Die liberale Autorität

WÜRDIGUNG Lord Dahrendorf war der erste intellektuelle Star der Bundesrepublik, der auch im Ausland Resonanz fand. Der Motor einer demokratischen Bildungspolitik

VON JAN FEDDERSEN

über Dutschke:

Seien wir ehrlich: Er war ein konfuser Kopf, der keine bleibenden Gedanken hinterlassen hat. Worauf man heute zurückblickt, ist die Person: ein anständiger, ehrlicher und vertrauenswürdiger Mann.

über den Aufbruch 1968:

Die Freizügigkeit der Sitten war neu. Auch die Hochschulreformen sind meist nach 1968 geschehen, die übrigens fast alle wieder rückgängig gemacht wurden. Jedenfalls sehe ich 68 eher als Schlusspunkt einer Reformbewegung, nicht als Beginn des Aufbruchs.

über die 72er:

Die 72er waren gegen Willy Brandt, gegen die sozialliberale Regierung, in der ich auch mitwirkte. Die 72er sind mir sehr, sehr fern. 68 ging es um die große Frage, ob man innerhalb der Institutionen Veränderung herbeiführen kann. Etwas später spaltete sich eine Schar von oft Jüngeren ab, die der Meinung waren: Nein.

über den „Change“ in den USA:

Den USA ist nun mal im Unterschied zu Deutschland und anderen europäischen Ländern ihre Wandlungsfähigkeit in Rechnung zu stellen. Meiner Meinung nach gilt das auch für die extreme Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001.

über Wandel in Deutschland:

Zuletzt habe ich einen bei der WM 2006 wahrgenommen, als Klinsmann mit einer für Deutschland sehr unorthodoxen Methode eine völlige andere Perspektive auf die Dinge ermöglicht hat. Von der Politik oder von Parteifusionen darf man sich keinen Wandel erwarten.

über Integration in Deutschland:

Was die Einwanderungsgesellschaft betrifft, kann ich nur große Unterschiede zur englischen Lösung erkennen, die die einzige für eine gelungene Integration darstellt: Man akzeptiert Parallelgesellschaften, aber der öffentliche Raum wird bestimmt durch Regeln, an die sich alle zu halten haben.

über die Ligatur (Verbindung) der deutschen Gesellschaft:

Ich halte nach wie vor die nicht ganz angenehme deutsche Geschichte für eine starke Ligatur. Leider nur ist das kein guter Zusammenhalt. (Aus dem Interview des taz.mag vom 5. 4. 2008)

Vor gut einem Jahr gewährte er einen kurzen Besuch in Köln. Mit seiner Frau hatte er dort Quartier genommen, in einem Altersheim behaglichen Zuschnitts, das an eine Klinik angeschlossen war, nah an den Zügen, mit denen er gern nach London fuhr, um dort, sporadisch, aber stetig, an den Sitzungen des Oberhauses teilzunehmen. Aber in Köln musste er sein, um seine Krankheit zu kurieren.

Lord Ralf Dahrendorf erschien zum Gespräch auf die Minute pünktlich, ließ sich nicht irritieren von einem anderen Bewohner des Hauses, der in dem Aufenthaltsraum auf dem Piano zu spielen begann. Nicht herzlich, eher kühl, smart, gab er Auskunft. Über Deutschland in der Krise, die er für geringer hielt, als die Öffentlichkeit wahrnehmen wollte; über Barack Obama, den er für ein amerikanisches Phänomen hielt, der es aber in Deutschland schwer habe, weil ein eiliger Aufstieg aus den Niederungen der Partei an die Spitze ohne krass verwässernde Kompromisse mit den Parteiapparaten nur schwer möglich sei.

Dahrendorf wusste, wovon er sprach. 1929 als Sohn eines sozialdemokratischen Journalisten in Hamburg geboren, aufgewachsen in einem Klima der – so würde er sagen – freisinnigen Anteilnahme, absolvierte er nach dem Nationalsozialismus ein intensives Studium der Philologie wie Philosophie; war Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, dem damals Helmut Schmidt vorsaß.

Dahrendorf war der erste intellektuelle Star der jungen Bundesrepublik, der auch im Ausland Resonanz suchte und fand. In den USA studierte er ebenfalls, schrieb seine Doktorarbeit über den „Begriff des Gerechten im Denken von Karl Marx“ 1952, habilitierte sich 1957 zum Thema „Soziale Klassen und Klassenkonflikt in den industriellen Gesellschaften“. Jürgen Habermas, der ihn damals, selbst Jahrgang 1929, heftig bewunderte, wie er auf Dahrendorfs Geburtstagsfeier vor einigen Wochen kundgab, sagte: „Dieser konstruktive Geist, der lieber mit idealtypischen Stilisierungen Klarheit schafft als mit hermeneutischer Kunst jongliert, fiel durch seine wuchtige Eloquenz ebenso auf wie durch ein kompromissloses, Autorität beanspruchendes Auftreten und die etwas kantige Art des Vortrages. Was Dahrendorf aus diesem Kreis auch heraushob, war das avantgardistische Selbstbewusstsein, mit alten Hüten aufzuräumen.“

Eine persönliche Skizze, die den Lebensroman Dahrendorfs präzise fasst: Der Soziologe, der zur „skeptischen“ Generation gezählt wird, immun gegen totalitäre Anfechtungen aus eigener Erfahrung, war in seinen Kreisen tatsächlich stets ein kühl, gleich passioniert wie selbstbewusst agierender Mann. Niemals hätte Dahrendorf, aller lässigen Rhetorik zum Trotz, so getan, als wandele er wissenschaftlich in Demut durch die Welt. Was ihn aber von einem wie Habermas unterschied, war, dass ihm missionarischer Gestus vollkommen abging. Die Öffentlichkeit sollte von seinen Befunden wissen – publizistische Politik war seine Sache nicht. Dahrendorf hat tatsächlich nie Seilschaften bilden können, keine Netze, die seinen Einfluss mehren – unabhängig von akademischen Apparaten und politischen Hausmächten beanspruchte er nichts mehr als die Zurkenntnisnahme von Argumenten, die sich aus Vernünftigkeit und Vernunft speisen.

Aber das wiederum mit mächtigem Erfolg. Mittlerweile fern der organisierten Sozialdemokratie und Teil des sozialliberalen Aufbruchs außer- wie innerhalb der FDP der frühen Sechzigerjahre, war es Dahrendorf, der in der Debatte um Bildungspolitik formulierte, Bildung sei ein Bürgerrecht – und die Verweigerung von Bildung sei ein gesellschaftlicher Missstand. Das hielt er bis in jüngste Tage für wichtig, ja, demokratisch.

Bildung sei ein Bürgerrecht – die Verweigerung von Bildung ein gesellschaftlicher Missstand, sagte Ralf Dahrendorf

Es mag mit seinem sozialdemokratischen Elternhaus zu tun haben, dass er die Idee der Gerechtigkeit niemals verriet – und doch für ein schlechtes deutsches Erbe hielt, dass die Freiheit gering geschätzt würde, dass Soziales und Nationales höheren Rang haben. Neoliberale Aufheizungen wie durch das aktuelle FDP-Personal (Westerwelle und viele andere) betrachtete mit Argwohn. Dass er den bildungspolitischen Aufbruch der Sechzigerjahre auch durch politisches Engagement in der FDP wie in der Brüsseler EU-Administration zu begleiten suchte, hat ihm freilich geschadet. Auch in diesen Soziotopen der Kungelei versuchte er das Durchsetzen durch Argumente – und scheiterte. Die FDP der sozialliberalen Ära wäre ohne ihn nicht denkbar gewesen. Dahrendorf war es, der in diese ordobürgerlichen Honoratiorenpartei die Idee eingrub, dass Konflikte in einer Gesellschaft nicht von Übel sind, sondern notwendig, um die Dynamisierung am Leben zu erhalten. Die Fähigkeit zum gesellschaftlichen Aufstieg – und, implizit, die Bedrohung der ständischen Ordnungen – hielt er für den Kern von Bildungspolitik. Er, der den Dialog mit Rudi Dutschke schätzte, der in dem Mann der Achtundsechziger das Heftige, das Begehrliche und das Aufrührerische mochte, ist vermutlich der beste Analytiker dessen gewesen, was die Studentenbewegung jener Jahre wirklich antrieb: bessere Universitätsausbildungen, der Mut zum Aufstieg gegen den Widerstand klassisch-bildungsbürgerlicher Schichten, die Entprivilegierung der Ordinarien, Teilhabe an der Wissensproduktion von der ersten Universitätsstunde an – und der Wunsch, nicht abgekanzelt, sondern wie Bürger und Bürgerinnen behandelt zu werden. In einem Gespräch vor wenigen Jahren sagte er, ginge er durch den Schwarzwälder Ort, wo er in Deutschland lebte, sehe er so viele Kinder und Jugendliche migrantischer Herkunft. Die dürften nicht verloren gehen, teilte er besorgt mit, die Gesellschaft müsse alles tun, sie zu integrieren und nicht als unwichtig zu nehmen, „im Gegenteil“, so seine Formulierung, müsse gerade ihnen besondere Aufmerksamkeit zuteil werden. An Details machte er deutlich, woran Bildungspolitik scheitern kann: Gäbe es kein Mittagessen in Schulen, könne es sein, dass die Schüler unversorgt bleiben – ausbaden müssten das dann die Mütter, die dadurch wiederum um Partizipationschancen im Erwerbsleben gebracht würden.

In den mittleren Siebzigern zog sich Dahrendorf aus der Bundesrepublik zurück und machte in London steile Karriere. 1974 wurde er zum Leiter der London School of Economics ernannt; selbst dort, im urliberalen Vereinigten Königreich, war er als Wissenschaftler und Teil der Öffentlichkeit einer der Großen. Königin Elisabeth II. erhob ihn 1993 als Baron in den Stand eines Life Peer of Westminster. Er schätzte das britische Gefühl für Understatement, dort fand er mit seinem Gestus der unaufgeregten Debatte über Gesellschaftliches beste und gefragte Resonanz.

Lord Ralf Dahrendorf ist gestern an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben.