Die Hölle negieren

In Lajos Koltais Verfilmung von Imre Kertész’ „Roman eines Schicksallosen“ verlieren die Bilder ihre Farbe (Wettbewerb). Denn vom Konzentrationslager zu erzählen fordert ein Abweichen von Realismus und Identifikation

Am Ende, als er im Frühjahr 1945 zumindest körperlich einigermaßen unversehrt in seine Heimatstadt Budapest zurückkehrt, das Erlebte aber mit niemand teilen kann, ergreift den Jungen eine Art Heimweh nach dem Konzentrationslager: „Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war. Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslager, müsste ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen.“

Es ist dies ein ungeheurer Satz, mit dem Imre Kertész’ Holocaust-Roman „Roman eines Schicksallosen“ und auch die Verfilmung des Romans durch den ungarischen Kameramann Lajos Koltai endet. Der Satz hat in Kertész’ Roman seine Folgerichtigkeit: Er greift etwa eine andere Überlegung des Erzählers wieder auf, noch ein bisschen leben zu wollen „in diesem schönen Konzentrationslager“. Er erschließt sich auch aus der Lakonie des Erzählstils von Kertész, aus dem Gleichmut und der distanzierten Form, mit denen sein jugendlicher Ich-Erzähler die Zumutungen in den Lagern von Auschwitz, Buchenwald und Zeitz wahr- und hinnimmt.

In Koltais Film „Fateless“ aber, für den Kertész das Drehbuch geschrieben hat, behalten solche Sätze ihre solitäre Ungeheuerlichkeit. Sie schließen sich jedenfalls nicht wirklich kurz mit den tatsächlich schrecklichen Bildern und gerade auch nicht mit der unentwegt erklingenden dräuend-kitschigen Musik von Ennio Morricone. Zur Distanz des jungen György Köves und zur Haltung seines Satzes über das Glück passt vielleicht noch, dass er die Trauer der Familie über die Einberufung seines Vaters zur Zwangsarbeit eher unbeteiligt erlebt; oder dass ihn das Tragen des gelben Sterns nicht anficht, weil nicht er selbst damit gemeint ist; auch, wie er dem Nachbarsmädchen hinterherschaut, während einer seiner Onkels ihm etwas von seiner neuen Verantwortung erzählt.

Doch mit dem Beginn seiner Verschleppung hat es sich mit der Distanziertheit des Jungen. Mit dem Herauswinken aus dem Bus beginnt sein Leidensweg, und da weicht auch das Unverständnis des Zuschauers ob der kindlichen Unbeteiligtheit einer verständlichen Ergriffenheit. Plötzlich reihen sich die Schrecken aneinander, die György nicht mehr abzuwehren in der Lage ist, und plötzlich bekommt Koltais Film nicht zuletzt durch die an sich überflüssige, pathetische Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod-Musik von Morricone etwas Tragisch-Weihevolles.

Dazu haben viele Figuren aus den Konzentrationslagern auf einmal den stereotypen Charakter, den man aus anderen Holocaust-Filmen kennt: der schmallippige deutsche Aufseher, der knuffige Häftling, das Kämpferherz etc. Nur noch wenig bleibt dann über von dem einst in einem Interview geäußerten Vorhaben von Kertész, „die Moral des Lesers durch die scheinbar unmoralischen, kalten Zeilen dieses Buchs“ verletzen zu wollen. Und man versteht, warum sich der Autor Imre Kertész so lange gegen eine Verfilmung gewehrt hat.

Andererseits ist es beeindruckend, wie Koltai den Bildern nach und nach die Farbe austreibt, wie sich das gesamte Geschehen in den Lagern entweder in einem feuchten, matten Schwarz und vor allem in einem trockenen, blassen Weißgrau zeigt; und wie es ihm gelingt, das Leben im Lager gemäß den Vorgaben von Kertész, dass eine anschauliche Darstellung von Konzentrationslagern eben nicht möglich sei, so wenig real wie möglich darzustellen. Trotzdem ist die Hölle, die Koltai hier zeigt, genau die Hölle, die der Junge am Ende negiert, gesehen zu haben: „Es gab keine Hölle“, sagt er zu seinen Nachbarn, „nur die Lager.“