Da, wo Wurst treu macht

ESSENZEN Thea Dorn und Richard Wagner haben Sehnsucht nach Deutschland und suchen seine Seele. Das gerät noch komischer, als es klingt

VON RUDOLF WALTHER

Das Buch der Fernsehtalkerin Thea Dorn und des aus Rumänien stammenden Literaten Richard Wagner trägt den Titel „Die deutsche Seele“, der in riesigen, goldenen Lettern auf Buchumschlag prangt. Der „liebe Leser“, der sich vom goldenen Titel noch nicht hat blenden lassen, wird gleich in der ersten Zeile geduzt. Zum Spiel mit Gold die Anbiederung, das kann heiter werden bei der lexikalisch-alphabetisch angeordneten Suche nach der „deutschen Seele“ zwischen „Abendbrot“ über „Fahrvergnügen“, „Heimat“ und „Vater Rhein“ bis zu „Wurst“ und „Zerrissenheit“.

Die Auswahl der 65 Stichwörter zum Seelensprachhaushalt ist willkürlich und vom Motiv getragen, „die Kultur, in der wir leben, in allen Tiefen, in ihrer Größe und Schönheit zu erkunden“. Weil Deutschland sonst „sein Gedächtnis verliert“. Programmatisch geht es dabei nicht um Analyse und Kritik, sondern um die rituelle Beschwörung von Seelenwörtern. In vielen entdecken die Autoren „wachsendes Deutschlandsehnen“ und machen das fest an abnehmender „Scheu vor Fahnen und Hymne“ – etwa im Zuge des „Fußball-Sommermärchens“. Leute vom Fußball, von Beckenbauer über Breitner, Herberger und Klinsmann bis zu Netzer und Vogts, haben es deshalb leichter bei den beiden Sprachgold- und Seelenforschern als „wohlmeinende Nashörner“ – also Legionen von Schriftstellern, Intellektuellen und Wissenschaftlern, die im goldenen Seelenkosmos fehlen.

„Die deutsche Seele“ ruht in einer schwarz-rot-gold lackierten Wörtersammlung. Das Buch von 1,5 Kilo beginnt mit dem „echten Abendbrot“ (Tilsiter, Schwarzwälder Schinken, Schwarzbrot, Butter, Gurke, Bier), keine „ausgefinkelte Menüfolge“ wie in Frankreich, denn die starkdeutsche Seele liebt „geistiges Abendbrot“ – und tagsüber die „Wurstbude“. Hier konstituiert sich nach Wagner die „deutsche Mitte“ mit „ausgeprägter Identität“ – jenseits von Sandwich, Döner, Hamburger, Lärm und Gesprächen über die „Weltlage“. Wo es „Currywurst mit Pommes“ gibt, ist die deutsche Seele ganz bei sich. Was sind schon 300 französische Käse- und ein Vielfaches an Weinsorten gegen 1.500 kerndeutsche Wurstsorten! „Wurst macht treu“ und: „Man“, also Wagner „darf die Nationalfarben wieder tragen.“ Das Buch ist eine Zitatsammlung, eingerahmt von Histörchen, Legenden und Anekdoten sowie klebrigen Lebkuchenversen in der Preislage von: „Dauererektion ist keine Erlösung, sondern peinliche Erstarrung“, so Thea Dorn.

Dunstig Gedämpf

Der Argumentationshaushalt der beiden Autoren ist überschaubar. Er reicht von „wieder einmal“, d. h., „alles wie gehabt“, über „nie wieder“, also gegen Nazibarbaren bis zum ciceronischen „wie lange noch“ für Kulturpessimistisches von der Stange. Der Rest – Zitate mit Gedöns oder „dunstig Gedämpf“ und „schwebend Gedüft“, wie Wagner d. Ä. dichtete.

Wo Thea Dorn im Philosophischen dilettiert („Kant, der klare Kopf aus Königsberg“), wird es peinlich. Der Vergleich ersetzt die argumentative Auseinandersetzung mit dem Stoff: Vier der fünf letzten Abschnitte ihres Essays über Musik beginnen mit pauschalisierenden Vergleichen – „wie Bach“, „wie Beethoven“, „wie Wagner“, „wie Schönberg“ – nach dem Hausrezept, dass alles mit allem irgendwie zusammenhängt. Oder Dorn ver-heideggert das harmlose Wort Abgrund zum „Ab-grund“, ergo zur „Verabschiedung des Kausalitätsprinzip“. Genau – und der „Ab-fall“ meint den Abschied von Newtons Gravitationsgesetz.

Dass der Barbarossa-Mythos „die Sehnsucht nach einer unterirdischen Heimat aller Deutschen“ ausdrückt, ist ebenso eine Improvisation wie vieles in diesem Buch. Sie hat nicht einmal im Buch Bestand: Was Seite 18 noch „Sehnsucht aller“ ist, erklärt Thea Dorn Seite 467 zum „toten Sediment“. Politisch vergaloppiert sich Wagner d. J. bei der Seelensuche an den rechten Rand. 1989 sieht er als Chance zur „Rückkehr zum ‚Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“, das er von 800 bis 1806 leben lässt, obwohl das Wort erst im 15. Jahrhundert aufkam. Von einer gestaltenden Rolle des Reichs im „europäischen Werteraum“ konnte nie die Rede sein. Karl V. dankte 1556 ab. Von Dauer waren im Reich nur Kriege. Wagner läuft mit dem Geschichtsbild eines wilhelminischen Studienrats durch die Gegend, der die Weimarer Republik verachtete und unter den Nazis überwinterte. Den Artikel 1 der Weimarer Verfassung („Das Deutsche Reich ist eine Republik“) möchte er für die BRD umwidmen zu: „Die Bundesrepublik ist das Deutsche Reich. Das deutsche Land.“ Das ist nicht einmal mehr reaktionär, sondern nur noch einfältig.

Schwebend Gedüft

Der Literat Richard Wagner betätigt sich als Amateurhistoriker. Die Literaturliste belegt, dass er Randständiges und Überholtes kennt und relevante neuere Literatur ignoriert. Sein Besinnungsaufsätzchen zum Zusammenhang von Gründerkrise, Großer Depression, industriellem Aufstieg und Erstem Weltkrieg führt nach ganzen vier Seiten zu einer kabarettreifen Pointe fürs Schülertheater: „Man kann sich um die Erneuerung der Industrie bemühen oder für das Guiness-Buch der Rekorde trainieren. Die Entscheidung darüber liegt bei einem selbst. Das sollte man bedenken.“

„Man“ ist der Motor in Wagners Geschichtsmythologie der deutschen Seele. Eines der häufigsten Worte bei Thea Dorn ist die dünne Abstraktion „Ich“. Sie fängt oft mit ihrem „Ich“ an, bleibt dabei und endet am Strohhalm ihres Egos. Ihre Prosa lebt von Wörtern, „die man nicht erfinden kann, sondern in sich tragen muss“ (Merleau-Ponty) – zum Beispiel „Landschaftsanbetung“ beim Autofahren mit „offenem Verdeck“. Auch „Fußball“ und „Vater Rhein“ sind für sie „ein Seelenspiegel“. Wagner d. J. bevorzugt als „edler deutscher Wilder“ im ideologischen Nahkampf gegen Fremde, Linke, 68er, Ökos und den „angelsächsischen Zivilisationsbegriff“ den Zweihänder mit Eichenholzgriff – und die Nationalflagge. Kein Wunder, dass Martin Walser das seichte Machwerk gefallen hat.

Thea Dorn und Richard Wagner: „Die deutsche Seele“. Knaus Verlag, München 2011, 560 S., 26,99 Euro