Lob der Guerilla-Mentalität

Erkundungen für die Präzisierung der Gefühle rund um einen Aufstand (3): Die inquisitorische Rhetorik der gegenwärtigen Dutschke-Debatte steht dem Triumphalismus eines Ensslin-Kassibers kaum nach. Der Versuch, eine Groteske zu verstehen

VON ROBERT MISIK

Ein schmales Büchlein hat einen großen Feuilletonistenwirbel ausgelöst: „Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF“. In Wolfgang Kraushaars Schlüsseltext über den gewaltgeilen Dutschke heißt es abschließend und resümierend: „Bei allen Anstrengungen, die bislang unternommen worden sind, um die Entstehung der RAF zu ergründen, ist jedenfalls die Tatsache, dass Theorie und Praxis der Stadtguerilla in Deutschland zunächst einmal auf Dutschke und Kunzelmann und damit auf zwei Protagonisten der Subversiven Aktion und die vielleicht wichtigsten Akteure der 68er-Bewegung, soweit sie sich jedenfalls als Antiautoritäre begriffen, zurückzuführen sind, bisher sträflich vernachlässigt worden.“ Dieser hilflos mäandernde und vor sich her stolpernde Satz ist ein schönes Exempel für die Gedankenbewegung Kraushaars, dessen „Tonfall“, „Sachlichkeit“ und „Augenmaß“ Dirk Knipphals an dieser Stelle so gepriesen hat. Nun, man muss ja nicht immer einer Meinung sein. Ich finde, Kraushaar bestätigt eher jenes Gesetz, das ohnedies viel zu selten gewürdigt wird: Wer nicht schreiben kann, kann auch nicht denken. Er scheitert nicht einfach nur daran, seine Gedanken in eine lesbare Form zu bringen, es ist wie so oft in solchen Fällen: Es liegt auch am Gedanken, wenn der sich gegen die Form sträubt. Eigentlich sollte man den Buchdeckel zuklappen und sich anderen Themen zuwenden.

Geht aber nicht. Denn was der amtsführende Archivar der deutschen Protestgeschichte zusammengetragen hat, kommt mit großer Zäsurgeste daher, als Paradigmenwechsel für die Deutung der 68-ff-Zeit. Vor allem aber haben die jung vergreisten Frühvierziger etwas, um ihre Lieblingsobsession – Abarbeiten an 68 – wieder so richtig pflegen zu können. Im schönen dialektischen Ping-Pong sagt man’s den Veteranen rein, nur um sich im nächsten Halbsatz die Twentysomethings vorzuknöpfen, mit ihren No-Global- und Anti-Kommerz-Spleens. Die Botschaft: Wir aus der Sandwich-Generation sind die einzigen Abgeklärten, Liberalen, ohne Flausen im Kopf. Auf die programmierte Akklamation folgt dann die ebenso erwartete Empörung: Der einst „glänzende“ (© Rudi Dutschke, Tagebücher, btb 2005, S. 41) Klaus Meschkat stolpert prompt in die Falle und tobt ob der frechen Dutschke-Demontage. Das Ziel der Operation ist damit erreicht: Es kracht im Kontor. Dreimal umgerührt und fertig ist die „Dutschke-Debatte“.

Auch schön, vor allem für den feuilletonistischen Geschäftsgang. Aber was diesmal besonders wehtut, ist nicht nur die peinliche Kombination von Mangel jedes Reflexionsniveaus mit eitler Altmänner-Rechthaberei, auf die Spitze getrieben in Kraushaars Replik auf Meschkat („Vor 25 Jahren habe ich den Anstoß gegeben …“), sondern vor allem diese brutalstmögliche Diskrepanz zwischen mangelnder Neuigkeit und Tabubruch-Gefuchtle. „Gewaltlockung“ gab’s seit je in der Linken, schreibt Jan Philipp Reemtsma. Na echt? Die hat mit „der Idee eines nichtentfremdeten, authentischen Lebens“ zu tun. Der lebensgierige Desperado – verkörpert in Andreas Baader, diesem „Dandy des Bösen“ (Karin Wieland) – war als Figur reiner Exzentrizität faszinierend und in der Radikalität des Bruchs der RAF wurde die „wahre Individualität“ sichtbar, von der die anderen nur träumten. Die RAF war „ein Teil der Verwirklichung des Selbstbilds der Linken, sie verbürgte damit auch deren Identität“.

Gar nicht unklug gedacht, aber keine große Entdeckung. Und wer mit der Knarre rumläuft und andere routinemäßig abknallt, soll nicht so viel von seinen Ohnmachtserfahrungen schwadronieren – der macht Machterfahrungen. Die „Gewaltlockung“ ist selbst dann nicht zu übersehen, wenn sie in ihr Gegenteil umschlägt: „Es existiert eine begriffslose Gewaltfixierung, die teils gleichzeitig, teils zeitlich versetzt und in wechselnder Folge grenzenlose Begeisterung für Gewalttätigkeit ( ‚Sieg im Volkskrieg!‘) oder für Gewaltlosigkeit (‚Frieden schaffen ohne Waffen!‘) hervorbringt.“ Letzterer Satz stammt nicht von Reemtsma, sondern von Wolfgang Pohrt, ist 20 Jahre alt und steht im Vorwort zu dem Sammelband „Die alte Straßenverkehrsordnung“, einem Kompendium von frühen RAF-Texten.

Die RAF markiert nicht das Scheitern der „Neuen Linken“, sie ist Teil ihrer Aufstiegsgeschichte, wuchs gewissermaßen aus ihrer Mitte – das ist es vor allem, was uns Reemtsma und Co. klar machen wollen. Da ist schon was dran: Rudi Dutschke war kein Birkenstocksandalen- und Wollpulli-Pazifist. Kraushaar zitiert vor allem aus dem inkriminierten „Organisationsreferat“ von 1967. Der Chefarchivar hätte seine „Enthüllung“ intellektuell verdichten können, hätte er das schmale Wagenbach-Bändchen „Geschichte ist machbar“ mit Dutschke-Texten von 1980 zur Hand genommen und noch einmal von vorne bis hinten durchgesehen. Tatsächlich ist nämlich die „Irregularität“ ein Schlüsselmoment der neuen Linken. „Genehmigte Demonstrationen müssen in die Illegalität überführt werden. Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist zu suchen und unbedingt erforderlich. […] Marx sagt dazu: ‚Weit davon entfernt, den sogenannten Exzessen, den Exemplaren der Volksrechte an verhaßten Individuen oder öffentlichen Gebäuden, an die sich nur gehässige Erinnerungen knüpfen, entgegenzutreten, muss man diese Exempel nicht nur dulden, sondern ihre Leitung selbst in die Hand nehmen.‘“ (Dutschke 1965). Die bürgerliche Demokratie zeichne sich gerade dadurch aus, „dass sie es dem Lord gestattet, mit seinem Hund spazierenzugehen und so auch den Vietnam-Protesten den Weg zur Verfügung stellte und die Kanalisierung des Protestes durchführt“. Um diesen „Integrationsmechanismen“ entgegenzuwirken, plädiert Dutschke für „die bewusste Durchbrechung dieser etablierten Spielregeln durch uns“ (1967). Von der Absage an die kapitalistische Regularität ist es nur ein kleiner Schritt zum Plädoyer für die Figur „schlechthinniger Irregularität“, den städtischen Guerillero. „Die ‚Propaganda der Schüsse‘ (Che) in der ‚Dritten Welt‘ muss durch die ‚Propaganda der Tat‘ in den Metropolen vervollständigt werden.“ Und: „Das Sich-Verweigern … erfordert Guerilla-Mentalität.“

Töten für das Gute, die Selbstreinigung in der Gewalt – diese Motive gehören zum Mythenbestand der Linken, ohne Zweifel. Der Partisan, der Guerillero, der Dschungelkrieger ist wohl auch nicht zufällig die Schlüsselfigur dieses Passionsspiels: Er lässt nicht nur jede Regularität hinter sich (sogar das Kriegsrecht und die Landkriegsordnung), er ist ein bisschen auch der „edle Wilde“ – wild und frei. Halb schon neuer Mensch. Den Rest an Menschwerdung vollendet er im Kampf und nimmt er in der Militanz vorweg – „antizipatorisch“ nannte man das zu Dutschkes Zeiten.

Bei diesem Bewusstsein stand die Linke – etwa 1970. Seither haben wir durchdekliniert: Die „Kritik der Waffen“ (Régis Debray), das „Kommt runter von dem Todestrip“ (Joschka Fischer). In den Achtzigerjahren mühten sich dann die Autonomen mit den Suffpunks ab, weil in deren benebelte Köpfe nicht reingehen wollte, wie viel Männlichkeitsscheiße und Haudrauf-Ritus in der Street-Fighter-Romantik liegt – eine Weisheit, die sogar schon der Durchschnittsautonome längst auswendig gelernt hat.

Jetzt entdecken auch die Reemtsmänner die Gewaltlockungen der Linken. Und ein paar grelle Analogien zwischen RAF-Jargon und dem Vokabular der Antiautoritären sollen dann gleich auch so etwas wie eine substanzielle Identität insinuieren. Da wird die Erbsenzählerei zur Wortklauberei, aber gewiss nicht zur „Selbstvergewisserung“ (Kraushaar) der Linken.

Selbstverständigung der Linken über ihre Gewaltlockungen? Dazu passt, mit Verlaub, dieser Gestus des „Jetzt muss ganz schnell, ganz schneidig abgerechnet werden“ nicht besonders gut. Mit seiner nervösen Inquisitorenrhetorik und dem autoritären Kommissarsjargon („sträflich vernachlässigt“) steht das Hamburger Abrechnungskommando dem brutalen Triumphalismus eines Gudrun-Ensslin-Kassibers kaum nach. In der Sache ist das uninteressant. Aber wofür ist es ein Symptom, ein zweideutiges Zeichen, das auf einen verborgenen Inhalt hinweist? Was muss hier weggeschoben werden? Vielleicht gar die Ahnung, dass Dutschke Recht gehabt haben könnte? Dass nur der Exzess der Übertretung noch Freiheitsräume eröffnet, das Irreguläre, das die Regularität aufsprengt; dass Autonomie Guerilla-Mentalität verlangt. Und dass noch im „Konzept Stadtguerilla“, so degeneriert es von Beginn an war, eine Grandiosität lag, ein Moment radikaler Freiheit: In die Geschichte springen, ungeachtet aller Probabilitäten, wider jede Vernunft.

Jeder spürt heute: Es bräuchte mehr, nicht weniger Guerilla-Mentalität. Was, wenn unsere drei Hamburger Helden nur dieses Gespür aggressiv wegzuschreiben versuchen? Seine eigene Gewaltfaszination kann kaum einer der in dem Sammelband vereinigten Texte verbergen, vor allem die schwüle Dokufiktion Karin Wielands nicht, die Andreas Baader fast so verfallen sein dürfte wie einst die Meinhof. Das Leiden an der eigenen unheroischen Existenz wird hysterisch abgewehrt. Die eigene Gewaltfaszination wird am Chiffre 68 abgearbeitet. Die Sehnsüchte, die gewissermaßen negativ in jedem dieser drei Texte eingeschrieben sind, sind gewiss nicht nur am Hamburger Mittelweg verbreitet. So gesehen ist die Debatte Teil einer Symptomatik – und interessant.

Robert Misik, regelmäßiger taz-Autor, lebt und arbeitet als freier Journalist in Wien. In diesen Tagen erscheint sein Buch „Genial dagegen. Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore“ (Aufbau Verlag). – Die Debatte wird kommende Woche fortgesetzt.