Glücksforschung zur Midlife-Crisis: Es geht auch wieder bergauf

In der Mitte des Lebens werden Menschen unglücklicher – über Kulturen, Länder, soziale Unterschiede hinweg. Sogar Affen betrifft die Midlife-Crisis.

Eine Person macht einen Purzelbaum vor einer Bergkuliusse

Glücklich draußen beim Purzelbaum! Foto: Florian Stern/Plainpicture

Die Glücksforschung vermeidet das Wort Krise. Was umgangssprachlich Midlife-Crisis heißt, die Krise in der Mitte des Lebens, nennen For­sche­r*in­nen auf Englisch wertfreier „U-Shape“. U-Form. Demnach verläuft die Zufriedenheit über das Leben wie ein U: In jungen Jahren sind wir glücklich, nach dem 18. Lebensjahr geht es langsam bergab, im mittleren Alter kommt der Tiefpunkt – in Deutschland etwa bei Anfang 50. Danach geht es noch mal bergauf, im höheren Alter bis 70 sind wir wieder glücklicher.

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Fakt ist: Bei der sogenannten Midlife-Crisis handelt es sich nicht nur um Küchenpsychologie. Mehreren Studien zufolge lässt sich dieses Muster fast universell beobachten. Über verschiedene Kulturen, Länder und soziale Gruppen hinweg. Wie nähert sich Forschung einem so komplexen Phänomen, dessen Ursachen biologisch, psychosozial oder beides sein könnten?

Der britische Glücksforscher Alan Piper beschäftigt sich mit der U-Form. Um zu verdeutlichen, wie groß der Unterschied zwischen den glücklicheren jungen Menschen und den mittelalten weniger glücklichen ist, hat er einen Vergleich parat: „Der Unterschied zwischen der Jugend und der Lebensmitte ist etwa so groß wie der Unterschied zwischen Menschen, die nur schwer eine Treppe hinaufgehen können und jenen, denen dies keine Probleme bereitet.“ Der Unterschied ist also spürbar, einschränkend.

Selbst bei Menschenaffen gibt es einer Studie zufolge diese U-Form. Für die 2012 veröffentlichte Studie wurden Hunderte Schimpansen und Orang-Utans aus verschiedenen Zoos weltweit hinsichtlich ihrer Zufriedenheit beobachtet. Unter anderem sollten Tierpfleger*innen, die die Tiere seit mindestens zwei Jahren kennen, einschätzen: „Wie viel Zeit verbringt der Schimpanse glücklich, zufrieden, hat Spaß oder anderweitig gute Laune?“ Und tatsächlich: Die Affen in der Mitte ihres Lebens erschienen unglücklicher.

Biologie spielt mit

Obwohl das Phänomen so gut dokumentiert ist, gibt es noch keine eindeutige Erklärung dafür. Die Affenstudie deutet darauf hin, dass es zumindest teilweise biologisch bedingt sein könnte. Irgendwas macht uns Primaten offenbar in Richtung Mitte des Lebens unglücklicher. Die Studienautoren spekulieren über altersbezogene Hirnveränderungen; vielleicht verändern sich Primatengehirne übers Leben hinweg auf eine ähnliche Art und Weise, die unser Wohlbefinden beeinflusst?

Es ist nicht überraschend, dass es Ähnlichkeiten im Verhalten von Menschen, Schimpansen und Orang-Utans gibt – wir sind schließlich alle Primaten. Die DNA-Sequenz von Menschen und Schimpansen ist zu rund 99 Prozent gleich. Auch andere Primaten lachen, führen enge Beziehungen und Freundschaften. Sie benutzen Werkzeuge und ziehen bisweilen sogar in eine Art Krieg mit verfeindeten Gruppen. Sie zeigen Empathie, führen Konkurrenzkämpfe, haben wie Menschen Sex aus Spaß und nicht nur zur Fortpflanzung.

Alan Piper, Glücksforscher

Wenn wir uns zugehörig fühlen – in unserem Zuhause, in unseren Jobs –, das schützt uns teilweise vor dem Tief im mittleren Alter

Die Biologie bietet also eine mögliche Erklärung für das Phänomen der Midlife-Crisis, aber bei den Detailfragen hilft sie nicht weiter: Die U-Form fühlt sich längst nicht für alle Menschen gleich an. Zum Beispiel erleben Singles die Midlife-Crisis stärker als Menschen in Partnerschaften. Auch verweist Piper auf eine Untersuchung, wonach Menschen, die schon lange in ihrer Nachbarschaft leben, in der Mitte ihres Lebens zufriedener sind.

Woran das liegt? „Wenn wir uns zugehörig fühlen, in unserem Zuhause, in unseren Jobs, unserer Gesellschaft – ich denke, das schützt uns teilweise vor dem Tief im mittleren Alter“, ist die Theorie von Piper.

Die sozialen Konstanten

Grundsätzlich entsprechen Ergebnisse der empirischen Forschung zur Frage, was Menschen glücklich macht, den intuitivsten Antworten: eine schöne Beziehung, ein erfüllender und sicherer Job, ausreichend Geld zum Leben. Was eher unglücklich macht: Armut und schwere Krankheit, Arbeitslosigkeit. Wobei Menschen sich auch an erstaunlich viele Lebensumstände gewöhnen können, selbst wenn es sich zunächst nicht so anfühlen mag.

Auf die Midlife-Crisis übersetzt heißt das: Menschen mittleren Altern in einer glücklichen Partnerschaft, mit festem Job, in konstant gebliebener Nachbarschaft – diesen Menschen geht es in dieser Lebensphase besser. Das spricht dagegen, dass allein die Biologie die Midlife-Crisis vorbestimmt. Das U lässt sich vielleicht verhindern oder zumindest abschwächen.

Neben den Daten über Lebenszufriedenheit sprechen weitere Daten für die Theorie dieser U-Form: Ein dazu passendes Muster kann für andere Entwicklungen beobachtet werden, die zum Verlauf der Lebenszufriedenheit passen. Zum Beispiel nehmen Menschen tendenziell in einem umgekehrten Muster Antidepressiva ein: bis zur Lebensmitte in einer Art Berg-Form immer mehr und danach wieder weniger. Suizide nehmen in Richtung Lebensmitte zu und danach wieder ab.

Zur Theorie der U-Form wurden zwar bereits zahlreiche Untersuchungen veröffentlicht, aber es gibt auch Kritik. Ein Kritikpunkt stellt die Universalität des Musters in Frage. Es geht um eine statistische Frage: Es ist in vielen Forschungsgebieten und auch der Glücksforschung üblich, mithilfe von Kontrollvariablen bestimmte Lebensumstände aus dem Ergebnis „herauszurechnen“. Wenn es beispielsweise darum geht, wie glücklich Köche versus Journalistinnen sind, sollte es keine Rolle spielen, wer verheiratet ist. Zumindest, wenn sich das Ergebnis auf die Berufe der Gruppen beziehen soll. Also wird mithilfe der Kontrollvariablen der Unterschied, der daher kommt, ob jemand verheiratet ist oder nicht, herausgerechnet.

Kritische Zone 70+

Der britische Soziologie-Professor David Bartram findet das beim U-Muster falsch: Das verzerre die Ergebnisse, weil Kontrollvariablen nur dann sinnvoll seien, wenn beide Variablen – hier also Alter sowie Zufriedenheit – davon beeinflusst würden. Aber, wie Bartram betont: Nichts verändert das Alter. Menschen altern, ob sie verheiratet sind oder nicht. „Wenn es Kontrollen für den Familienstand gibt, reflektiert das Ergebnis nur die Erfahrung von Menschen, die ihren Partner nicht verlieren“, sagt er als Beispiel. Aber: Manche Lebensumstände gehen eben mit dem Alter einher, wie zum Beispiel schlechtere Gesundheit oder eben der Verlust des Partners.

„Je älter Menschen werden, desto eher passieren ihnen negative Dinge“, sagt Bartram. Und wenn wir diese Dinge rausrechnen, würden wir seiner Ansicht nach so tun, als gäbe es sie nicht. Dadurch werde die Kurve dahingehend verzerrt, dass es fälschlicherweise so aussieht, als ginge die Zufriedenheit im Alter wieder hoch. Stattdessen ist seine Theo­rie, dass die Zufriedenheit zwar durchaus zur Lebensmitte hin sinkt, aber niedrig bleibt und nicht wieder steigt.

Ein weiterer Kritikpunkt: In den Studien geht es zumeist um Menschen bis 70, weil das Todesalter in den zu vergleichenden Ländern sehr unterschiedlich ist. Die Kritik: Dieses Beschränken auf Menschen bis 70 lässt außer Acht, dass es danach zu einem recht deutlichen Abfall an Lebenszufriedenheit kommt. Nachvollziehbar: Immer mehr Menschen im eigenen Umfeld sterben, möglicherweise gar der*­die Partner*in. Die eigene Gesundheit wird schlechter. Das bildet das U nicht ab.

Wis­sen­schaft­le­r*in­nen wie Alan Piper sehen durchaus, dass die U-Form vor allem das Arbeitsleben abbildet, also die Zeit bis 70. Piper verneint nicht, dass die Zufriedenheit danach durchaus wieder abnimmt. Aber er verteidigt das Phänomen: Das Muster sei auch in Studien ohne Kontrollen beobachtet worden. Es gebe Hunderte Studien, die das Phänomen zeigen.

Alan Piper schlussfolgert aus seinen Beobachtungen, dass dieses Midlife Low tief verwurzelt ist in unserem Dasein. Wie lässt es sich abschwächen? „Meine scherzhafte Antwort wäre: Habt glückliche Ehen!“, sagt Piper. „Aber ernsthaft: Wahrscheinlich helfen hier die gleichen Maßnahmen wie bei der ­Bekämpfung von Einsamkeit.“ Dagegen wirke es, wenn man ­Menschen dabei helfe, sich in ihrer Gemeinschaft zu engagieren. Also das Gefühl von Zugehörigkeit zu befördern.

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