Felix Krull lässt grüßen

DOKTORSPIELE Gert Postel, legendärer Hochstapelexperte und Ärzteverarscher, will in seiner Heimatstadt Bremen seine erste Lesung abhalten. Doch die Heimatzeitung straft ihn mit Nicht-Beachtung

taz: Guten Tag, hier ist der Weser-Kurier. Wir machen das große Interview jetzt doch, Herr Postel.

Gert Postel: Wirklich? Das ist ja toll! Wie haben Sie denn die Chef-Redakteurin rumgekriegt?

Na, nachdem Sie sich so vehement über das abgesagte Interview beschwert hatten, ist sie in sich gegangen und hat den Maulkorb aufgehoben …

Wunderbar, wann treffen wir uns?

Also, eigentlich bin ich doch taz-Mitarbeiter …

Die Methode Postel funktioniert auch bei Postel selbst. Sie besteht darin, Leute unter Vorspiegelung einer falschen Identität anzurufen, um erschwindelte Qualifizierungen und Positionen flankierend abzusichern. Als „Staatsanwalt“ erhielt er Auskunft über den Stand der Ermittlungen gegen ihn, als „Psychiatrieprofessor“ überzeugt er Ministerialmitarbeiter von den Fähigkeiten des Bewerbers Postel. Mit diesem System der sich gegenseitig stabilisierenden Hochstapeleien ist der gelernte Postschaffner im Prä-Internetzeitalter bemerkenswert weit gekommen. In Flensburg arbeitete er als Amtsarzt „Dr. Dr. Clemens Bartholdy“, dann hielt er sich 20 Monate als Oberarzt im sächsischen Zschadraß, wo er für den forensischen Maßregelvollzug zuständig war und Gerichts-Gutachten verfasste. Sein Buch „Doktorspiele“, geschrieben im Gefängnis, wurde nicht nur für die Antipsychiatrie-Bewegung zum Aha-Erlebnis.

In den vergangenen Jahren war es um Postel recht still geworden, zuletzt wurde er als Experte zum Fall Guttenberg interviewt („Mir wäre das nicht passiert!“). Nun aber kämpft er in seiner Heimatstadt Bremen gegen den Weser-Kurier, dessen Chefredakteurin ein anlässlich einer Lesung verabredetes Interview canceln ließ. „Besondere Gründe“ habe es dafür nicht gegeben, heißt beim Weser-Kurier auf Nachfrage. Allerdings kann das Verhältnis als ambivalent gelten: Schon als Jugendlicher pflegte Postel das Blatt mit kleinen Falschmeldungen zu narren. Nach derartigen Fingerübungen arbeitete er Mitte der 80er mit Reiner Pfeiffer zusammen, dem er mit falschen Empfehlungen zum Einstieg in die Pressestelle von Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Uwe Barschel verhalf. Auch die Aids-Verdacht-Attacke auf Barschels SPD-Konkurrenten Björn Engholm soll von Postel in der Rolle des Arztes Dr. Wagner lanciert worden sein.

Bei Radio Bremen gelte er nun ebenfalls als Persona non grata, klagt Postel. Getarnt als NDR-Redakteur will er in einem langen Telefonat mit den Bremer „Kollegen“ immerhin herausbekommen haben, dass man ihn bei der Lesung mit der moralischen Fragwürdigkeit seines Hochstapelns konfrontieren will.

„Nicht jede Falschaussage hat die sittliche Qualität einer Lüge“, betont Postel heute, der sich selbst als „sehr integren Menschen“ bezeichnet. Man müsse eben zwischen Rolle und Privatmensch unterscheiden. Von was lebt er heute, so als Privatmann? „Eine obszöne Frage“, sagt Postel. Er beschäftige sich vornehmlich mit Schopenhauers Metaphysik, derzeit lese er dessen Dissertation über die vierfache Wurzel des Satzes vom „zureichenden Grund“. Diese Auskunft klingt glaubwürdig: Für wissenschaftliche Qualifizierungen hat sich Postel schon immer interessiert.