Zwei Pensionäre aus Deutschland

Wie das Leben so spielt: Max Frankel und Helmut Kohl wurden am selben Tag geboren. Morgen feiern beide ihren 75. Geburtstag. Beide schreiben mittlerweile Bücher. Einmal, das war im Jahr 1990, haben sie sich zum Gespräch getroffen. Ansonsten ist ihr Leben sehr unterschiedlich verlaufen

Morgen werden sie beide 75. Helmut, der am 3. April 1930 in Ludwigshafen geboren wurde, und Max, der am selben Tag in Gera zur Welt kam. Max hätte – wie er später schreibt – ein guter kleiner Nazi in Adolf Hitlers Armee werden können. Doch dafür war er nicht vorgesehen. Wenn die Klassenkameraden mit brennenden Fackeln und blutroten Hakenkreuzfahnen marschieren, darf Max nicht dabei sein. Max findet das zum Heulen. Aber Max ist ungeeignet für die HJ, denn Max Fränkel ist Jude. Kurz vor Hitlers Machtübernahme eröffnen seine Eltern – Maria und Jakob – ein Geschäft am Marktplatz von Weißenfels.

Helmut hatte weniger Probleme mit der HJ. Doch das dritte Kind einer katholischen Beamtenfamilie bringt es im Jungvolk nur zum Jungenschaftsführer; offenbar liegt seine Leidenschaft eher in der Kaninchenzucht. Um eine Häsin einem prämierten Rammler zuzuführen, nimmt er lange Radtouren auf sich.

Am 27. Oktober 1938 wird Jakob festgenommen, zwei Tage später mit Familie und tausenden Juden polnischer Abstammung nach Polen deportiert. Polen gewährt Aufnahme: nicht den Deportierten, sondern den „Touristen“. Rückreisen sind nicht ratsam. Maria und Max reisen dennoch, sollen doch im Berliner US-Konsulat Visa für die Emigration bereit liegen. Der Vater flüchtet vor den Deutschen nach Lemberg, gerät aber als Händler (= Kapitalist) für Jahre in sowjetische Lager.

Maria ringt mit Nazi- und US-Behörden – erfolgreich. Am 22. Februar 1940 erreichen Mutter und Sohn Fränkel New York.

Max Frankel, jetzt ohne Umlaut, geht zur Schule, wird Boyscout und hört zum ersten Mal –von einer „fetten jüdischen Matrone“ – den Satz: „Geh doch zurück, wo du herkommst.“

Überhaupt: Es sind nicht nur Regierungsstellen, die Flüchtlinge fernhalten wollen, es sind Bürger, Politiker, Medien. Der Antisemitismus ist happig. Selbst die New York Times, seit Generationen im Eigentum assimilierter Juden, tut alles, um nicht als Advokat jüdischer Interessen zu erscheinen. Vom Massenmord an den Juden wird kaum groß berichtet. Später wird Frankel dies als bitterstes journalistisches Versagen des Jahrhunderts brandmarken.

Max wird US-Bürger. Er geht aufs College, schreibt für die Studentenzeitung und wird Hochschulreporter der Times.

Helmut unterdessen, 1945 von der Kinderlandverschickung zurückgekehrt und nach einem Intermezzo als Landwirtschaftslehrling wieder auf der Schulbank, lernt 1948 Hannelore kennen, seine spätere Ehefrau. 1950 legt der hoch gewachsene Sohn der Familie Kohl sein Abitur ab. Da ist er schon seit vier Jahren Mitglied der CDU.

Der Untergang eines Schiffes im Juli 1956 bringt Frankel den Durchbruch. Zufällig auf Nachtschicht in der Redaktion, stellt er die ersten Informationen für eine Notiz auf der ersten Seite zusammen. Die Nachrichten aus dem Nebel vor Nantucket werden immer dichter, immer dramatischer. Die Times hört den Funkverkehr ab, bekommt Meldungen der Küstenwache, stellt alle verfügbaren Informationen zusammen. Frankel, jüngster Reporter im Newsroom, schreibt die Geschichte siebenmal neu. Beständig wird das Blatt aktualisiert. Bis zum Morgen, als um 7.30 Uhr eine Sonderausgabe erscheint: „Andrea Doria und Stockholm kollidiert.“

Bald darauf erhält Frankel seinen ersten Korrespondentenposten in Wien.

Helmut Kohl arbeitet zu diesem Zeitpunkt an der Universität Heidelberg. Doch sein politischer Aufstieg hat längst begonnen.

1965 – Kohl ist bereits Fraktionschef in Rheinland-Pfalz – reist Frankel in die Stadt seiner Kindheit, nach Weißenfels. Dass aus dem Marktplatz der Marxplatz geworden ist, überrascht ihn so wenig wie die Klaustrophobie an einem Ort, wo die Menschen in drei Himmelsrichtungen nach gut 200 Kilometern nichts zu erwarten haben außer Stacheldraht. Überrascht hat ihn seine Reaktion. Er hatte seinen amerikanischen Pass schwenken und sich an seinem Triumph über Deutschland weiden wollen – stattdessen sieht er Weißenfels als Opfer. Die Juden weg, die Männer gefallen. Die überlebenden Nazis im Westen, im Gefängnis oder wundersamerweise in der kommunistischen Bürokratie. Die Arbeiterführer nach dem 17. Juni verschleppt. In jedem Haushalt fehlt irgendwer. Frankel sieht eine Stadt voller Traurigkeit, er sieht eine Stadt voller Opfer.

1985 – Frankel hat nach Jahren als Büroleiter in Washington das Meinungsressort der Times übernommen – reist Kanzler Kohl nach Jerusalem. Vor der Knesset spricht er von der „Gnade der späten Geburt“.

In Frankels Autobiografie „The Times of My Life and My Life with The Times“, die bis heute keinen deutschen Verleger gefunden hat, taucht Kohl nur am Rande auf – in Zusammenhang mit dem Besuch von Kohl und Reagan 1985 auf dem Soldatenfriedhof von Bitburg, auf dem auch SS-Angehörige beigesetzt sind.

In einem Kommentar lehnt Frankel die Ansicht ab, man müsse sich entscheiden, ob die Deutschen nun Freunde und Alliierte sind oder die Kinder und Enkel der Nazis. Frankel betont die Einheit: „Was so bewundernswert ist am neuen Deutschland, ist sein moralischer Abstand zum alten. Wer das alte ignoriert, ignoriert, was so bemerkenswert ist am neuen Deutschland.“

Nach der Wende, 1990, treffen Helmut und Max zusammen. Es ist das erste und bleibt das einzige Mal. Kohl, seit 1982 Kanzler, und Frankel, seit 1986 Chefredakteur. Ein Hintergrundgespräch. In der Times erscheint davon keine Zeile. Frankel fragt englisch, Kohl antwortet deutsch. Warum Frankel ihn so gut versteht – Kohl fragt nicht nach. Frankel hat den Verdacht, dass Kohl von der Emigration weiß, aber das Thema nicht ansprechen will.

Frankel fährt ein letztes Mal nach Weißenfels. Im Geschäft seiner Eltern werden jetzt Motorradteile verkauft. Noch mal will er nicht hin – er hat keine Verbindungen mehr, und will sich falsche Rührung ersparen.

Helmut und Max – zwei Pensionäre aus Deutschland. Max schreibt Bücher, malt gelegentlich Aquarelle und feiert seinen Geburtstag in Mexiko. Helmut Kohl – aber das wissen wir ja.