Freude an der Kraft

Zwei Neuerscheinungen fragen nach der Modernität nationalsozialistischer Kunst

In einem unbekannten Land vor gar nicht allzu langer Zeit lebte ein Schriftsteller namens Waldemar Bonsels. Wirklich berühmt wurde er nie. Doch eine Fabelfigur, die er erfand, summt noch heute durch die Kinderzimmer. Unter dem Namen Biene Maja hat sie seinem Schöpfer letztlich noch ein wenig Restruhm verliehen (am kommenden Montag wäre er 125 Jahre alt geworden). Doch es gab auch eine Zeit, da suchte unser Mann sein Glück in realeren Welten.

1943 veröffentlichte Bonsels den Roman „Dositos“. Ein, so der Autor, „mythischer Bericht aus der Zeitenwende“. Waldemar Bonsels schien dieses Buch ein Anliegen gewesen zu sein. Nicht nur, dass er es im Eigenverlag herausbrachte. Er widmete es einigen von ihm „geehrten und geliebten“ Persönlichkeiten. Darunter etwa der damalige Reichsinnenminister Wilhelm Frick.

Dem mag diese Lobhudelei gefallen haben. Geholfen aber hat sie letztlich beiden nicht. Der besagte Innenminister landete 1946 vor dem Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg. Bonsels, der mit „Dositos“ eine üble antisemitische Hetzschrift verfasst hatte, erhielt von den Alliierten Publikationsverbot. Wäre er nie auf die Idee mit der Biene gekommen, er wäre als Schönschreiber der Diktatur für immer dem Vergessen anheim gefallen.

Bonsels’ Geschichte harmoniert mit dem Klischeebild von der Kunst im „Dritten Reich“ aufs Trefflichste. Nach der Gleichschaltung schlug die Stunde der Ehrgeizlinge aus der zweiten Reihe. Hatte die Avantgarde der Weimarer Republik erst Schreib- und Malverbot, war die Karriereleiter frei für die kreativen Winzlinge: die Blubo-Dichter, die Stimmungsarchitekten und die Meister des Deutschen Schamhaars. „So ein Kulturzeitalter hat es in sich“, frotzelte denn auch trefflich der Schriftsteller Erich Kästner. Denn was einem wie Bonsels mit einem Sprung gelang, das blieb Kästner bis zum Ende der Hitlerei verwehrt. Seine mehrmaligen Anträge zur Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer wurden immer wieder abgelehnt. Auf „Zersetzungsliterat“ und „Kulturbolschewist“ lautete das Attestat aus dem Propagandaministerium.

So real diese Geschichte ist – sie verrät nur eine Hälfte aus dem Kulturleben zur Zeit des „Dritten Reiches“. Der Mythos, nach dem Hitler und Goebbels der Moderne schlicht den Saft abgedreht hätten, hat an vielen Stellen Brüche. Ein von dem Journalisten und Germanisten Hans Sarkowicz herausgegebener Sammelband mit dem Titel „Hitlers Künstler“ versucht nun noch einmal die komplexen Strömungen in der Kultur zwischen 1933 und 1945 auszuleuchten.

Vieles, was dieses Buch in kleinen Essays aufbereitet, ist sicherlich längst bekannt. Der vom Herausgeber selbst verfasste Aufsatz „Bis alles in Scherben fällt“ etwa, der sich mit der Literatur während der NS-Diktatur auseinander setzt, ist nicht mehr als das abermalige Drapieren der Namen großer und kleiner Tyrannenaufhübscher. Was Sarkowicz hier auflistet, hat bereits Anfang der 60er-Jahre der Historiker und KZ-Überlebende Joseph Wulf mit seinen Dokumentensammlungen zur Kunst im „Dritten Reich“ geleistet.

Ähnlich auch der von dem Historiker Felix Moeller verfasste Beitrag zu den „Filmstars im Propagandaeinsatz“. Dass Leni Riefenstahl keine reinen Dokumentarfilme gedreht hat und Veit Harlan mit „Jud Süß“ den Antisemitismus auf Breitbandformat brachte, ist längst ebenso Allgemeingut wie die Tatsache, dass beide auch nach 1945 weiterhin Freude an der nicht nachlassenden Kraft empfanden.

Interessanter indes wird es, wo sich der Band den lange missachteten Randerscheinungen der NS-Kunst zuwendet. Dem Kabarett etwa oder dem Design. Der Essay „Von ‚stillen‘ und ‚lauten‘ Formen. Design im Nationalsozialismus“ des Literaturwissenschaftlers Heiner Boehncke etwa brilliert besonders an jenen Stellen, an denen er über die reinen Fakten hinauswächst. Denn in den Gebrauchsgegenständen des „Dritten Reichs“ entdeckt Boehncke gleichsam einen Speicher sozialer wie individueller Lebenswirklichkeiten. Vorgaben, nach denen die Dingwelt „solide“, „schlicht“ oder „zeitlos“ zu erscheinen hatte, so der Autor, ließen immer auch Rückschlüsse auf ein Regime zu, das auf diese Weise einen gediegenen und stabilen Charakter vorgaukeln wollte.

Doch mehr noch. Indem Boehncke sich dem Gesamterscheinungsbild der Diktatur zuwendet und es nach Kriterien modernen Firmen-, Körper- und Produktdesigns hin untersucht, nähert er sich der grundlegenden corporate identity des NS-Faschismus. Farben, Symbole, Riten – sie haben für Boehncke letztlich ein großes Ziel: Sie schaffen aus Menschen „wandelnde uniformierte Zeichenträger“ und letztlich ein „verpacktes Rassenprodukt“. Die Frage nach der Modernität faschistischer Ästhetik stellt sich so noch einmal neu. Denn für dieses Ziel wurde alles verwandt, was an Codes zirkulierte: „Kitsch und Kunst, Brutalität und Mode, Sex und kleinbürgerliche Ordnungszwänge“.

Dass Hitlers Ästhetikbegriff selbst letztlich in einer Tradition der Moderne stand, das verdeutlicht in einem anderen Buch der Kunsthistoriker Boris Groys. In den von Robert Eikmeyer editierten und herausgegebenen Originalreden Hitlers zu Kunst und Kulturpolitik liefert Groys in einem bemerkenswerten Vorwort interessante Einblicke in die Ästhetik des gescheiterten Malers aus Braunau.

Ganz wie zahlreiche Modernisten nämlich habe Hitler die Frage, was gute Kunst sei, von einem Verstandesurteil zu einem Körperurteil degradiert. Denn nicht die Theorie bestimmte für ihn die Wertschätzung von Kunst, sondern die Zugehörigkeit zu einer Rasse. Und an genau dieser Stelle beginnt Hitlers Kunstbegriff perfide und widersprüchlich zu werden. Denn Bestimmung und „Züchtung“ dieser Rasse war die einzig ihm vorbehaltene Angelegenheit. „Die Kunst“, so Groys, „wird im Namen des Körpers von jeder Theorie befreit, aber der Körper selbst wird theoretisiert, kulturalisiert und politisiert.“ An der Kunstakademie gescheitert, profilierte sich Hitler später als quasi brutaler „Rassekünstler“. Wem solche Gedanken zu abstrakt erscheinen, der sollte vor den im Buch folgenden Originalreden nicht zurückschrecken. Dann aber wird im Hinterkopf wie automatisch Hitlers knatternder Singsang anheben. Und schnell meint sich der Leser wieder in einer Zeit, die mit Moderne so gar nicht vereinbar scheint.