Weißer Knopf statt roten Sterns

Geht es nach den Besuchern der Revival-Konzerte der exjugoslawischen Kultband Bijelo Dugme, dann sind Serben, Kroaten und Bosnier wiedervereinigt – zumindest als Fans

Bijelo Dugme (Weißer Knopf) haben mal wieder einen Rekord gebrochen: Nach Angaben der Veranstalter besuchten 250.000 Fans das gestrige Konzert der wichtigsten Rockband Exjugoslawiens im Hippodrom der serbischen Hauptstadt Belgrad. Auch wenn Kritiker von weniger Gästen ausgehen, so war der Auftritt definitiv der größte in der Geschichte der jugoslawischen Rockmusik.

Vor zwei Wochen hatten Bijelo Dugme in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo – der Heimat der Bandmitglieder – vor 65.000 Besuchern gespielt, am vergangenen Dienstag vor 70.000 Fans im kroatischen Zagreb. Schon in den Wochen vor der Minitournee der wiedervereinigten Band leuchtete das Logo von Bijelo Dugme, weiße Knöpfe, von Werbeplakaten für Bier, Autos und andere Produkte. Coca-Cola-Flaschen in Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien waren mit „Wir sehen uns bei Bijelo Dugme“ bedruckt. Seit Wochen meldeten Zeitungen täglich, Radio und TV-Sender stündlich Details zu den Auftritten der Band um Goran Bregović alias „Brega“, der dem Rest der Welt als Komponist der Soundtracks zu den Filmen von Emir Kusturica bekannt ist.

Bijelo Dugme sind eine balkanische Legende. Von der Gründung der Band 1974 bis zur Auflösung 1989 haben Bregović und Co. neun Langspielplatten veröffentlicht. Auf ihnen findet sich kaum ein Song, der kein transjugoslawischer Megahit geworden wäre. In den Siebzigerjahren führte die größte Plattenfirma Jugoslawiens, Jugoton, extra für Bijelo Dugme die „Diamantene Platte“ ein: Die Verkaufszahlen hatten jeden Maßstab für eine Goldene gesprengt.

Bijelo Dugme war die erste Rockgruppe Jugoslawiens, die in Fußballstadien auftrat. Bregović und Co. sind Superstars für Generationen von Exjugoslawen. Vor dem Auftritt in der kroatischen Hauptstadt Zagreb hörte ich in einem Café zwei ältere Damen: „Gehst du heute Abend auch zu Brega?“ – „Nein, leider nicht, irgendwer muss schließlich auf die Urenkel aufpassen.“ Enddreißiger berichten, dass es für sie als Teenager nur drei Bands auf der Welt gab: Abba, Boney M und Bijelo Dugme. Vor der Bühne im Zagreber Maksimir-Stadion fand sich eine Gruppe von 17-Jährigen, die blaue T-Shirts und rote Halstücher trugen und sich als „Bregas Pioniere“ vorstellten – eine Anspielung auf den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Tito und die kommunistische Jugendorganisation zu Zeiten des gemeinsamen Staates von Bosniern, Kroaten und Serben.

Bei den Konzerten war zu beobachten, dass das gesamte Publikum alle Texte auswendig mitsingen konnte. Selbst die massenhaft anwesenden Vertreter der Polizei, die zum Teil ausgerüstet waren, als wären sie zum Kreuzberger 1. Mai ausgerückt, sangen mit. Nach den Auftritten drehten sich in den Cafés weiterhin alle Gespräche um Bijelo Dugme.

Ist der Erfolg der Revivalkonzerte einem Wunsch nach einer Wiederherstellung der alten Föderation geschuldet? Steht der „weiße Knopf“ letztendlich für Jugo-Nostalgie? Tatsächlich sind die Konzerte von Bijelo Dugme Indikatoren für eine Normalisierung im Jahr sechs nach dem Ende der Jugoslawienkriege. In der Ausgabe der Zagreber Tageszeitung Večernji list am Tage des Bijelo-Dugme-Auftritt fand sich neben dem zweiseitigen Konzertbericht eine kleine Meldung, der zufolge sich die Beziehungen zwischen der kroatischen Mehrheit und der serbischen Minderheit im Lande mittlerweile weitgehend normalisiert haben. Vor und nach dem Auftritt von Bijelo Dugme im serbischen Belgrad begrüßten Fußgänger winkend Autos mit bosnischen und kroatischen Kennzeichen. Der Krieg ist vorbei! Und der weiße Knopf ist das Symbol des Friedens.