Eine deutsche Intellektuelle

ABSTAMMUNG Entdeckungsreise in die Frühzeit des akademisch gebildeten Frauenlebens: Hilde Schramms Biografie „Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux“

VON ALEXANDRA SENFFT

■ Buch: „Meine Lehrerin Dr. Dora Lux. 1882–1959. Nachforschungen“ von Hilde Schramm ist im Rowohlt Verlag, Reinbek erschienen, 432 Seiten, 19,95 Euro

■ Autorin: Seit 1968 lebt die Erziehungswissenschaftlerin, Soziologin, Publizistin und ehemalige Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses in einer Groß-WG in einer Villa in Berlin-Lichtenrade.

■ Film: Über ihren Vater, den NS-Architekten und Rüstungsminister Albert Speer, hat sie in Heinrich Breloers Fernsehdokumentation „Speer und Er“ Auskunft gegeben.

Als das Land Berlin Hilde Schramm vor acht Jahren mit dem Moses-Mendelssohn-Preis zur „Förderung der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und zwischen den Völkern, Rassen und Religionen“ für ihr Lebenswerk auszeichnete, kündigte sie an, sie werde über Dora Lux schreiben. Dora Lux beziehungsweise, wie Hilde Schramm bis heute sagt, „Dr. Lux“ war in den Jahren von 1953 bis 1955 ihre Geschichtslehrerin. Das Besondere dabei: Hilde Schramm ist die Tochter von Albert Speer, dem Architekten, Rüstungs- und Wirtschaftsministers des „Dritten Reichs“, und Dora Lux Nachkomme einer jüdischen Familie.

Hilde Schramm, Mitbegründerin der Stiftung Zurückgeben, die jüdische Frauen in Kunst und Wissenschaft fördert, hat nun ein umfassendes Werk über diese beeindruckende Persönlichkeit vorgelegt. Dass Dora Lux heute im Allgemeinen völlig unbekannt ist, hatte wohl auch mit der Bescheidenheit dieser gelehrten Pädagogin zu tun, die äußerlich recht altbacken wirkte, in Wahrheit jedoch eine moderne Frau und Vorreiterin der Frauenbewegung war. Die Autorin nennt die aufwendigen und sorgfältigen Recherchen zu ihrem Buch eine „Entdeckungsreise in die Frühzeit des universitären Frauenstudiums“.

Erste Abiturientin

Dora Lux, geborene Bieber, kam 1882 in der preußischen Provinz Posen, im heutigen Polen, zur Welt. Fünf Jahre später traten ihre Eltern aus dem Judentum aus und ließen ihre Kinder evangelisch taufen. Doras Vater Georg Bieber, ein ehrgeiziger, aber erfolgloser Gutsbetreiber, erhoffte sich durch diesen Schritt, als königlicher Gutsadministrator in den Staatsdienst treten zu können. Als Jude hätte er diese Stelle nie bekommen, deshalb blieb ihm auch die erwünschte Militärlaufbahn versperrt. Sein Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung galt auch seinen Kindern – die Töchter Dora und Annemarie erzog er in Berlin nicht anders als die beiden Söhne und „vertraute [sie] einer der profiliertesten Frauenrechtlerinnen jener Zeit an“: Helene Lange, der Gründerin des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins.

Die Mädchen wurden durch diese Schulung schnell unabhängig und emanzipiert: Sie gehörten zu den ersten fünfzig Frauen, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts das Abitur machen konnten. Nach vielen Hindernissen promovierte Dora Lux als zweite Altphilologin 1906 an der Münchner Universität und gehörte 1909 zu den ersten neun Gymnasiallehrerinnen des Landes.

Mit Annemarie, die Ärztin geworden war, bezog sie am Bayerischen Platz in Berlin ein Haus und unterrichtete in Helene Langes Gymnasialkursen für Frauen: Latein, Griechisch und Geschichte. Die Schwestern leisteten sich eine Haushälterin, für Hausarbeit hatten sie weder Zeit noch Interesse. Dora, geborene Bieber, heiratete 1915 mit 33 Jahren Heinrich Lux, den Freund ihres Vaters. Der zwölf Jahre ältere Mann war Naturwissenschaftler, Techniker und politischer Publizist, der der Arbeiterbewegung nahestand. Dass sie die Ehe einging und zwei Töchter bekam, war unter den wenigen Akademikerinnen Deutschlands selten, weil diese nur im ledigen Stand Angestellte oder Beamte werden durften.

Obwohl Lux ihre Selbstständigkeit in dieser neuen Rolle teilweise aufgab, trug sie weiter entscheidend zum Lebensunterhalt der Familie bei und erzog auch ihre Töchter zur Unabhängigkeit. Sie und ihr Mann waren unkonventionell und Freidenker, wie auch der Rest der Bieber’schen Großfamilie, die Schramm ausführlich beschreibt. Deren jüdische Herkunft spielte ebenso wenig eine Rolle wie das angenommene Christentum, man definierte sich vielmehr über Begriffe wie Freiheit, Toleranz und Emanzipation.

Die Atheistin empfand es als Zumutung, sich ihrer Großeltern wegen als Jüdin definieren zu müssen

Als die Gymnasialkurse 1922 der „Inflation zum Opfer“ fielen, wechselte Dora Lux als Studienrätin zum Lette-Haus in Berlin-Schöneberg, einer angesehenen Berufsbildungsstätte für Frauen. 1933 wurde ihr fristlos gekündigt, vermutlich nicht nur aus „rassischen Gründen“, sondern auch aus politischen. Sie und Heinrich schrieben für die Zeitschrift Ethische Kultur, die Dora zeitweilig sogar redaktionell leitete. Sie nahm sich dort der verschiedensten Themen an und zeigte sich gegenüber der nationalsozialistischen Politik kritisch. Annemarie verlor derweil die Kassenzulassung, und die beiden Juristen der Großfamilie erhielten Berufsverbot.

Dora Lux empfand es als Zumutung, dass die Nazis ihr ab 1935 oktroyieren wollten, ihre Abstammung offenzulegen und sich der Herkunft ihrer Großeltern wegen als Jüdin zu definieren. Die Atheistin hielt nichts von Gruppenzuschreibungen, zitiert die Autorin eine Freundin der Lux. Sie habe „alle nationalen Verallgemeinerungen vermieden und einen Begriff wie ‚jüdische Intellektuelle‘ nie verwandt“. Dora widerstand, indem sie sich als Jüdin nie registrieren ließ und so dem bürokratischen Netz der Nazis entging; hilfreich war dabei gewiss, dass ihr Mann kein Jude und sie in der jüdischen Gemeinde nicht gemeldet war. „Ich bin nicht jüdisch, und mein Name ist nicht Sara. Lass sie kommen“, soll sie laut Tochter Gerda gesagt haben.

Auch ihr Bruder Friedrich ließ sich keine „Judenkennkarte“ ausstellen und praktizierte weiter als Anwalt. Er bekam jedoch berufliche Probleme, und durch seine misslungene Flucht 1943 geriet auch Dora in Gefahr. Als im folgenden Sommer ihr kranker Mann starb, hätte sie auch die Tatsache, dass sie in einer „privilegierten Mischehe“ gelebt hatte, nicht mehr geschützt, deshalb floh sie an den Bodensee. Ihre jüngste Schwester Elsbeth war aus diesem Grund nach dem Tod ihres Mannes nach Theresienstadt deportiert worden. Anders als ihr Bruder Friedrich überlebte sie das KZ jedoch. Annemarie schaffte es noch rechtzeitig, in die USA zu emigrieren.

Regierung und Regierte

Nach dem Krieg fand Dora Lux über Vermittlung von Karl Jaspers eine befristete Stelle an der Heidelberger Universität und unterrichtete dann ab 1947 an der Elisabeth-von-Thadden-Schule in Heidelberg-Wieblingen. Hilde Schramm, Erziehungswissenschaftlerin und Soziologin, analysiert, was den Geschichtsunterricht ihrer Lehrerin so anregend machte: Dora Lux habe es vor allem verstanden, verschiedene Perspektiven eines Konflikts zu vermitteln und Polarisierungen zu vermeiden. Die Arbeiterbewegung und das Verhältnis zwischen Regierung und Regierten hätten in ihren Vorträgen stets eine Rolle gespielt. Die NS-Zeit indes habe Dora Lux nur gestreift: Ihr habe das geeignete Instrumentarium gefehlt, um dieses schreckliche Kapitel ihres Lebens im Unterricht zu behandeln.

Die engagierte Frauenrechtlerin lebte bis zu ihrem Tod 1959 in ärmlichen Verhältnissen

Die engagierte Frauenrechtlerin und Lehrerin lebte bis zu ihrem Tod 1959 in ärmlichen Verhältnissen. Schramm, 1936 geboren, erinnert sich daran, dass einige Schüler Dora Lux nach dem Abitur 1955 ihren Dank ausdrücken wollten. Daraus sei nicht viel geworden: „Ich erinnere mich nur an einen Besuch mit Blumen in ihrem Zimmer, zusammen mit zwei, drei anderen. Das war meine letzte Begegnung mit Frau Dr. Lux.“ Mit diesem Buch will sie jetzt an Dora Lux erinnern – „ohne sie auf eine NS-Verfolgte oder ihre jüdische Herkunft zu reduzieren“, sagt das ehemalige Mitglied der Alternativen Liste Berlin und einstige Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses.

Selbstkritisch und gewiss stellvertretend für viele andere gesteht sie, dass ihr erst durch die Arbeit an dieser Biografie bewusst geworden sei, „wie selbstverständlich auch ich Juden gemäß der NS-Ideologie über die Abstammung definierte und wie stark ich damit gegen das Recht auf Selbstdefinition verstieß“.

Die Abgrenzung zwischen der Selbstwahrnehmung von Dora Lux als Nichtjüdin und der Stigmatisierung durch die Nationalsozialisten, die sie als Jüdin hatte leiden lassen, ist beim Lesen mitunter schwierig zu leisten. Sie dürfte auch der Autorin durch die Ambivalenz der Standorte ihrer Protagonistin einige Probleme bereitet haben. Hilde Schramm verschweigt keineswegs, dass Doras ältere Tochter Gerda sogar eingewendet habe: „Ich sehe es nicht gerne, dass Sie meine Mutter als Jüdin bezeichnen, sie hatte es selber abgelehnt, denn sie war evangelisch getauft und erzogen. Obwohl sie ungläubig war, hat sie sich kulturell dem Christentum verbunden gefühlt …“

Ihre eigene, schwer belastete Familiengeschichte erwähnt Hilde Schramm nur am Rande, doch sie tut es in einer Art und Weise, die diese differenzierte und informative Biografie zu einem aufrichtigen Gedenken an eine ungewöhnliche Frau, Lehrerin, Feministin und Humanistin macht.