Die Beleuchtung steigert sich zum Gleißen

UNTER BAUKRÄNEN Eine Reise durch die Stadt der Zukunft: Der Bildband „The Raw and the Cooked“ des Fotografen Peter Bialobrzeski ist eine kognitive Fahrt durch die urbanen Zentren unserer Ökonomie von São Paolo bis Kuala Lumpur

VON LENNART LABERENZ

Wenn man annehmen kann, dass die Welt erst durch ihre Beschreibung entsteht, dann bastelt Peter Bialobrzeski in seinen Bildbänden an Lebensformen, die sich unter dem Kleid des großen Versprechens der Moderne finden: der Stadt. Seine neuesten Arbeiten, unter dem Titel „The Raw and the Cooked“ bei Hatje Cantz erschienen, sind schmerzhaft konkret, wie sie auch metaphorisch für das stehen, was kommt: „The Raw and the Cooked“ sammelt Panoramen, die eine Stadt entstehen lassen, welche alle Zukunftsperspektiven klar auf der Haut zu tragen scheint.

Bialobrzeski arbeitet sich quer durch die Jahresringe eines urbanen Knotenpunktes: Elendsviertel, Gassen, Märkte, Baustellen und Straßenkreuzungen, schließlich entlang der sprießenden Hochhaussiedlungen und glänzenden Oberflächen der Bürotürme. Menschen huschen durch die Stadt als flüchtige Bewegungen.

Der Müll der Konsummaschine Stadt

Bialobrzeski, der als Fotojournalist zuerst 1986/87 Asien bereiste und seitdem in seiner Bildsprache analytischen Dokumentarismus mit hintergründiger Ästhetik verbindet, hat mit Bänden von asiatischen Stadtansichten wie „Neontiger“ (2004), „Lost in Transition“ (2007) und „Paradise Now“ (2009) etliche Preise gewonnen und einen Blick auf Umwälzungen freigelegt, deren Konsequenzen in Europa kaum wahrgenommen werden. Zuletzt veröffentlichte er, der auch in Bremen als Professor für Fotografie lehrt, zwei Bücher über Slums in Manila und Kliptown bei Johannesburg, in denen er Lebensverhältnisse der Verlierer der gewaltigen Modernisierungsschübe porträtiert: Menschen, die sich aus Plastik, Pappkartons und dem Müll der großen Konsummaschine Stadt eine Unterkunft einrichten.

„The Raw and the Cooked“ beginnt, wo „Informal Arrangements“ (2010) aufhörte: mit einem Blick auf eine dieser zerbrechlichen Unterkünfte aus Armut und Not, wie sie in Rio de Janeiro, Kapstadt oder eben im Sand bei Manila zu finden sind. Ein einzelnes Haus ist es mit einer wackeligen Leiter zum Hineinklettern und einer Luke zum Hinausschauen, zusammengebastelt aus Holzresten; eine grünweiße Plastikplane schützt ein wenig vor Regen.

Hier beginnt die Reise, die im nächsten Schritt die ineinanderverschachtelte Lebensform eines Slums an Bahngleisen in Augenschein nimmt: In den eng aufeinandergebauten Zimmerchen ist zu wenig Platz, weshalb das Leben meist davor stattfindet, die Garderobe hängt außen neben dem Küchengeschirr.

Bialobrzeski erkennt eine Welt, deren ästhetisches Prinzip einen ordnenden Kern hat: Der Mensch wird nach seiner Marktfähigkeit eingeteilt, Wohnen und Leben passen sich dieser an

Von hier dringt Bialobrzeski weiter ins Innere der Stadt, stückweise rücken die glatten Formen vom Horizont in die Bildmitte, die glänzenden Fensterfronten, die Wolkenkratzer, über denen sich wie eine Käseglocke der milchige Himmel wölbt. Gleichzeitig zieht sich das Leben von den Straßen zurück, erst in Garküchen und billige Restaurants, bevor es völlig hinter geschlossene Fassaden tritt.

Aus einzelnen Händlern werden flirrende Märkte und schließlich Geschäfte, bevor die Spuren der Reproduktion und der bukolischen Lust hinter blickdichten Türen und Fenstern verschlossen werden. Während zu Beginn der Reise die Bewohner hoffnungslos den Kräften der Natur ausgesetzt sind, stehen auf Hochhausbalkonen Zimmerpflanzen.

Auch der Verkehr wechselt die Aggregatform: Wo anfangs Menschen sitzen und gehen, werden sie von Motorrädern, Bussen und Autos verdrängt. Schließlich verliert sich zwischen absurd hohen Fassaden noch ein einzelner Lichtschweif als Rest der Bewegung. Dabei bleibt die Distanz, das zurückgenommene Farbspektrum, mit der Bialobrzeski das Leben in der Stadt betrachtet, gleich – keine Romantik und kein Mitleidsepos in den Armenvierteln, keine Moralisierung vor dem Wolkenkratzer.

Bialobrzeskis Panoramen sind häufig Langzeitbelichtungen, wodurch Bewohner oft zu einem Rauschen aus Gliedmaßen aufgelöst werden. Sie fließen durch die dicht bevölkerten Straßen und verlieren ihre Körperlichkeit. Die Beleuchtung – Privileg der stabilen Lebensformen und des Reichtums – steigert sich langsam zu einem Gleißen. Dadurch aber wird der Blick auf die eigentliche Bewegung frei: Baukräne zeichnen Spuren des Fortschritts am Firmament, das Alte – Gebäude, die zum Abriss freigegeben sind – hält sich kaum mehr in dünner Linie vor den vorrückenden Hochhäusern. Manche sind in den unteren Stockwerken schon bewohnt, während oben noch gebaut wird. Die Quartiere der Armen sind aus dem Blickfeld gewichen.

Bialobrzeski überlässt dem Betrachter Urteil und Erkenntnis: Oberflächlich betrachtet porträtieren seine Bilder die Gegenwart der rasenden Erneuerung in asiatischen Städten. Radikaler Pragmatismus, der allenfalls in Imitaten – Säulen, die den Balkon abstützen – Tradition zitiert.

Der Bauboom ist auch anderen aufgefallen: Als Jürgen Habermas 2001 von einem China-Aufenthalt zurückkehrte, staunte er in einem Zeit-Gespräch darüber, dass so wohl nur in „totalitären Staaten“ gebaut werden könne. Er meinte damit den großflächigen Abriss in Schanghai und Peking.

Bialobrzeski widerspricht dieser These mit „The Raw and the Cooked“ insofern, als dass die konkrete Staatsform vom Umgang mit gebauter Geschichte unabhängig ist. Ob konstitutionelle Monarchie, Militärregime oder Demokratie: Die Unterschiede der Knotenpunkte unseres Wirtschaftssystems sind marginal.

São Paulos Schlafstädte unterscheiden sich nur auf den zweiten oder dritten Blick von Vierteln in Schanghai oder Kuala Lumpur. „Ein Teil unserer Tradition liegt in der Erneuerung“, hatte eine chinesische Soziologin etliche Jahre nach Habermas’ Besuch auf die entsprechende Frage des Reporters geantwortet. „Wo der Westen auf die romantischen Gassen blickt, sehen wir Toilettenhäuschen auf der Straße und fehlende Heizung.“

Wer Gewinn macht, lebt praktischer

Bialobrzeski erkennt eine Welt, deren ästhetisches Prinzip einen ordnenden Kern hat: Der Mensch wird nach seiner Marktfähigkeit eingeteilt, Wohnen und Leben passen sich dieser an. Die Bildstrecke beobachtet eine Totalität, die baut und Leben sortiert. Die Ordnung entstammt einer Logik, die Warenproduktion durch Finanzkapitalismus ablöst: Das, was Gewinn bringt, ist praktisch, wer Gewinn macht, lebt praktischer. „The Raw and the Cooked“ ist eine kognitive Fahrt durch die urbanen Zentren unserer Ökonomie.

Wenn der Blick am Ende vom Innenhof über dutzende Stockwerke kleiner Wohnungen fällt, hängen schon wieder die Kleider außen, allerdings sind die Schachteln nun sauberer und dichter übereinandergestapelt. Im Zentrum ist das Leben anämischer geworden: Es findet nun hinter festen Mauern statt und wird von Apparaten belüftet. Es ist dicht und anonym. Und es ist einzeln.

■ Peter Bialobrzeski: „The Raw and the Cooked“. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011, 160 S., 68 Euro