Der doppelt eingesprungene Biller in Paris

Der französische Regisseur Arnaud Desplechin hat einen Film über seine Ex Marianne Denicourt gemacht. Die revanchiert sich nun mit einem Roman

Marianne Denicourt spielt in zahlreichen französischen Autorenfilmen die zentrale Frauenrolle. Unter anderem arbeitet sie für Lelouch, Rivette und Timsit. In dem seit Dezember in den französischen Kinos laufenden „Rois und Reine“ spielt die 39-Jährige nun selbst nicht mit. Dennoch steht sie im Mittelpunkt. Denn der Film enthält mehrere besonders dramatische Kapitel aus ihrem eigenen Leben. Der Film, so ihr Vorwurf an ihren früheren Lebensgefährten, den Regisseur Arnaud Desplechin, ist ein „Verrat“. Ein „Raub ihrer persönlichen Geschichte“.

Ein Jahrzehnt nach ihrer Trennung von dem Regisseur erfuhr Marianne Denicourt nur zufällig vom Inhalt des neuen Filmprojektes ihres Ex. Er hatte mehreren Schauspielerinnen ein Skript zugeschickt. Sowohl Juliette Binoche als auch Emanuelle Béart erkannten Szenen aus dem Leben von Marianne Denicourt wieder. Sie riefen ihre Kollegin an. Und lehnten die Rolle ab.

Die Frau im Film heißt Nora. Wie bei Marianne Denicourt kommt ihr 20-jähriger Freund gewaltsam zu Tode, als sie schwanger mit dem gemeinsamen Kind ist. Sie heiratet ihn posthum, um dem Kind den Namen seines Vaters zu geben. Jahre später stirbt auch der Vater von Nora und Denicourt einen grausamen Tod. „Ich habe in diesem Skript Dinge gefunden, die nur mir und den Meinigen gehören“, schrieb die Schauspielerin ihrem Ex. Der antwortete, sie solle nicht „auf das mondäne Gerede“ hereinfallen, und ergänzte: „Mach dir keine Sorgen, Marianne, dieser Film hat nichts mit dir zu tun.“ An dem Projekt hielt er fest. Er fügte lediglich in einigen Szenen Veränderungen hinzu.

Beim französischen Publikum und bei der Fachpresse bekommt der Film viele Lorbeeren. Er hat bereits zwei Preise gewonnen und ist für einen dritten nominiert: den angesehenen César, der am Ende dieses Monats verliehen wird. Die Schauspielerin Marianne Denicourt hat diesen Augenblick für eine öffentliche Abrechnung mit ihrem Ex genutzt. Dazu hat sie erst gar nicht versucht, die Justiz einzuschalten. Sondern sie ist gleich in die Öffentlichkeit gegangen und hat – zusammen mit einer Journalistin – ein Buch geschrieben. Das 120-seitige Werk trägt den Titel „Mauvais Génie“ und die Genrebezeichnung Roman. Und der Name der Hauptfigur ist in Arnold Duplancher verändert. Doch alle wissen, worum es geht. Um wirklich jedes Missverständnis zu vermeiden, danken die Autorinnen am Buchende auch noch namentlich dem Filmregisseur Desplechin.

„Mauvais Génie“ ist eine bittere Abrechnung. Es beschreibt einen Filmemacher, der wenig erlebt und unfähig zu Gefühlen ist. Und der die Menschen um sich herum benutzt „wie Ratten in einem Versuchslabor“, um seine Filme mit ihren Geschichten zu bestücken. Unter anderem erzählt das Buch die Rache von Ex-FreundInnen, die sich für Filme, in denen sie ihre eigenen Geschichten wiederfinden, revanchieren: Einmal findet der Filmemacher einen toten Vogel in seinem Briefkasten. Ein andermal wird er von einem früheren Kumpel zusammengeschlagen.

Über das Leben Marianne Denicourts erfahren die LeserInnen in dem Buch fast nichts. „Ich habe nie die Absicht gehabt, mein persönliches Leben zu veröffentlichen“, erklärt die Schauspielerin in Interviews. Desplechin allerdings, so erklärt sie, habe in jedem seiner Filme Leute fertig gemacht. „Er hat eine derartige künstlerische Legitimität“, sagt die Schauspielerin im Nouvel Observateur, „dass niemand sich traut, etwas zu sagen.“ Ihr Buch versteht sie als eine Art der Ehrenrettung – für sich selbst und für ihre Familie: „Ich konnte nicht zulassen, dass Desplechin meinen verstorbenen Vater und den Vater meines Sohns sowie meinen Sohn einfach so in den Dreck zieht.“