Das falsche Schwein gejagt

Genie und Kulturindustrie: Das war ein strukturelles Couple, das sich gegenseitig brauchte und angespornt hat. Dem Dokumentarfilm „Final Cut“ im Forum allerdings gelingt diese Analyse nicht

Bei der letzten Berlinale stand New Hollywood im Zentrum von Retrospektive und historischer Aufarbeitung. Nun kommt das Unhappy End dieser Epoche. Der Tag, an dem der Autorenfilm starb: Michael Ciminos „Heaven’s Gate“ war an heutigen Etats gemessen kein übermäßig teuerer Film. Heute sitzt der Berlinale-Jury ein Regisseur vor, der von der FAZ treffend dafür gelobt wurde, dass er für 100 Millionen einen Film drehen kann, der auch nicht viel anders aussieht als einer für 130 Millionen. Michael Cimino gab damals fast 40 Millionen für einen Film aus, was seine Zeitgenossen vor allem daran erkennen konnten, dass er deutlich länger war als andere Spielfilme. Das Studio zwang den Regisseur zu brachialen Kürzungen. Dennoch fand die amerikanische Kritik das Ergebnis langweilig und immer noch zu lang. Es wurde weiter gekürzt. Auf der Berlinale sieht man eine einigermaßen rekonstruierte Version dessen, was damals in die Kinos kommen sollte, leider auch nicht Ciminos allererste Fassung von Rivette’schen Dimensionen, bei der allein die Schlachtszene abendfüllende Spielfilmlänge gehabt haben soll.

Der Dokumentarfilm „Final Cut: The Making and Unmaking of Heaven’s Gate“ erörtert die Geschichte dieses finanziellen Desasters und seiner Konsequenzen für Hollywood vor allem aus der Perspektiven der beiden Executives, die an den Film geglaubt haben und später ihren Hut nehmen mussten. Das ist genau die Mitte zwischen dem verkannten Genie und der kapitalistischen Filmindustrie, die damals entschieden haben soll, nie wieder auf einen Regisseur zu hören. Dabei wiederholt sich ein wohl bekannter Effekt, der immer entsteht, wenn man Institutionen und ihre Wirkungen mit Einzelnen diskutiert, die an diesen mitgewirkt haben. Die Kamera klebt am konkreten, liebenswerten Menschen, und die abstrakte Institution Kulturindustrie flutscht der Analyse durch die Finger. Damit fällt die Kulturindustrie als dramatische Figur aus. Aber auch die andere Seite fehlt: Das Genie wollte sich nicht interviewen lassen.

Deutlich wird aber durch die Auskünfte anderer Beteiligter, von tagelang getriezten Technikern bis hin zum heute noch ungemein charismatischen Autor von „Me & Bobby McGhee“ und Hauptdarsteller Kris Kristofferson, dennoch eines: Genie und Kulturindustrie waren in jenen Jahren ein strukturelles Couple, das sich gegenseitig brauchte und angespornt hat. Ja, das Genie, der Überautor erscheint als das inkarnierte schlechte Gewissen der industriellen Produktionsweise und ihrer Buchhalter – und bleibt darum eine Konstruktion unterhalb der künstlerischen Möglichkeiten des Filmemachens. Genies sind selbst eine Produktion auf dem Niveau der Kulturindustrie.

Dagegen kommt in der Rekonstruktion dieses letzten Höhepunkts des alten Antagonismus, der seit Erich von Stroheim zur Legende Hollywoods gehörte, etwas anderes zu kurz: das inhaltliche und künstlerische Problem, das aus dem hoffnungsvollen, Oscar-gekrönten Erfolgsregisseur von „Deer Hunter“ jenen „Ajatollah Cimino“ gemacht hat, wie er sich schließlich selbst nannte. New Hollywood war eine Bewegung, die alten Hollywood-Genres zeitgenössisches Leben einhauchen wollte. Sei es über Aktualisierungen, sei es über Antiversionen – des Detektivs oder des Cowboys. Die zentrale offene Wunde war aber der Western und die vom ihm verbreiteten Mythen über die Geburt der Nation. Der Antiwestern, der die Mythen entzauberte, war schon immer eine der wichtigsten, wenn auch prekärsten Aufgaben, die sich New Hollywood und andere Reformbewegungen des US-Kinos gestellt haben. Neben dem Versuch des Antiwesterns, also der Umdeutung des Personals und der Moral des konventionellen Westerns gab es aber die andere Schule, die durch einen Zuwachs an Naturalismus, an historischer Detailgenauigkeit ein anderes Bild von Immigration und Frühzeit der USA zeichnen wollte. „Heaven’s Gate“ gehört in diese Richtung ebenso wie Terence Malicks „Days of Heaven“ oder zuletzt Scorseses „Gangs of New York“. Genau dafür aber verwendete Cimino seine schließlich die Universal Studios ruinierenden Budgetüberziehungen: für immer wahnsinnigere Investitionen in naturalistische Details. Die Tragik seines immer noch sehr sehenswerten Films ist, dass er das falsche Schwein jagte. Die Ideologie, die er bekämpfen wollte, steckte im Genre des Westerns, nicht in Set Design und Statistenregie, in einem Genre übrigens, das komischerweise mit New Hollywood und Autorenfilm untergegangen ist.