Bushs unbehaglicher Kandidat

Paul Wolfowitz, neokonservativer Vizechef des Pentagons, soll Chef der Weltbank werden. Was ihn qualifiziert? Loyalität dem Präsidenten gegenüber

AUS WASHINGTON MICHAEL STRECK

Auf der anberaumten Pressekonferenz, so meldete der Buschfunk der Hauptstadt, wolle der Präsident am Mittwoch seinen Kandidaten für den Chefsessel der Weltbank bekannt geben: Paul Wolfowitz, stellvertretender Verteidigungsminister und ausgewiesener Neokonservativer.

Doch statt einer formalen Ankündigung mit Lobhudelei und allem Drum und Dran, wandt sich George W. Bush durch Fragen zur Rentenreform, der Situation im Irak, um schließlich einzuräumen, ja, er habe mit europäischen Regierungen über Wolfowitz’ Nominierung gesprochen. Abschließend rang er sich noch einen anerkennenden Satz ab. Es war, als wisse der sonst so selbstbewusste Bush, eine sehr unpopuläre und irritierende Wahl getroffen zu haben.

Die US-Reaktionen waren denn auch vorhersehbar. Opposition und Presse fielen über den Mann her, der bei Planung und Ausführung der Irakinvasion und anschließenden Okkupation schwere Fehler gemacht, sich bei Kosten, Risiken und Dauer der Besatzung massiv verkalkuliert hatte. John Kerry, Expräsidentschaftskandidat der Demokraten, nannte die Nominierung „rätselhaft“. Er frage sich, ob die Aussagen der Regierung, Amerikas angeschlagenes Image in Partnerländern wiederherzustellen, „leeres Geschwätz“ seien. „Warum Paul Wolfowitz?“, fragt auch die New York Times, dessen Ernennung müsse die internationale Gemeinschaft als Schlag ins Gesicht empfinden. Doch selbst Kritiker sehen in dem 57-Jährigen einen brillanten Kopf. Viele halten Wolfowitz für das „Superhirn“ der Regierung. Stets zeigt er sich als ruhiger Analytiker und argumentiert mit sanfter Stimme seine oft harten Positionen. Verbale Entgleisungen wie bei seinem Chef Donald Rumsfeld sind von ihm nicht überliefert.

Yale, Hopkins, Pentagon

Der Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen studierte Politikwissenschaft und lehrte an den Kaderschmieden Yale und John Hopkins, bevor er in Regierungsämter wechselte und für Pentagon und Außenministerium arbeitete. Zwischendurch war er noch Botschafter in Indonesien.

Wolfowitz gilt als Drahtzieher des Irakkrieges. Er brachte eine Militäraktion ins Spiel, als selbst Bush noch nicht daran dachte. Manches ist inzwischen offiziell bestätigt, manches bleibt Spekulation: Vier Tage nach dem 11. September 2001 rief Bush in Camp David seine Berater zusammen und erläuterte ihnen seinen Plan für den Antiterrorkrieg in Afghanistan. Wolfowitz zeigte sich unzufrieden und wies darauf hin, dass ein Einsatz nur in Afghanistan „kurzsichtig“ sei – die größte Bedrohung gehe von Saddam Hussein aus, der nicht nur Massenvernichtungswaffen besitze, sondern auch bereit sei, sie an Terroristen zu verkaufen. Sein Rat: ein Militärschlag gegen den Irak. Wie es heißt, war Bush zu diesem Zeitpunkt „noch nicht so weit“, gab Wolfowitz aber den dezenten Hinweis, er solle seine Vorstellungen „vorantreiben“.

Genau das hat Wolfowitz getan: beharrlich für seine Position geworben – und gewonnen. Heute, so sagen politische Beobachter, spiegelt sich ein Großteil seiner Ideen in Bushs Positionen wider. Ihn leitet Moralismus und er glaubt – trotz aller Rückschläge im Zweistromland in den letzten zwei Jahren – unerschütterlich daran, dass ein befreiter Irak die gesamte arabische Welt positiv beeinflussen wird.

Lohn für den Vordenker

Insofern überrascht seine Nominierung nicht. Als vor zwei Wochen sein Name in Washington durchsickerte, löste dies die erwartbar negativen Reaktionen aus. Viele glaubten zunächst, nach diesem Testballon würde Bush diese Idee nicht ernsthaft weiter verfolgen. Doch sie behielten nicht Recht.

Mit der Nominierung von Wolfowitz belohnt Bush zunächst einen seiner loyalsten Kabinettsmitglieder. Doch sie ist zu allererst eine Provokation. Weil sie eine zunehmend triumphale Haltung im Weißen Haus ausdrückt, was die Ereignisse im Nahen Osten anbetrifft. Die Bush-Regierung erlebt derzeit einen Moment der Rechtfertigung. Die Wahlen im Irak und hoffnungsvollen Zeichen in der arabischen Region geben den Kriegsbefürwortern Rückenwind. Plötzlich scheint die Idee des „Dominoeffekts“ nicht mehr so abwegig. Zudem will Bush der internationalen Entwicklungspolitik eine neue Stoßrichtung geben, in der Demokratisierung ein Schlüssel zu Modernisierung und Armutsbekämpfung ist. Sein Kalkül: Angesichts des transatlantischen Tauwetters werden es sich die Europäer dreimal überlegen, ob sie gegen den unbeliebten Hardliner ihr Veto einlegen.