Der Unwille, Fußball zu spielen: Darmstadts Erben

Nicht nur Kinderfußball braucht neue Wettbewerbe. Der Männer-Bundesliga täten sie auch sehr gut.

Darmstadt: Fußballstadion am Böllenfalltor

Festung Darmstadt, Stadion am Böllenfalltor Foto: Bratic/dpa

Die gute Nachricht dieses Spieltags vorab: Vielleicht werden diese Saison die Männer des FC Bayern München tatsächlich nicht Meister. Sondern die derzeit berauschend schön spielenden Leverkusener oder – nein, nicht Dortmund.

Womöglich aber wird es doch der FC Bayern, obwohl der sich mittlerweile mit so viel Elan in Ligaspiele schleppt wie andere zum Jobcenter. Denn viele Optionen gibt es ja nicht in einer Liga, wo nur drei von 18 Teams überhaupt versuchen, Fußball zu spielen. Vor Jahren nannte man dieses Phänomen mal Darmstadtisierung. Etwas unfair, denn in den letzten sechs Jahren Darmstädter Abstinenz hat sich der Underdogfußball völlig ohne Darmstädter Zutun bis in die Höhenlagen ausgebreitet.

Frankfurt mauserte sich mit Rennen, Grätschen und Beißen vom Abstiegskandidaten zum Pokalsieger zum Europapokalsieger. Gladbach spielte dreimal Champions League, darunter ein Achtelfinale gegen Manchester City; eine Paarung, die schon zwei Jahre später nach Statistikfehler klingt. Und Union Berlin hat diesen Fußball zur logischen Konsequenz getrieben. Diese Klubs eroberten Herzen, aber Spitzenteams waren und wurden sie nie. Wer guten Fußball sehen will, braucht diese Liga nicht zu gucken.

Das ist längst keine gewagte These mehr, aber große Teile der Branche sind bekanntlich gegen Veränderung allergisch. Kürzlich gab es einen Aufschrei, als der DFB verkündete, ab 2024/25 im Kinderfußball die Tabellenwertung abzuschaffen, Festivals und neue Spielformen einzuführen. Es werde Kindern das Leistungsprinzip abtrainiert, tobten viele alte Männer, denen sonst nur das Gendern so viel Angst macht wie eine (vermeintliche) Abschaffung des Wettbewerbs und der Niederlage.

Dass durch Härte mehr Leistung entstehe, ist die Glaubenssäule dieser Gesellschaft, sie ein Friedrich Merz und Aki Watzke

Geht es um Erwachsenenfußball, reagieren ähnlich auch 99 Prozent der Fans. Dass durch ungleiche Konkurrenz und Härte mehr Leistung entstehe, ist die Glaubenssäule dieser Gesellschaft, es ist der Bogen, der von Friedrich Merz bis Aki Watzke reicht. Dieser Glaube treibt große Mehrheiten in die Darmstadtisierung. Rennen statt gestalten und zelebrieren, ängstliches Reagieren statt Kreativität. Wir zerstören Potenzial, das vorgeblich doch geweckt werden soll.

Wer im Kinderfußball tätig ist, weiß sehr gut, dass das aktuelle Setting guten Fußball eher verhindert. Doch warum sprechen wir darüber nicht in der Männer-Bundesliga? Sind neue Wettbewerbsformen dort wirklich so unvorstellbar? Aber natürlich geht es der selbst ernannten Leistungsgesellschaft gar nicht um bessere Leistung. Weder Bayern noch Darmstadt.

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Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum, Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen zum Beispiel im Fußball und übers Reisen. 2018 erschien ihr Buch "Wir sind der Verein" über fangeführte Fußballklubs in Europa. Erzählt von Reisebegegnungen auch auf www.nosunsets.de

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