Lachen, Buh und Puh

Vom Versuch, William Shakespeares schwärzeste Tragödie unterhaltsam zu gestalten: Andreas Kriegenburg gelingt mit seinem „King Lear“ am Thalia eine Gratwanderung

„Isser das?“, zischelt die Blondine auf dem Nebenplatz aufgeregt ihrer Nachbarin zu. Sie meint nicht die Hauptfigur, den hochbetagten König Lear, der bei Markwart Müller-Elmau so müde-zerquält aussieht wie in jüngster Zeit der Papst. Doch der König dankt im Gegensatz zum Papst ab und will Hab und Gut zu Lebzeiten an seine drei Töchter verteilen.

Nein, die Blondine meint nicht den alten cholerischen Zausel, der ihr Großvater sein könnte und im Thalia Theater seiner Lieblingstochter Cordelia (Paula Dombrowski) wutentbrannt die Perücke vom Kopf reißt, weil sie ihm den geforderten Liebesbeweis im Gegensatz zu ihren heuchlerischen Schwestern verweigert. Nein, die Blondine meint Hans Löw, der in der Rolle des diabolisch grinsenden Bösewichts Edmund einen ziemlich sexy Siegertyp abgibt. „Das isser doch nich, glaub ich, er bewegt sich so anders.“ Langsam wird es spannend.

Angesichts des Dramas nebenan fällt es schwer, das Intrigenspiel auf der Bühne mit der gebührenden Aufmerksamkeit zu verfolgen. Dabei gibt sich Andreas Kriegenburg einige Mühe, die schwärzeste von Shakespeares Tragödien unterhaltsam zu gestalten. Einige Nebenfiguren geraten dabei indessen zur albernen Karikatur – wie Daniel Hoevels, der als spastisch sich windender Herzog von Burgund auf einer Sackkarre hereingefahren wird.

Endlich entfährt der Blondine ein leises „aah“: „Er“ ist Tino Mewes, der Hauptdarsteller des Kinofilms Fickende Fische, der am Thalia schon in der Rolle des Tom Sawyer zu sehen war. Hier wirkt er zunächst nicht gerade pfiffig als „guter“ Sohn Edgar, der naiv den Lügen des großen Bruders Edmund Glauben schenkt und deshalb von seinem nicht weniger naiven Vater Graf von Gloster (Christoph Bantzer) verstoßen wird. Später möchte man ihm schützend eine große Decke umhängen, damit er halb nackt im finsteren Wald nicht gar so arg zittert. Aber so tumb ist Edgar gar nicht: Er trägt, wie fast alle in King Lear, eine Maske, wenn auch eine, die Gutes tun will.

Mit großer Konsequenz lässt Kriegenburg allen Protagonisten nach und nach die Masken herunterreißen. Alle legen ihre wie mit einer feinen Staubschicht überzogenen Gewänder aus der elisabethanischen Zeit ab, befreien sich von steifen Halskrausen, gepuderten Perücken und Reifröcken. Dafür schlüpfen sie, egal ob Mann oder Frau, in weite schwarze Anzugsjacken und -hosen, diese Uniform der Mächtigen unserer Zeit. Mit diesem einfachen Trick katapultiert uns Kriegenburg mitten in die zeitlose Neuzeit. Nur Lear, verhöhnt und verstoßen von seinen zwei ältesten Töchtern, dem Wahnsinn verfallen, zieht sich aus, bis er nur noch eine weiße Unterhose trägt. Und Cordelia, die „gute“, so reine Tochter, stirbt im weißen Brautkleid mit langer Schleppe.

Als die Narren auch einen Anzug überstreifen wollen, kommt es zum Eklat. Während Lear auf der hinteren Bühne schläft und immer mehr den Verstand verliert, versuchen Peter Moltzen und Natali Seelig in quälend langen Minuten, in Hosenbeine zu steigen und sich in Jackenärmel einzufädeln. „Versteh‘ ich nicht“, zischelt die Blondine. „Buh!“ ruft es aus dem Zuschauerraum. „Puh!“ ist die Antwort. Lachen, Buh, Puh.

Vielleicht wollte Kriegenburg mit dieser Szene ausdrücken, dass Lear an fortgeschrittener Demenz litt und die einfachsten Dinge nicht mehr beherrschte: Auf jeden Fall droht die Premiere in der Publikumsgunst zu kippen. Doch die Gratwanderung gelingt: Die Narren spielen ungerührt weiter, und auf Kriegenburgs unbehauster Bühne, über der ein kantig-kalter Kronleuchter hängt und eine riesige Trommel lange Zeit wie ein todbringendes Pendel schwingt, spitzt sich die Tragödie zu.

Die Blondine ist unterdessen verstummt. Ob sie der Anblick von Tino Mewes sprachlos macht, der kurz vor Mitternacht die Krone aufgesetzt bekommt und das purpurrote Königsgewand um seinen schmalen Körper schlingt? Erst als sich der neue König vor dem Publikum verneigt und der Vorhang fällt, wird sie wieder munter. Ruft bravo und winkt Mewes begeistert zu. Da ist der Alte längst tot. Ein neuer König, a new star is born.