DDR-Dokus: Vergilbt, zerbröselt – gerettet

Ein aufwändiges Forschungsprojekt der TU Dresden soll die DDR-Untergrundzeitschriften vor dem Verfall bewahren

BERLIN | taz ■ | Sie hießen Blattwerk, Grenzfall oder Grubenkante, sie wurden von Hand vervielfältigt, auf schlechtem Papier gedruckt, mit Heftklammern zusammengetackert, meist illegal weitergereicht – die Untergrundzeitschriften der DDR. Seit der Wende vergilben, verstauben und verrotten viele der rund 1.000 Restexemplare dieser einzigen unabhängigen DDR-Medien in privaten Regalen oder verstreut auf sechs Archive vor sich hin. Nun sollen die Zeugnisse der Bürgerbewegung vor dem Verfall gerettet werden.

Es ist höchste Zeit. „Das Papier damals war schlechter als das vor 100 Jahren“, sagt Tom Sello von der Berliner Robert-Havemann-Gesellschaft, einst Mitherausgeber der Berliner Umweltblätter: „Einige Originale wird man in ein paar Jahren nicht mehr lesen können.“

Finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), digitalisieren jetzt ehemalige Herausgeber gemeinsam mit Datenbank-Programmierern den Blätterschatz. Webdesigner der TU Dresden gestalten eine Internetseite. Bis Jahresende sollen Forscher, Journalisten oder Pädagogen die rund 15.000 eingescannten Seiten im Internet lesen und – im Volltext – recherchieren können. Die Kosten des Projekts werden auf mehr als 100.000 Euro geschätzt.

Für Sello sind die Restexemplare der rund 180 Heftreihen heute „ein wichtiges Kulturgut“. Stasi- und Parteiakten schildern nur die offizielle DDR, sagt er. Die Untergrundschriften aber zeigten, „wie Leute die DDR auch kritisch gesehen haben“.

Entsprechend groß ist das Forschungsinteresse: „Wir haben schon Leute aus Neuseeland hier gehabt, aus den USA, Kanada, Skandinavien, aus Polen und Tschechien“, erzählt Sello.

Verglichen mit osteuropäischen Ländern wie Polen, wo rund 2.500 verschiedene Heftreihen entstanden, fiel das ostdeutsche Blättererbe gering aus: 900 Ausgaben mit Nachrichten und Debatten zu Umweltschutz, Menschenrechten, Friedenspolitik und Gesellschaftskritik.

Immer auf der Hut vor der Stasi, transportierte man Papier nur in kleinen Mengen und Druckmaschinen nur im Schutz der Nacht. Die Blätter, heimlich in Kellern kopiert, trugen oft den Hinweis „Nur für innerkirchlichen Dienstgebrauch“. Denn außerhalb eines Pfarrhauses erhielt nichts eine Druckgenehmigung, was nicht den Segen der Stasi hatte. Unter der Hand weitergegeben, erreichten die Blätter hunderttausende, vielleicht Millionen Ostler. War eine der primitiven Kopien zu blass geraten, zog der Leser die Lettern mit Kuli nach, bevor er das Schriftgut weiterreichte.

Damit dieser Zeitschriftenschatz auch wirklich nicht verloren geht, soll er sogar noch ein zweites Mal auf Zelluloidfilm verewigt werden – und möglicherweise einen Platz im Sicherheitsstollen des Bundesarchivs erhalten. Die Speicherung auf Film wird von Archivaren als derzeit sicherste Methode betrachtet, Schwarzweißfilme halten zumindest 50 Jahre. 3.000 Dokumente passen auf eine Rolle. Die ganze Bürgerrechtler-Hinterlassenschaft schrumpft damit auf fünf Filmspulen mit dem Durchmesser einer CD zusammen.