„Den Blick auf Geschlechter verwirren“

TRANS Lann Hornscheidt ist Organisat_orin der Ausstellung „to dyke_trans“. Ein Gespräch über Sexismus, Poesie und Toiletten

taz: Lann Hornscheidt, was finden Sie so schlimm an dem Song „Stand by your man“ von Tammy Wynette?

Lann Hornscheidt: Schlimm ist der Song nicht, aber in unserer Ausstellung gibt es eine umgeschriebene Version, „Stand by your trans“. Wir zeigen Kunst, die einen feministischen, ungewöhnlichen Blick auf „trans*“ hat, also auf alle, die nicht in ein klassisches Geschlechterbild passen. Wir wollten lustige, verwirrende oder herausfordernde Blicke – nur keine sexistischen.

Was wäre denn ein sexistischer Blick?

Der sexistische Blick ist leider sehr alltäglich und für unsere Gesellschaft prägend. Sexismus geht oft mit anderen Diskriminierungen einher, zum Beispiel Rassismus. Alle in dieser Gesellschaft sind daran stark gewöhnt.

Inwiefern?

Wenn Sie sich an ein Gespräch mit einer Person erinnern, können Sie deren Namen vergessen oder Beruf oder ob sie eine Brille trägt – aber Sie werden kaum vergessen, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Sexismus diskriminiert nicht nur Frauen, sondern schafft überhaupt erst Geschlecht und die Idee von zwei Geschlechtern.

Die Unterscheidung in Frauen und Männer ist generell sexistisch?

Die Idee, dass es nur Frauen und Männer gibt, ist diskriminierend. Überall gibt es Formulare, auf denen „männlich“ oder „weiblich“ anzukreuzen ist. Die Alltagssprache ist so gegliedert, wir nennen das „konventionelle Sprechhandlungen“. Menschen müssen sich ständig zu einer Einteilung in zwei Geschlechter verhalten, ob sie ein Unbehagen damit haben oder nicht. Aber nicht alle Menschen „passen“ in diese Einteilung. Schon die Einteilung von Toiletten schafft Zweigeschlechtlichkeit kontinuierlich. So werden viele darauf angesprochen, warum sie als „Männer“ auf die Frauentoilette gehen oder andersrum.

■ Lann Hornscheidt ist Professor_in für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin.

■ Die Ausstellung „to dyke_trans“ zeigt Werke von Zanele Muholi, Claude Cahun, Elisha Lim, Coco Riot, Goodyn Green, Anja Weber, Justin Time, Layla Zami, Lann Hornscheidt, Ja’n Sammla und Rae Spoon. Galerie Funke, Willibald-Alexis-Straße 13/14, 10965 Berlin, geöffnet bis 28. 5.: 16–20 Uhr, 29. 5.: 13–20 Uhr

■ Die Reihe „lab: Politicizing Trans/Trans_forming Politics“ (23. 5.–29. 5.), Veranstaltungen zu trans_politischen, nicht alltäglichen Ideen von Geschlecht und Gender, organisiert von der Humboldt-Universität, in der Lesbenberatung, GLADT und dem Südblock. Programm (Workshops, Vorträge, Ausstellung, Performances, Party): http://transformingpolitics.blogsport.de

■ Der dynamische Unterstrich (wie in „Küns_tlerinnen“) ist eine sprachliche Möglichkeit, Zweigeschlechtlichkeit aufzubrechen. Anders als beim Binnen-I (KünstlerInnen) oder beim festen Unterstrich (Künstler_innen) wird hier nicht einfach eine weibliche Form an eine männliche angehängt.

Für Ihre Ausstellung haben Sie dann Bilder gesucht, die solche Leute zeigen?

Ja. Es war erstaunlich, was wir dabei gefunden haben, nämlich keine Bilder von Communitys oder Demonstrationen, sondern fast nur Porträts einzelner Personen. Das ist doch interessant. Warum glauben die meisten Leute eigentlich, dass sie am Gesicht ablesen können, ob jemand ein Mann oder eine Frau ist? Die Genderforschung geht schon lange davon aus, dass Geschlecht konstruiert ist, etwas Gesellschaftliches. Die gewohnten Blickweisen suggerieren, dass es etwas ist, das an Individuen sozusagen festklebt. Der alltägliche Blick ist da sehr normiert.

Wollen Sie die Besuch_erinnen, die in die Ausstellung kommen, an einen anderen Blick gewöhnen?

Nein, wir wollen den Menschen nichts vorschreiben, sondern sie einladen, ihren Blick auf Geschlechter zu hinterfragen. Die Ausstellung richtet sich nicht nur an Leute, die sich schon lange mit Themen wie „queer“ oder „trans*“ beschäftigen, sondern an alle, die offen sind, sich herausfordern oder verwirren zu lassen und mit neuen Sichtweisen zu experimentieren. Das ist kein abgeschlossener Prozess, für niemanden von uns. Das Projekt „call me they“ versucht zum Beispiel ein neues Pronomen zu finden, damit man nicht immer „er“ oder „sie“ sagen muss.

Die Ausstellung gehört zu einer Veranstaltungsreihe mit einem ziemlich komplizierten Namen: „Lab: Politicizing Trans/Trans_forming Politics“ – erklären Sie mal.

Das Ganze soll ein Experimentierfeld zum Thema Geschlecht sein. Einerseits soll die Forschung der Gender Studies aus der Uni rausgeholt werden und politisiert werden, andererseits soll der politische Aktivismus mit neuen Wissensformen verknüpft werden.

Was heißt es, Forschung zu politisieren?

Das heißt zum Beispiel, nicht nur die Strukturen von Diskriminierung zu beschreiben, sondern auch die Leute zusammenzubringen, die damit zu tun haben. Wir wollen Netzwerke mit Küns_tlerinnen, Forscherin_nen, Aktiv_istinnen und allen Interessierten schaffen und diese Menschen empowern, also sie bestärken und für sie einen gemeinsamen Raum schaffen.

In Ihrem Seminar „Feministisch schreiben lernen“ sollen die Studierenden visionäre, antidiskriminierende Gedichte schreiben. Ganz normale Wissenschaft ist das nicht, oder?

Nein, und das soll es auch nicht. Poesie und Kunst vermitteln eine andere Form von Wissen als ein Aufsatz oder Vortrag, sie sind interaktiver. Aber klar, das geht weit über ein traditionelles Wissenschaftsverständnis hinaus.