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Der tote Herr Jules

Ein Tag mit Herrn Jules ist ein Tag ohne Herrn Jules. Denn Herr Jules ist gestorben. Eben noch hat er wie jeden Morgen die Kaffeemaschine angestellt und den Frühstückstisch gedeckt. Als seine Frau Alice das Wohnzimmer betritt, sitzt er schon starr auf dem Sofa, die Hände auf die scharfen Bügelfalten der Hose gelegt. Einem ersten Reflex folgend will Alice sofort den erwachsenen Sohn und den Leichenbestatter benachrichtigen, aber dann lässt sie es bleiben.

Stattdessen verbringt sie noch einen letzten Tag mit ihrem toten Mann, streichelt seine kalten Wangen und taucht ein in die Welt ihrer gemeinsamen Erinnerungen. Während draußen der Schnee fällt, nimmt sie Abschied von dem Verstorbenen und erzählt ihm alles, was er noch wissen muss, spricht von ihrer Liebe und Verletzungen, die nie ganz verheilt sind.

Wie eine Parodie auf den Satz, dass das Leben weitergeht, liest sich Diane Broeckhovens Roman „Ein Tag mit Herrn Jules“, der von Elke Heidenreich überraschenderweise in die Bestsellerlisten gehievt wurde, wie üblich mit ordentlich verbalem Tamtam: „Ein liebenswertes, kleines Buch darüber, wie Rituale uns helfen, große Verluste zu überwinden.“

Mit der größten Selbstverständlichkeit und Präzision erledigt also die alte Frau ihr Morgenritual, trinkt Kaffee, badet und überlegt gemeinsam mit dem Verstorbenen, was sie denn zum Mittagessen kochen soll. Indem sie den Tod aus erhabenen Sphären in die Normalität zurückholt, gelingt es ihr, ihm den Schrecken zu nehmen.

Wie jeden Tag kommt David, der autistische Nachbarsjunge, auf eine Partie Schach mit Herrn Jules vorbei. Entgegen Alices Befürchtungen findet er sich rasch in der neuen Situation zurecht und übernimmt beim Schachspiel den Part des Toten. In dem Jungen, der ebenso wie sie selbst auf seinen Ritualen besteht, erkennt sie einen heimlichen Verbündeten. Seine sture Gelassenheit im Umgang mit dem Tod tröstet sie mehr als alle gut gemeinten Worte und Erbauungsfloskeln, die schon bald auf sie herniederprasseln werden.

Mit viel Sinn für schwarzen Humor lässt die 1946 geborene und bislang vor allem mit zahlreichen Jugendbüchern hervorgetretene niederländische Schriftstellerin in ihrem Buch Vergangenheit und Gegenwart, Leben und Tod, Banales und Erhabenes bruchlos ineinander übergehen. Wie die Frau neben dem Verstorbenen genießerisch Kartoffeln mit Krabben isst, wohlwissend, dass ihr Schmatzen ihn ärgern würde, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Wäre da nur nicht diese Häufung von Vergleichen. Schon im ersten Satz verhüllt „die zeitlose halbe Stunde zwischen Erwachen und Aufstehen Alice wie ein vertrautes Kleidungsstück“, sodass sie das Gefühl hat, „in einer Gebärmutter dahinzutreiben“. Beim Anblick des Toten bricht ihre Stimme aus der Kehle hervor „wie ein Vogel, der aus dem Gebüsch aufschreckt“, und das Klingeln des Telefons wirft sie „wie eine hohe Welle an Land“.

Und so weiter und so fort. Eine Metapher folgt der anderen, ein Bild jagt das nächste. Fast scheint es, als wollte die Autorin die wohltuende Nüchternheit ihrer Hauptfigur durch möglichst viele, möglichst poetische Sprachbilder wieder wettmachen. Etwas weniger davon wäre mehr gewesen. MARION LÜHE

Diane Broeckhoven: „Ein Tag mit Herrn Jules“. Aus dem Niederländischen von Isabel Hessel. C. H. Beck Verlag, München 2005, 92 Seiten, 12,90 Euro