Vorwärts und nicht vergessen

Nach einer Renaissance in den 1960er-Jahren war der anarchistische Publizist Erich Mühsam aus Köpfen und Bücherregalen fast völlig getilgt. Mittlerweile spricht man wieder von ihm — nicht zuletzt ein Verdienst der Lübecker Mühsam-Gesellschaft

Gestern wurde in Lübeck zum siebten Mal der Erich-Mühsam-Preis vergeben. Der alle zwei Jahre von der Erich-Mühsam-Gesellschaft ausgelobte, mit 2.500 Euro dotierte Preis geht dieses Jahr an Felicia Langer. In der Begründung heißt es: „Ihre Bücher sind Zeugnis ihrer Lebensaufgabe, den Schwachen in der Gesellschaft zu ihrem Recht zu verhelfen und sich dabei von keiner staatlichen Macht beeindrucken zu lassen.“ Damit stehe sie in der Nachfolge des Namensgebers Erich Mühsam (1878–1934): Sie teile mit ihm den Grundsatz, „gesellschaftliche Verhältnisse als nicht gegeben hinzunehmen, sondern im Sinne einer lebenswerten Zukunft nach befreienden Alternativen zu suchen“.

Erich Mühsam, da war doch etwas? Dass dieser Name mittlerweile manch einem wieder etwas sagt, ist nicht zuletzt Verdienst der Erich-Mühsam-Gesellschaft (EMG) mit Sitz in Lübeck. Seit 1989 bewahrt sie das Andenken des anarchistischen Schriftstellers. Man habe es allerdings erst „wiederbeleben“ müssen, wie Sabine Kruse, Vorsitzende der Gesellschaft, formuliert. Schließlich war Mühsam nach einer ersten Renaissance in der DDR der 1960er-Jahre und während der Studentenbewegung in der BRD aus Bücherregalen und Köpfen fast ganz verschwunden.

Als Gegner jeglicher Staatsform ist er offenbar für den bürgerlichen Kulturbetrieb nicht verwertbar, zumal er als Schriftsteller nie einen Erfolg genoss, der ihm dauerhafte Popularität à la Bertolt Brecht beschieden hätte. Zwar wird sein Lied vom Revoluzzer, ein Spottlied auf die Sozialdemokratie, ab und an noch gesungen. Sein übriges Werk jedoch — Dramen, politische Schriften, Gedichte und Prosa — geriet in Vergessenheit.

Mühsam, geboren am 6. April 1878 in Berlin, siedelt mit Familie 1879 nach Lübeck über, wo sein Vater eine Apotheke kauft, die Erich später übernehmen soll. Er zieht es jedoch vor, 1901 nach Berlin zu ziehen, um Schriftsteller zu werden. Er wird nie davon leben können, stellt immer wieder Politik über Erwerb und bleibt sich bis zuletzt treu. Zunächst Individualanarchist im Sinne Stirners wendet er sich nach seinem Umzug nach München 1909 sozialistischen Ideen zu und entwickelt sich zum kommunistischen Anarchisten. Am nächsten kommt er seinem Ziel, einer Gesellschaft ohne Herrschaft, während der bayrischen Räterepublik im Frühjahr 1919, die er wesentlich mitprägt.

Die Republik wird von der Reichsregierung unter Reichskanzler Friedrich Ebert (SPD) brutal niedergeschlagen, über 1.000 Revolutionäre sterben. Nach mehrjähriger Festungshaft wegen Hochverrats gerät Mühsam politisch in Isolation. Als Agitator und Publizist — als sein theoretisches Hauptwerk gilt die 1933 erschienene Schrift Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat — bleibt er indes präsent, sodass ihn die Nationalsozialisten schon vor ihrer Machtübernahme im Visier haben. Mühsam erhält Morddrohungen, Freunde raten ihm zur Flucht. 1933 wird er verhaftet, nur Stunden vor der geplanten Abreise. Nach grauenhaftem Leiden stirbt er am 9. Juli 1934 im KZ Oranienburg: Er wird erhängt, nachdem Aufseher vergeblich versucht hatten, ihn zum Selbstmord zu treiben. Es sollte wenigstens so aussehen.

Zwar sei die EMG, wie Sabine Kruse sagt, „kein Verein von Anarchisten“. Die Suche nach „befreienden Alternativen“ sei damit aber nicht vom Tisch. So widmet sich die diesjährige Tagung der Gesellschaft (6.–8. Mai in Malente) alternativen Lebensformen. Eingeladen sind unter anderem eine Gruppe aus Christiania in Kopenhagen, Themen wie die Kibbuz-Bewegung und Heinrich Vogelers Kommune stehen auf dem Programm.