis zu 60.000 Frauen waren es, die die schwere und gefährliche Arbeit verrichten mussten. Dächer und Wände stürzten ein und begruben die Arbeiterinnen oft genug unter sich. Bis 1949 beseitigten die Trümmerfrauen in Berlin 5 Millionen Tonnen Schutt. In der DDR bekamen die Trümmerfrauen den Ehrentitel „Aktivistin der ersten Stunde“ und hatten ein Vorrecht bei der Vergabe von Wohnungen. 1953 wurde die sozialistische „Aufbauhelferin“ in der Rathausstraße in Mitte aufgestellt. Fritz Cremers Skulptur ist eine junge, tatkräftige Frau, unterwegs zu einer neue Zeit, mit der Schippe über der Schulter.

Ganz anders sah es im Westen aus. Umsonst mahnte dort Louise Schröder von der SPD im Oktober 1949 im Bonner Parlament: „Wir haben geradezu eine Ehrenpflicht diesen Frauen gegenüber.“ In der Bundesrepublik bekamen die Trümmerfrauen weder Vorrechte noch Rentenansprüche. Erst nach Niendorfs Tod kam ein bisschen Bewegung in die Politik: Vor 1921 Geborene erhielten einen zusätzlichen Rentenbetrag pro Kind.

„Tolle Frauen waren das“, erklärt die dynamische 76-Jährige in der Hasenheide. „Hut ab“, sagt auch ein stehen gebliebener Jogger. Eine unter den Versammelten, flüstern die Grauen Pantherinnen, habe auch getrümmert. Sie aber will lieber nicht darüber sprechen. Viel lieber möchte sie darüber reden, wie sie zu den Grauen Panthern gekommen ist. Wie man sie aus ihrer Wohnung vertreiben wollte und man ihr beim Seniorenschutzbund geholfen habe.

Paula Apitz bedauert, dass die Trümmerfrauen nicht mehr über sich erzählen wollen. Sie konzipiert eine Ausstellung, die im September im Antikriegsmuseum in Wedding eröffnen soll. Ihre erste Idee: Interviews mit Trümmerfrauen, die sich die Besuchenden auf Monitoren anschauen können. Dazu kommt es sicher nicht, denn Apitz versteht, dass die Frauen nicht gerne über diese Zeit reden. „Da schwingen auch Fragen über das eigene Leben zur Nazizeit mit.“

Tatsächlich wurden zunächst vor allem Familienangehörige ehemaliger NSDAP-Mitglieder zur Arbeit verpflichtet. Doch ab August 1945 entschieden sich viele Frauen aus blanker Not zum schlecht bezahlten Aufräumjob. „Wir haben damals nachts ständig Kartoffeln und Kohlen geklaut“, erklärt eine.

Viel wird in der Hasenheide nicht von den Trümmerfrauen gesprochen. Wie viele der ehemaligen Arbeiterinnen noch leben, weiß man nicht. Es gibt dazu keine Zahlen. Und so ist es eher ein solidarisches Gefühl mit den Frauen, das Gefühl, im Alter betrogen zu werden, die Angst vor Armut, die die Gruppe an diesem Tag zum Denkmal kommen lässt. Nach der kurzen Ansprache verteilt Kawaschinski Formulare für den Widerspruch gegen Rentenungerechtigkeiten.