aufgesprüht

Treffen der Saubermänner: Berlin wird für einen einzigen Tag die internationale Hauptstadt der Graffiti-Gegner

Uns kotzt das richtig an. Uns, die pflichtbewussten Bürger Berlins, die sich den Luxus des Vandalismus nicht länger leisten wollen, nicht länger leisten können. Sagt Karl Hennig. Der ist Vorsitzender des Anti-Graffiti-Vereins – Achtung: ganz einfallsreich – Nofitti.

Graffiti? In Mitte, wo längst Streetart geklebt statt schlapp gesprayt wird, wird man rufen: „Ey, das ist ja so was von Neunziger!“ Nein, nein, würde Hennig vehement dagegen halten, seine Krawatte zurechtrücken und im Stakkato diktieren, dass die Politik und die brave „Bürgerschaft“ nun verstehen, was die Graffiti-Gangster anrichten: Kosten und erstickte Straßenzüge. Bitte? „Jedes Haus muss atmen“, findet der Graffiti-Gegner – aber wie kann es das mit einer dicken Schicht Sprühsahne auf der Haut? Hennig fasst sich an seinen Schnauzbart – ist er denn der Einzige, dem das Ausmaß der Bedrohung klar ist?

Offensichtlich nicht mehr. Eine Allianz sauberer Experten und Aktivisten wird am 7. April zum ersten Internationalen Anti-Graffiti-Kongress nach Berlin kommen, freut sich Mr. Nofitti, Schirmherr ist Klaus Wowereit persönlich.

Schon seit 1994 kämpft Hennig mit seinen aufrichtigen 35 Vereinskollegen: Lange wurden sie „als Putzteufel belächelt“, meint er. Vielleicht bildet er deshalb mit seinem Vize Dr. Kurt Bauer eine trotzige grau melierte Einheit, die etwas verbissen und angewidert von „Scratching“ oder „Tags“ spricht. Ulkige Vorstellung, die Konfrontation zwischen den Schönbohm’schen Kalibern und verkifften Baggy-Sprayern. Aber mal ganz im Ernst: „Das ist kein Spaßthema“, sagt Hennig.

Der harte Kern der Szene bestehe aus etwa 400 schwer Bewaffneten, glaubt Hennig. Dazu kämen die Spraytouristen. Vandalen, das Hirn vom Sprühdosendampf ganz wabblig, die mit Billigflügen aus Skandinavien in die deutsche Hauptstadt reisen: weil bei ihnen zu Hause null Toleranz herrsche, weil Berlin ein Schmuddelparadies sei. Deshalb sei der Anti-Graffiti-Kongress auch so wichtig.

„Ein Kongress von Bürgern für Bürger“ – so bezeichnet sich heute zwar jede semirelevante, tendenziöse Laberrunde und eben auch die Saubermacherrunde. Der Kongress soll aber anders sein: Hier soll von den resoluten Schweden gelernt und endlich das Anti-Graffiti-Gesetz forciert werden. Das scheitert laut Hennig bisher an rot-grüner Uneinigkeit. Etwa an so Weltfremden wie Christian Ströbele, die sich für Graffiti einsetzen.

Wer über die Schönheit von Graffitis diskutieren wolle, „dessen intellektuelle Redlichkeit stelle ich in Frage“, sagt Hennig. Elke Heidenreich beispielsweise hat er deswegen schon abgeschrieben. Die forderte unlängst in der Brigitte, der Potsdamer Platz solle von Sprayern grundsaniert werden. „Na ja“, meint Hennig, „die Generation der über 60-Jährigen ist halt in anderen Tugendkulturen aufgewachsen.“ Was das wohl Unappetitliches bedeuten mag?

In seiner Rolle als Kopfgeldjäger mit preußischer Verve hat Hennig für seine Feinde immerhin auch etwas Respekt übrig. Er berichtet, bei den Sprayern ginge es ja viel um Ehre, um Ruhm, um Kameradschaft. Vielleicht sorgt er sich deshalb väterlich um sie. Denn die Gesundheitschäden der Spraygifte seien gefährlicher als das Rauchen. Und verschulden täten sich die kleinen Racker auch noch.

Falls die Gewissenstour nicht zieht, in Zehlendorf stehen laut Dr. Bauer schon „Rentnertrupps“ bereit, die Parkbänke wienern. Für unser Wohl. Denn nur die Farbindustrie profitiere von Graffiti, sagt Bauer. Er profitiert hingegen vom Anti-Graffiti, stellt er doch als Chemiker – nach eigener Aussage – eifrig die Reinigungsmittel dafür her. Natürlich nur zum Wohl des Stadtbildes. PATRICK BAUER