Tief verwurzelt in der Kultur des Motzens

KURZGESCHICHTEN Lea Streisand schreibt, wie einer echten Berliner Pflanze der Schnabel gewachsen ist. Und genauso trägt sie das Erzählte auch auf den Lesebühnen vor. Darum erscheint das neue Buch der taz-Autorin, „Berlin ist eine Dorfkneipe“, zusammen mit einer CD

Würde man alle Bücher, die in den letzten Jahren im Genre „Witzige Berlingeschichten“ geschrieben wurden, zusammenkleben, hätte man eine sehr lange Straße, mindestens bis zum Mond und größtenteils gepflastert mit lieblosem Rumgepose. Nur wenige Bücher wären zum Zusammenkleben zu schade, eines davon ist Lea Streisands neues Buch „Berlin ist eine Dorfkneipe“.

Darin sind 38 von Lea Streisand geschriebene Kurzgeschichten. Die Themen: das Leben und die Liebe, im Schwimmbad, auf dem Balkon, bei der Frauenärztin.

Man mag es großkotzig finden, dass schon auf dem Buchcover erklärt wird, Lea Streisand sei „Berlins Königin der Lesebühnen“. Großkotzig vielleicht, aber übertrieben nicht. Denn Lea Streisand hat tatsächlich etwas Königliches, Erhabenes an sich. Den meist männlichen Lesebühnenkollegen, die Berlin zum Billigbier-Künstlerparty-Mythos verklären, entgegnet sie mit charmanter Gelassenheit: Nee, ist nicht – ist ’ne Dorfkneipe.

Man kennt sich

Berlin, eine Dorfkneipe? Nie gewesen. Hier gibt es viel mehr Schnapssorten als in jeder Dorfkneipe, und überhaupt, Berlin und Dorf, in einem Satz erwähnt, pah! Nein, sagt Lea Streisand: „Wenn die Welt schon ein Dorf ist, dann ist Berlin eine Dorfkneipe. Man kennt sich eben.“ Und sie beginnt zu erzählen: von Exfreunden, deren Eltern schon mit ihren Eltern Pioniertheater gespielt haben, und von Exfreundinnen von Exfreunden, die sie im Bus trifft, obwohl sie gerade nach Hamburg fliehen will aus den „inzestuösen Beziehungen“, diesem Jeder-mit-jedem in der sogenannten Großstadt.

Und wenn Lea Streisand einmal angefangen hat, kommt sie aus dem Erzählen nicht mehr raus. Dann geht es um Spatzen, die auf den Frühstückstisch kacken, um Warteschleifenmusik bei der Feuerwehr, um Kondome, die einfach stecken bleiben, und die Unmöglichkeit des Schreibens in den Schweizer Bergen: „Schreib mal Satire, wenn vor dir auf dem Wasser zwei schnäbelnde Schwanenhälse ein Herz bilden, durch das die Sonne durchglitzert!“

Einmal angefangen, kommt Lea Streisand aus dem Erzählen nicht mehr raus

1979 wurde Lea Streisand in Berlin geboren, seit 2003 liest sie ihre Kurzgeschichten auf verschiedenen Berliner Lesebühnen vor, mit ihrer lauten, sehr unverwechselbaren Stimme: ein bisschen Marlene Dietrich und ein bisschen wie Frederick (aus der Zeichentrickserie „Piggeldy und Frederick“). Ab und zu schreibt sie auch für die taz. „Berlin ist eine Dorfkneipe“ ist das zweite Buch von Lea Streisand. Es ist, wie das erste, „Wahnsinn in Gesellschaft“, bei Periplaneta Berlin in der Edition Mundwerk erschienen.

Lea Streisands Kurzgeschichtensammlung liest sich in einem Rutsch durch. Weil man schnell das Gefühl bekommt, mit einer lieblich labernden Freundin aus früheren Zeiten in der Kneipe zu sitzen. Einer geht noch.

Lea Streisand erzählt von ihrer Kindheit in der DDR, von Ideologien und Religionen („Ich hatte schnell den Verdacht, dass dieser Gott viel cooler war als Ernst Thälmann“), Meerschweinchen und Hare Krishna und Nebenjobs. Ihre Analyse kreist dabei meist um zwei große Themen: Kommunikation und Ficken.

Dabei wird sie mitunter geradezu poetisch („Letzte Woche hat der Frühling geprobt“), manchmal sentimental („Er wischt sich die Stirn. Mit einem Stofftaschentuch! Ich glaub, ich bin verliebt.“) und manchmal ein bisschen kompliziert („Hätte man ihre Blicke rückwärts verlängert, hätten sich die Graden im Gebüsch hinter ihnen getroffen“). Manchmal erinnert sie an Pippi Langstrumpf – vor allem wenn sie einen Polizisten „den Onkel“ nennt.

Und weil Streisands Metier nicht nur das geschriebene, sondern auch und vor allem das gesprochene Wort ist und sie sich selbst als „Vorleserin“ bezeichnet, gibt es zum Buch noch eine CD mit 14 gesprochenen Texten, wo man sie jenseits der Lesebühnen hören kann: Toll, da zeigt sich, dass Streisand eine echte Berliner Pflanze ist. Tief verwurzelt in der Kultur des Motzens, blühend in der Farbskala der Beschimpfungen, und doch bei alledem so wunderbar würdevoll.

Weise in jungen Jahren

Oh ja, von dieser Frau kann man noch viel lernen. Das liegt daran, dass Lea Streisand mit ihren 32 Jahren etwas geschafft hat, was andere mit Ende 80 nicht hinbekommen: Sie ist weise. Lea Streisand trägt in sich die Erfahrung einer alten Schamanengöttin und die Gelassenheit einer siebenfachen Elefantenmutter. Damit steht sie über uns allen – und doch, sie lässt es ihre Leserinnen und Leser nicht merken. Stattdessen nimmt sie sie an der Hand und sagt: Komm, guck mal, das ist meine Welt, und sie ist schön.

Oft wird über Kurzgeschichten-AutorInnen gesagt, sie hätten einen besonderen Blick für das Kleine, Unbedeutende. Klar, das hat Lea Streisand auch. Sie hat aber auch den Blick für die ganz großen Bögen, das Existenzielle, die tiefen Zusammenhänge und die seichten Gedanken („Auf Hiddensee fühlt man sich so geworfen, als wäre man in einen Berg Watte gefallen. Überhaupt laufen wir alle wie frisch gefickt durch die Gegend.“). Streisand ist erhaben und doch bodenständig. So gehört es sich ja wohl für eine Königin.