Hamburg geht inklusiven Schulen an den Kragen

ALLE ZUSAMMEN? Hamburg hatte mit „integrativen Regelschulen“ bei der Inklusion besonderer Kinder jahrzehntelang die Nase vorn. Jetzt findet der neue KMK-Präsident Ties Rabe die zu gut ausgestattet – und mäht die besten integrativen Schulen der Hansestadt kurz

VON CHRISTIAN FÜLLER

Wenn Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz kommende Woche eines der Vorzeigeprojekte einweiht, wird es zu einer denkwürdigen Situation kommen. Der Politdarling wird mittags mit viel Pomp eine Ganztagsschule eröffnen. Aber Schüler und Lehrer der „Schule am Johannisland“ sind dabei nicht erwünscht: Sie werden so lange in die Turnhalle geschickt. Die Kinder stören.

Eine Schuleröffnung ohne Schüler? Das klingt wie eine Parodie auf die Politik von Scholz’ Schulsenator Ties Rabe (SPD), und sie ist genau an der Schule zu beobachten, die kommenden Mittwoch den teuren Neubau einweiht: Rabe versucht landesweit, behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammen lernen zu lassen. „Wir haben das sehr plötzlich eingeführt“, kommentierte er die Inklusionspolitik der Vorgängerregierung. Und lässt nun Schulen wie die Johannisland bluten – obwohl sie seit 30 Jahren Inklusion praktiziert.

„Erfolgreiche Arbeit in multiprofessionell zusammengesetzten Teams und jahrelang gewachsene Strukturen und Beziehungen werden vernichtet“

OFFENER BRIEF DER INKLUSIONSSCHULEN

„Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass eine erfolgreiche inklusive Beschulung dann gelingt“, steht in einem Brief des Johannisland-Kollegiums an Rabe, „wenn die Klassen mit ausreichend vielen Stunden versorgt sind.“ An der ehemaligen integrativen Regelschule wird die ganze Absurdität von Schulreformen deutlich: Vor der Inklusionsreform hatte die Schule 13 sonderpädagogische Stunden pro Klasse; danach wird sie nur noch 3,8 Stunden haben. Die Lehrer der Schule sind irgendetwas zwischen verzweifelt und empört. Sie praktizieren seit vielen Jahren, was andere Schulen erst mühsam lernen müssen. Aber ausgerechnet jetzt, da ihre Kompetenz wertvoll sein könnte, wird sie zerschlagen.

„Ich weiß ganz genau, wie Inklusion geht“, sagt ein Lehrer der Schule. „Das Wichtigste, was die betroffenen Kinder brauchen, ist eine persönliche Ansprache und das Gefühl, angenommen zu sein. Das ist mit 3,8 Stunden Zuweisung pro Klasse aber nicht zu machen.“ Die Johannisland-Lehrer haben noch viel mehr zu sagen, aber sie haben auch Angst. Denn ihre Äußerungen müssen sie ganz oben genehmigen lassen – in Rabes Pressebüro.

Die Johannisland-Schule ist kein Einzelfall, weder in ihrem Einsatz für Inklusion noch in ihrer Wut. 36 Hamburger Schulen gehören zu den ehemaligen „integrativen Regelschulen“, in denen es I-Klassen gab (Integrationsklassen für geistig und körperlich behinderte Kinder) sowie IR-Klassen (für die Förderdiagnosen Lernen, Verhalten und Sprache). Diese Schulen sind Schätze für eine landesweite inklusive Schulentwicklung – der Schulsenator aber fährt mit dem Rasenmäher über sie hinweg. Deswegen schicken viele Schulen Briefe an Rabe. „Die Ausstattung der Inklusion bedeutet für uns einen gravierenden Rückschritt und eine tiefe Frustration“, schreiben vier Schulen aus Finkenwerder. „Erfolgreiche Arbeit in multiprofessionell zusammengesetzten Teams und jahrelang gewachsene Strukturen werden vernichtet.“ Es regnet solche Briefe.

„Den Lehrern in der Schule ist ein Maulkorb verpasst worden“, berichtet der ehemalige Schulleiter Hans-Jürgen Weseloh. Der Pensionär sieht ihre Stärke darin, dass Förderstunden bisher nicht in Miniportionen von oben zugewiesen wurden, sondern in der Autonomie der Teams. „Unsere Förderteams aus Lehrerin, Sonderpädagogin und Erzieherin wussten genau, wie sie ihre Fördermöglichkeiten einsetzen. Dafür brauchen sie einfach genug Stunden am Kind“, schimpft Weseloh. „Das ist besser, als dass Leute mit Koffern in die Schule kommen, die versuchen, gehandicapte Kinder mit ein paar Handgriffen heile zu machen.“

Auch die Elternkammer hat Bedenken. „Werden die Förderstunden mit der Gießkanne über alle Schulen verteilt“, sagte Kammersprecherin Eva Kowalski-Stasiak, „dann führt das zu einem Qualitätsverlust.“

Senator Rabe ließ auf Anfrage schriftlich mitteilen: „Schulen, die bislang überproportional von den bisherigen Förderprogrammen profitiert haben, müssen zugunsten anderer Schulen Sonderpädagogen abgeben.“