Polizei voll im Einsatz

Eine Frage der Identität: Weil er angeblich Türke sei, wollen die Behörden im Kreis Göttingen mit aller Macht einen libanesischen Familienvater abschieben, der seit 20 Jahren in Deutschland wohnt

Die Dorfstraße von Ossenfeld im Kreis Göttingen ist gesperrt. Ein Sondereinsatz-Kommando der Polizei macht sich zum Sturm auf ein Haus in der Ortsmitte bereit. Auf dem Grundstück rangeln Beamte, Flüchtlinge und ihre Unterstützer. Es setzt Tritte und Schläge, mehrere Menschen erleiden Verletzungen.

Der dramatische Polizeieinsatz am Mittwoch dieser Woche galt Ahmed Saado. Der 44-Jährige, der vor fast 20 Jahren vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland floh, soll abgeschoben werden – in die Türkei. Die Behörden unterstellen dem mehrfachen Familienvater, bei seiner Einreise falsche Angaben über seine Identität gemacht zu haben. Gestern saß Saado in Abschiebeknast Hannover. Sein Anwalt hat einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht eingereicht, um die Abschiebung doch noch abzuwenden.

Nach Angaben der Polizei entwickelten sich die Geschehnisse in Ossenfeld „eher zufällig“. Die Beamten hätten zunächst wegen eines Trickdiebstahls ermittelt, der Tat verdächtig sei einer der Söhne Saados. Bei der geplanten Hausdurchsuchung in Ossenfeld habe man den mit Abschiebehaftbefehl gesuchten Vater angetroffen, sagt Polizeisprecherin Jasmin Kaatz.

„Die Sache mit dem Trickdiebstahl war nur ein Vorwand, um in das Haus zu gelangen“, mutmaßt der Göttinger Arbeitskreis Asyl. Die Beamten hätten gar nicht nach der angeblich gestohlen Kamera gesucht. Vielmehr seien sie gleich in die Wohnung gedrängt und hätten dort gezielt nach Ahmed Saado gesucht.

Der verbarrikadierte sich unterdessen im Schlafzimmer, hielt sich ein Messer an den Hals und drohte mit seiner Selbsttötung. Erst nach Stunden langen Verhandlungen und auf Drängen seiner Rechtsanwälte verließ Saado schließlich das Haus und ließ sich abführen.

Nachdem er auf der Polizeiwache erneut Suizid-Absichten äußerte und einen Zusammenbruch erlitt, verbrachte Ahmed Saado die Nacht im Landeskrankenhaus. Am Donnerstag bestätigte das Amtsgericht die Inhaftierung.

Der AK Asyl kritisierte, dass der Richter lediglich aufgrund einer telefonischen Stellungnahme des Krankenhauses entschieden habe. Über vorliegende Gutachten, die bei Saado Depressionen und Suizidgefahr bestätigten, sei er nicht informiert gewesen.

Auf Veranlassung der Ausländerbehörde des Kreises Göttingen hatte die Polizei Saado bereits im vergangenen Jahr in Ossenfeld verhaftet und nach Hannover gebracht. Die schon terminierte Abschiebung scheiterte, weil Saado mit starken Magenbeschwerden ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Bei einem weiteren Abschiebeversuch traf die Polizei ihn nicht zu Hause an.

Die Familie Saado kam Ende der 80er Jahre aus dem Libanon nach Deutschland. Sie stammt nach eigenen Angaben von der Arabisch sprechenden Minderheit der Mahalmi ab, die früher im Südosten der Türkei lebte und von dort in den Libanon auswanderte. Sein Vater habe die Türkei im Alter von drei Jahren verlassen, erzählt Sohn Issam Saado. „Er spricht kein Wort Türkisch, in der Türkei wäre er verloren“.

Ehefrau und Mutter Amchi Saado hat einen libanesischen Pass. Vier der sieben Kinder wurden in der Bundesrepublik geboren, auf ihren Ausweispapieren ist als Nationalität „staatenlos“ vermerkt. Sie blieben in Deutschland vorerst geduldet, erklärt der Landkreis Göttingen. Auch Amchi Saado werde nicht abgeschoben. „Ihr steht es frei, ihrem Mann in die Türkei nachzureisen“, sagt ein Behördensprecher.

Im südlichen Niedersachsen leben rund 150 Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon, die abgeschoben werden sollen, weil ihnen die Ausländerbehörden eine türkische Staatsangehörigkeit unterstellen. Gerichte änderten bereits arabische in türkische Namen um. Für einige Familien stellte das türkische Konsulat in Hannover Passersatz-Papiere aus, die eine Ausweisung ermöglichen.