Politik in Latzhosen

PIRAT Gerwald Claus-Brunner sitzt seit Oktober im Berliner Parlament. Dort versucht er als Quereinsteiger das System zu prägen. Mit Erfolg?

Am 19. März kurz nach 17 Uhr in einem Einkaufszentrum in Berlin-Tempelhof, an einem Stehtischchen gegenüber einer „Pimkie“-Filiale passiert es dann.

Gerwald Claus-Brunner, ein Hüne von der Piratenpartei, der lange Haare trägt, eine orangefarbene Latzhose, eine neongelbe Jacke und ein Palästinensertuch um den Kopf, dieser merkwürdige Typ also, der noch vor gut einem Jahr von Zeitarbeitsjobs oder Hartz IV lebte, seine Tage und Nächte vor allem damit verbrachte, Fantasy-Spiele mit einer Armee kleiner bemalter Trollfiguren zu spielen. Dieser Berg von einem Menschen, dem man das Außenseiterhafte schon von Weitem ansieht, an der gewaltigen Statur, am Trotz im Gesicht. Dieser Gerwald Claus-Brunner, der Pirat in der Latzhose, er hat sich tatsächlich in einen Politiker verwandelt. In einen von diesen Künasts, Gabriels, Westerwelles. Er ist jetzt einer von denen, die ihn und seine Partei so sehr fürchten.

Es hat eine Weile gedauert, der Stress hat beinahe sein Privatleben ruiniert, die ganze Fraktion hat sich gestritten, es war wirklich nicht immer einfach.

Aber jetzt ist Gerwald Claus-Brunner ein richtiger Volksvertreter. Einer, der sich kümmert, wenn Bürgersprechstunde ist im Einkaufszentrum, und die Menschen mit ihren Sorgen kommen, zum Beispiel das ältere Ehepaar mit dem polnischen Akzent, das jetzt in Winterjacken vor ihm steht und erzählt, wie die Briefe von Anwälten ins Haus geschneit kamen und sie am Ende Hunderte Euro zahlen mussten, nur weil sie eine Pink-Floyd-CD auf eBay versteigern wollten.

Gerwald Claus-Brunner schiebt ein bedrucktes Blatt Papier über das Stehtischchen, er ist 39 Jahre alt und erst seit wenigen Monaten im Berliner Abgeordnetenhaus. Er hat die Schlachtfelder und Fabelwesen seines Spieleuniversums verlassen, ist bei den Piraten eingetreten, „weil ich aufhören wollte, zu motzen, und selbst was tun“. Auch dafür muss man in Deutschland Formulare ausfüllen, das hat Claus-Brunner inzwischen gelernt. Er hält dem Ehepaar also das Papier hin, sagt wegen Pink Floyd: „Immer erst mal Widerspruch einlegen! Und Kopien machen!“, erklärt dann einer Verkäuferin, wie ein Petitionsausschuss funktioniert und läuft nicht weg, als ein wütender Mann ruft, er habe gerade eine Bürgerwehr gegründet.

Gerwald Claus-Brunner, der neongelbe Freak in Latzhosen, sieht nicht aus wie ein Politiker. Aber in diesem Augenblick im Tempelhofer Einkaufszentrum könnte er seine Sache nicht besser machen. Er hilft den Leuten. Er ist nett. Vielleicht sogar einer der nettesten Politiker, den die Stadt in diesem Moment hat.

Die anderen können ihn und seine Piratenpartei nicht mehr einfach als Clownsverein abtun. Gerwald Claus-Brunner ist echte Konkurrenz.

Das sah nicht immer so aus.

Am 27. Oktober vergangenen Jahres nicht. Als Claus-Brunner mit 14 anderen Piraten das erste Mal im großen Saal des Berliner Abgeordnetenhauses Platz genommen hat nach einem Wahlsieg der Piratenpartei, der sie mit 8,9 Prozent ins Parlament der Hauptstadt katapultierte.

Als die Piraten sich hinsetzten mit ihren Kapuzenpullovern und Mützen und die Notebooks aufgeklappt haben. Als sie von den Anzugpolitikern der anderen Parteien halb spöttisch, halb gönnerhaft begrüßt worden sind wie Kinder, die mal die Erwachsenen im Büro besuchen dürfen. Als die Piraten in dieser Sitzung gleich losgelegt haben mit einem Antrag auf Änderung der Geschäftsordnung, weil sie die kleinen Fraktionen benachteilige. Und wie dieser Antrag geräuschlos in die Ausschüsse abgeschoben wurde von den anderen Parteien. Da sah es nicht so aus, als würde das wirklich was werden.

Als Gerwald Claus-Brunner draußen vor dem Saal von al-Dschasira, BBC, einem polnischen Radiosender und einem japanischen TV-Team interviewt wurde, Sätze raushaute wie: „Alle Latzhosenträger können nicht so viel Schaden anrichten wie ein Anzugträger“ oder „Natürlich werden wir Fehler machen. Wer keine Fehler macht, ist ’ne faule Sau“. Und wie er plötzlich alle Interviews abgebrochen hat: Er habe „Kohldampf“ und müsse sich eine Bulette besorgen.

Das sah nicht gleich sehr professionell aus.

Es dauerte dann auch nur ein paar Tage, bis Gerwald Claus-Brunner den ersten kleinen Skandal am Hals hatte. Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch beschwerte sich über sein Palästinensertuch: Wer so ein Tuch trage, signalisiere „eine nationale, antijüdische Gesinnung und Sympathie für Gewalttätigkeit im Kampf gegen die westliche Modernität“.

Die Eltern schlagen, Mitschüler hänseln ihn

„Antijüdische Gesinnung?“, Gerwald Claus-Brunner brüllt fast. Es ist der 4. November 2011 in einer Bäckerei in einer ruhigen Wohnstraße im Berliner Bezirk Steglitz. Und da ist schon das Drama zu erkennen, das passiert, wenn ein Laie in die Politik eintritt und in das Räderwerk einer Medienmaschinerie gerät, die darauf ausgerichtet ist, knallige Schlagzeilen zu produzieren.

Gerwald Claus-Brunner sitzt in der Bäckerei, unweit seiner Mietwohnung. Wegen des Knobloch-Vorwurfs klingelt dauernd das Handy, sein Versuch, mit einem Becher Kakao ein bisschen Abstand zu bekommen, geht daneben. Claus-Brunner schreit: „Frau Knobloch hat kein einziges Mal versucht, mit mir persönlich zu reden!“ Am Abend vorher hat er eine Stellungnahme an einen Journalisten von der Welt durchgegeben, an die Nachrichtenagenturen. Seine Meinung ist draußen. Aber die Journalisten rufen weiter an. „Sie wollen doch nur, dass ich jetzt einen Fehler mache“, klagt er laut ins Telefon. Auf die Idee, es auszuschalten, kommt er nicht.

Gerwald Claus-Brunner hat sich schon öfter schwergetan mit seiner Umwelt. Das Wesen eines Menschen ist auch die Summe seiner Erfahrungen. Aufgewachsen ist Claus-Brunner auf einem Bauernhof in einem Dorf in Niedersachsen. Die Eltern waren streng, haben die fünf Kinder geschlagen, mit Stöcken, mit einem Gürtel, was gerade zur Hand war, knurrt Claus-Brunner. In der Schule wurde er gehänselt, weil er nach Kuhstall roch. „Ein Aggrokind“, sagt er. Mit 13 zündete er im Wald 50 Kilo Ammoniumnitratdünger an, „das gibt schon eine ganz ordentliche Detonation“, immer wieder schlug er andere zusammen. Er hörte erst auf, als er zwanzig war, als schon Gefängnis drohte. „Auskoppelung aus der Gesamtgruppe“, fasst Claus-Brunner seine Jugend zusammen.

Noch in Niedersachsen machte er eine Lehre zum Fernmeldeelektriker, ging drei Jahre zur Bundeswehr, fand heraus, dass er schwul ist, wurde versetzt. Als sein erster Freund bei einem Autounfall ums Leben kam, hätten seine Eltern gesagt: Gut, dass er tot ist. Den Kontakt zu ihnen hat er abgebrochen.

Er ging dann als Elektriker auf Montage, arbeitete am Gotthardtunnel in der Schweiz, auf dem Olympiagelände in Athen. Draußen auf den Baustellen der Welt war er freier als vorher in den Ställen und Stuben. „Rauszukommen war nicht schlecht“, sagt Claus-Brunner.

Er merkt: Alles an ihm hat jetzt eine Bedeutung

Im Jahr 1995 hat ein Kollege ihm auf einer Baustelle in Israel, in der Nähe von Haifa, das Palästinensertuch geschenkt, das jetzt die Aufregung verursacht. „Auf dem Bau hat jeder dort so ein Tuch auf dem Kopf: Gegen die Sonne“, erklärt Claus-Brunner. „Ich bin doch kein Antisemit.“ Er sagt, dass er eine jüdische Großmutter hat. „Und ich werde das Tuch tragen, solange mir das Grundgesetz das Recht der freien Meinungsäußerung einräumt.“ Es ist der Satz, den er sich für die Medien zurechtgelegt hat.

Irgendwann, als das Telefon immer weiterklingelt, stößt Claus-Brunner seinen Stuhl nach hinten, stürmt aus der Bäckerei, durchschreitet mit Riesenschritten und einem wütenden Schweigen diesen kalten Krisenmorgen, ein Abgeordneter der Piratenpartei mitten drin im ersten Katastrophenmanagement. Man kann sich gut vorstellen, dass er als Jugendlicher jetzt einige Düngersäcke in die Luft gejagt hätte. Es ist wohl auch der Moment, in dem selbst ein Sturkopf wie Claus-Brunner begreift, dass die Worte, mit denen man um sich schmeißt, die Kleidung, die man trägt, überhaupt alle Zeichen, die man sendet: dass sie eine Wirkung auslösen können, wenn man in die Politik geht.

Er hängt sich jetzt immer eine Kette mit Davidstern um.

Und vielleicht ist das der Anfang. Der Zeitpunkt, an dem aus dem Außenseiter Gerwald Claus-Brunner allmählich der Berufspolitiker wird. Es ist eine gewaltige Anstrengung.

■ Szenario I: Der Berliner Erfolg der Piraten setzt sich in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen fort. Die neue Partei im Parlament zerstört rot-grüne Träume. Nur die CDU freut sich – so läuft alles auf eine große Koalition hinaus.

■ Szenario II: Die Piraten etablieren sich in den Länderparlamenten. 2013 ziehen sie in den Bundestag ein. Sie twittern aus Sitzungen, stellen banale, aber deshalb unbequeme Fragen und verweigern sich der Fraktionsdisziplin.

■ Szenario III: Die Wähler fordern nun auch von den anderen Parteien, Sitzungen öffentlich zu machen, mindestens als Übertragung per Livestream. Wer im Hinterzimmer kungelt, muss damit rechnen, Anhänger zu verlieren.

Zum Beispiel die ersten Fraktionssitzungen. Sie sind ein ziemliches Durcheinander. Das liegt nicht nur daran, dass die neuen Abgeordneten noch keine Büros haben, dass sie in einem viel zu kleinen Konferenzraum hausen, wo sich auf den Tischen Flaschen drängeln, Notebooks, Papiere, auf dem Boden Kabelsalat.

Es liegt vor allem an den Piraten selbst. Sie diskutieren. Endlos. Über die Sitzordnung, über die Position der Tische. Sie diskutieren, ab wann man eine Fraktion ist, wer eine Pause braucht und darüber, warum man denn wieder so lange diskutiert. Da kann auch das System namens LiquidFeedback kaum helfen, mit dem sich die Piraten sonst online mit ihrer Basis abstimmen. Was soll die Basis zu solchen Detailfragen sagen? Nein – allein in der Fraktion ist es schon kompliziert genug. Die Sitzungen dauern Stunden, am Ende wird die Hälfte vertagt.

Claus-Brunner meldet sich für sechs Ausschüsse: Hauptausschuss, Petitionsausschuss, Sonderausschuss zur Offenlegung der Wasserverträge, Bauausschuss, Unterausschuss Bezirke, Unterausschuss Beteiligungsmanagement und Controlling. Fast wirkt es so, als habe er ein schlechtes Gewissen wegen der rund 2.400 Euro netto, die er jetzt jeden Monat verdient. Um halb acht Uhr morgens sitzt er im Büro, meist bis tief in die Nacht. Für das Maschinenbaustudium, das er anfangen wollte, hat er Urlaubssemester beantragt. Andreas Baum, Fraktionsvorsitzender der Piraten, sagt: „Er ist ein Arbeitstier“.

Seine erste Rede vor dem Plenum hält Gerwald Claus-Brunner am 8. Dezember um 15 Uhr 23. Es geht um den Berliner S-Bahn-Verkehr, der regelmäßig zusammenbricht. Er steht am Mikrofon, wird immer schneller und lauter, herrscht dann ins Mikrofon: „Wo der Privatisierungswahn hinführt, sieht man in England!“ Einzelne Abgeordnete lachen, der Parlamentspräsident unterbricht: „Schreien Sie doch nicht so! Die Kollegen sind nicht schwerhörig!“

Als Claus-Brunner zu seinem Platz zurückstapft, klatschen die anderen Piraten.

Er schlägt sich wacker.

Trotzdem gibt es kurz vor Weihnachten noch Hauptstadtjournalisten, die von der Pressetribüne rufen, wenn sie Gerwald Claus-Brunner in seiner orange-farbenen Latzhose im Plenum sitzen sehen: „Ah, die Stadtreinigung ist auch da!“ Und es ist ein Dienstag kurz vor Weihnachten, als er auf dem Weg zur Fraktionssitzung im gläsernen Aufzug des Abgeordnetenhauses steht und sagt: „Das alles hier ist eine Mördergrube, rein menschlich gesehen.“ Ein großer müder Mann, getrieben von den Verhältnissen. Claus-Brunner stiert gegen die Glasscheibe des Aufzugs: „Ich betreibe Raubbau an mir selber und an denen, die ich kenne. Eigentlich bin ich völlig am Ende. Spaß ist was anderes.“

Claus-Brunner ist nicht unumstritten, auch in der eigenen Fraktion nicht. Es sind keine offenen Anfeindungen, eher Bemerkungen: Der Mitarbeiter, den Claus-Brunner eingestellt habe, sei zu faul. Wenn ein Fraktionskollege sich weigert, gemeinsam mit Claus-Brunner etwas zu erarbeiten, mit der Begründung, da kämen wohl kaum beide unversehrt heraus. Wenn es ums Geld geht. Als die Parlamentarier eine Neuregelung der Diäten diskutieren. Der Gesetzentwurf sieht vor, dass sich das Einkommen der Parlamentarier an dem Lohn von 15 ausgewählten Berliner Branchen orientiert. Das würde aktuell eine Erhöhung bedeuten. In der Fraktionsdebatte stimmt Claus-Brunner als einziger Pirat dagegen. „Wasser predigen und Wein saufen“, wirft er seinen Kollegen vor.

Man fragt sich, wie lange der Quereinsteiger Gerwald Claus-Brunner noch durchhält. Er sagt: „Ganz ehrlich, ich wäre jetzt lieber auf einer 14-Stunden-Schicht im Gotthard-Tunnel.“

Wie oft im Leben, kommt die Rettung im Privaten, in Form einer neuen Liebe. Ein alter Bekannter hat sich als neuer Liebhaber etabliert. Weihnachten gab es ein Candle-Light-Dinner, sie waren beim Kroaten essen. „Das macht einen glücklich“, erklärt ein gut gelaunter und frisch rasierter Gerwald Claus-Brunner an einem Januarmorgen an seinem Schreibtisch im Abgeordnetenhaus. Auch das Büro ist neu und aufgeräumt. Claus-Brunner teilt sich seine Arbeit jetzt besser ein, verlässt abends pünktlich um neun das Büro, freitags geht er früher nach Hause: „Da kann von mir aus der Planet abbrennen.“ Er hat seinen Mitarbeiter, der mit ihm die Termine durchgeht, auch einen Schülerpraktikanten, der ihm die Akten sortiert. Er weiß Bescheid über Antragsfristen, kennt die Formalitäten, die Ansprechpartner. „Die Routine hat den Stress abgelöst“, sagt er.

Die Fraktionssitzungen laufen besser. Wenn eine Diskussion auszuufern droht, wird sie einer kleineren Gruppe übertragen. Vielleicht sind nach den vielen Querelen, den langen Sitzungen alle zu erschöpft, um sich ständig anzugreifen. Vielleicht hat auch das Mediationswochenende etwas gebracht. Wahrscheinlich haben die Piraten einfach gemerkt, dass Diskussionen ziemlich zeitraubend sind. Das nützt der Politik.

Zwar schaffen es die Piraten derzeit vor allem mit zweifelhaften Äußerungen in die Medien: Der parlamentarische Geschäftsführer der Berliner Fraktion, Martin Delius hat neulich den Aufstieg der Piratenpartei mit dem der NSDAP verglichen. Auch grenzen sich einige nicht klar genug zu rechtsextremen Äußerungen einzelner Mitglieder ab. „Man muss solchen Tendenzen entschieden entgegentreten“, findet Claus-Brunner. „Wehret den Anfängen.“

Die Piraten bombardieren den Senator mit Fragen

Trotzdem: Nachtflüge am neuen Flughafen, Zwangsumzüge von ALG-II-Beziehern, Haftbedingungen für Jugendliche, die Sanierung einer Kongresshalle – ins Lokale haben sie sich eingearbeitet. Als bekannt wurde, dass die Berliner Polizei Millionen Funkzellendaten bei Mobilfunkanbietern angefordert hatte, um eine Serie an Brandstiftungen aufzuklären, sind es vor allem die Piraten, die die Debatte voranbringen. Sie bombardieren den Innensenator mit Fragen. Oder beim Schultrojaner, einer Software, die Schulrechner auf illegale Kopien urheberrechtlich geschützter Werke durchsuchen sollte. Die Piraten stellen eine große Anfrage an den Senat. Sie werden richtige Politiker.

Die Frage ist, ob ihnen das nutzt. Oder ob es genau das ist, was die anderen Parteien sich erhoffen. Dass die Normalität sie langweilig macht für die Wähler.

Claus-Brunner nimmt die Sache mit der Opposition ernst. Im Wasserausschuss vertritt er die Argumente der Bürgerinitiative, die sich für die Offenlegung aller Wasserverträge einsetzt. An einem kalten Nachmittag Anfang März steht er als Mitglied des Petitionsausschusses an einer viel befahrenen Straßenkreuzung in Berlin-Zehlendorf, hört sich die Argumente eines Vaters an, der hier eine Fußgängerampel für Schulkinder aufgestellt haben will. Wenn die Leute mit ihren Sorgen kommen, legt Claus-Brunner den Kopf schief, schaukelt vor Wärme.

Es kann sein, dass einer, der früher Außenseiter war, ein Gespür hat für die, die am Rand stehen. Vielleicht braucht das Land Typen wie ihn in Zeiten, in denen Politiker ölig daherkommen. Leute, die die Politik nicht als Karriereweg begreifen, sondern als Möglichkeit, Dinge zu verändern. Die Frage ist nur auch, ob Claus-Brunner tatsächlich etwas bewegen kann.

Gerade liegen die Piraten bundesweit in Umfragen bei um die zehn Prozent, auch bei den Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen werden sie die Fünfprozenthürde wohl nehmen. In Berlin hat sich die Zahl ihrer Mitglieder seit der Wahl fast verdreifacht. Andere Parteien schaffen das nicht in Jahrzehnten.

Was da los ist? Die Piraten sind im Schnitt jünger als die anderen, sie kennen sich mit dem Internet aus, sie haben einen Hang zu randständigen Themen. Aber das allein reicht nicht. Vor allem sind die Piraten einigermaßen mutig. Sie widersetzen sich dem Fraktionszwang. Sie tragen Konflikte öffentlich aus. Sie dreschen keine Phrasen. Wenn der parlamentarische Geschäftsführer Martin Delius etwas über die Geschäftsordnung sagt, ist das ohne Jurastudium nachvollziehbar.

Das färbt auch auf die anderen ab. Grüne und Linkspartei betonen neuerdings, bei ihnen seien die Sitzungen natürlich ebenso öffentlich. CDU-Abgeordnete wagen auf einmal, nicht einer Meinung zu sein – wenn auch nur im Ausschuss. Bezirke beschließen neue Gremien für Transparenz und Bürgerbeteiligung. Ein bisschen frische Luft weht durchs Berliner Abgeordnetenhaus. Eine Luft, die auch andere Parlamente erreichen könnte, falls die Piraten einziehen. Man könnte den Latzhosenabgeordneten Gerwald Claus-Brunner als erste bescheidene Erfüllung dieses Versprechens sehen. Nach ihrem Wahlerfolg im Februar haben ihn ein paar Piraten aus dem Saarland besucht. Claus-Brunner hat ihnen geraten, sich nicht vereinnahmen zu lassen, aufzupassen auf die Medien. Acht Monate nach seiner Wahl zum Abgeordneten wirkt es, als hätte hier einer seine Berufung gefunden.

Dann fühlt er sich wie eine Kulisse im Polittheater

Gäbe es da nicht den einen großen Haken: Oppositionspolitik ist auf Dauer ziemlich frustrierend. Die Anträge der Piraten werden fast alle abgeschmettert. „Oder so weit verändert, dass von uns nichts mehr zu erkennen ist“, schimpft er. Gerwald Claus-Brunner kennt so was nicht. Früher auf der Baustelle hat er geschuftet und hinterher stand ein Haus da. „Jetzt ist unsere Arbeit ja nur fürs Protokoll“, Claus-Brunner schaut in den Knoten seiner gefalteten Hände. „Wir sind nur Kulisse. Ob man jetzt rumhampelt oder nicht, ist egal.“

In die Regierung will er nur, wenn die Piraten eine absolute Mehrheit schaffen.

Auch die Bürokratie fällt ihm auf die Nerven. Selbst bei der so genannten spontanen Fragestunde im Plenum müssen die Fragen zehn Tage vorher schriftlich eingereicht werden. Gerwald Claus-Brunner patscht mit der Hand auf einen Papierstapel, der Schülerpraktikant nickt. Eine Revolution haben die Berliner Piraten bisher nicht geschafft.

„Parteien sind letztlich auch nur Teil des Systems, das man eigentlich ändern will“, knurrt Claus-Brunner. „Mir ist das alles viel zu angepasst.“ Vielleicht merkt er, wie auch er sich anpasst, anpassen muss, um in diesem System etwas zu erreichen. Vielleicht hat die Politik einem Unangepassten wie ihm aber auch einfach zu wenig zu bieten.

Bei Claus-Brunner blitzt es jedenfalls neuerdings wieder auf: das Leben neben dem Politikerdasein. Am Wochenende arbeitet er ab und zu für eine kleine Maschinenbaufirma in Berlin-Köpenick. Er spielt wieder häufiger mit seiner Trollfiguren-Armee.

Kürzlich hat Claus-Brunner sich neue Kleidung besorgt: Er besitzt jetzt auch Latzhosen in den Farben: gelb, schwarz, weiß und lila.