Der Ideenreichste

Nun werden die modernen Helden von gestern entdeckt: Das Folkwang Museum in Essen hat den Nachlass des Fotojournalisten Wolfgang Weber in einer grundlegenden Ausstellung aufgearbeitet

Er war ein verwöhnter Großbürgerssohn und ist dieser Rolle nie wirklich entwachsen. Ohne allzu große Komplikationen wollte er sich auf höchstmöglichem Niveau durchlavieren – wodurch er die internationale Karriere verpasste, die er hätte machen können. Denn Wolfgang Weber war einer der großen Fotojournalisten der Weimarer Republik, ein Pionier neben Felix H. Man, Erich Salomon, Martin Munkácsi oder Alfred Eisenstaedt. Anders als seine Kollegen zwang ihn 1933 nichts, Deutschland zu verlassen – es sei denn die politische Einsicht, die ihn, wenn er sie denn je besaß, zu spät erreichte. So wurde er zum Mitläufer der Nazis. Sein Name ist heute nahezu vergessen und nur noch Fotohistorikern und entsprechenden Fachkreisen bekannt.

Zu diesen Kreisen gehört das Folkwang Museum in Essen, das eine der besten Fotosammlungen Deutschlands besitzt. Hier ist jetzt Wolfgang Weber wiederzuentdecken. Die von Ute Eskildsen und Kristina Danzer kuratierte Ausstellung „Fliegen Sie sofort nach …“ arbeitet den im Haus befindlichen Nachlass auf. Der Katalog ist eine erste substanzielle Monografie.

Wolfgang Weber wurde 1902 in Leipzig als Sohn eines Ethnologen und Fabrikanten geboren. Die französische Gouvernante und die englische Nanny gehörten selbstverständlich zu seiner Kindheit. Entsprechend waren ihm beider Muttersprachen fließend geläufig. Noch vor dem Abitur begann er zu fotografieren. Nach einem Studium der Ethnologie, Philosophie und Musikwissenschaft nahm er als Assistent von Erich von Hornborstel, Professor am Phonetischen Institut der Universität Berlin, an einer musikethnologischen Reise nach Ostafrika teil, die zum Auslöser seiner Karriere als Reiseberichterstatter und Fotojournalist wurde. Denn neben der aufwändigen Tonausrüstung hatte er auch eine Stereokamera dabei, mit der er die Aufnahmen machte, die er 1926, ein Jahr nach seiner Rückkehr, in der Münchner Illustrierten Zeitung veröffentlichen konnte. Deren Chefredakteur Stefan Lorant wurde sein erster Förderer, bis es 1931 zu Unstimmigkeiten zwischen ihnen kam und die Berliner Illustrierte Zeitung Webers bevorzugtes Publikationsmedium wurde.

Sein Kollege Tim Gidal lobte Weber als „den wohl ideenreichsten Fotojournalisten dieser ersten Jahre (und auch der späteren!), von dem man am Stammtisch im Hofgarten immer neue abenteuerliche Geschichten erzählte – bis man sogar zu zweifeln anfing, ob er seine scoops, seine Reportageschlager, wohl selber gemacht habe“. Fotojournalismus war der moderne Heldenberuf. Wolfgang Weber freilich bevorzugte seine weniger heldenhafte Seite. Er setzte auf das Abenteuer Reisen, und hier entdeckte er gerne den Alltag, nicht den Ausnahmezustand. Selbst in der Sowjetunion 1941/42 schaffte er es, den Krieg so gut wie gar nicht vorkommen zu lassen, wofür er hinter der Front eine gut organisierte Landwirtschaft entdeckte oder den banalen Alltag einer jungen Frau in Kiew, der aus Arbeit, Restaurantbesuchen und Stranderholung bestand. Webers Einstieg in die Fotografie war eben nicht von einem spezifisch journalistischen Engagement bestimmt; er wollte schlicht „reisen und kreativ sein“, wie er selbst sagte.

Diese Idee war zu klein, um ein Großer auf dem Gebiet des Fotojournalismus zu werden. Sie war allerdings noch immer groß genug, um zu fotografisch hinreißenden Reportagen zu führen. Was Weber dabei vielleicht am meisten auszeichnet, ist seine Fähigkeit, mit Bildern eine Geschichte zu konstruieren. Er fokussiert auf das Wesentliche, und da er übersichtlich, gleichzeitig aber sehr detailreich fotografiert, ließen sich seine Bildstrecken in der redaktionellen Bearbeitung geradezu wie Fünfakter in Szene setzen, von der Eingangsexposition angefangen über den Blick aufs Detail hin zum Schlussbild, das oft wie ein mitteilsames Panorama das zuvor Gezeigte zusammenfasst. Zunächst ist sein Schwerpunkt Afrika, ein Kontinent, der ihn immer wieder beschäftigen wird; auch in der Zeit nach 1960, als Weber zum Dokumentarfilm wechselte und nun erstmals mehr politisch als ethnografisch interessiert die Krisengebiete Algerien, Kongo und Angola bereist oder 1969 vom Staudammprojekt Cabora Bassa in Mosambik berichtet.

1928 kommt er endlich in die USA, eine Reise, die sich in einer Vielzahl von Veröffentlichungen niederschlägt. Inzwischen ist der Fotograf ein Star, 1931 erreicht seine Produktivität mit 35 Reportagen im Jahr seinen Höhepunkt. Wohlhabend von Haus aus, hat er nun ein Einkommen, das dem eines Managers in der damals am besten zahlenden Chemieindustrie entspricht. Im Rahmen einer Reise durch das britische Empire plant Weber 1939 erneut einen Abstecher in die USA. Harald Lechenperg, sein Chef bei der Berliner Illustrierten, vermutet freilich eine Absetzbewegung – tatsächlich wollte Weber bei Life vorsprechen – und storniert die Tickets. So geht es nun auch für Weber auf die „Etappe Schanghai“, wo er 1940 die aus Europa geflohenen jüdischen Immigranten beobachtet, eine Reportage, die eine deutlich antisemitische Umsetzung des Themas darstellt. Weber ist nun definitiv Teil der Propagandamaschinerie des Dritten Reichs.

Nach dem Krieg wird er Chefreporter der Neuen Illustrierten in Köln. Noch einmal kann er reisen (1951 Sahara, Schweden) und reisen (1952 Südamerika) und reisen (1953 USA, Iran), doch mit Beginn der 60er-Jahre läuft die Zeit für ihn und seinen Stil der Fotoreportage aus. Er wechselt zum Dokumentarfilm und als einziger westlicher Journalist ist er vor, während und nach der chinesischen Kulturrevolution mit seiner Kamera zur Stelle. Mitte der 70er-Jahre sorgt seine Dokumentation über Jassir Arafat in umkämpften Beirut noch einmal für Furore. 1985 stirbt Wolfgang Weber 83-jährig in Köln.

So breit gefächert Wolfgang Webers Arbeitsleben in der Essener Ausstellung dokumentiert ist – es werden auch Layout-Skizzen, Zeitungsseiten und Filme gezeigt –, so wenig ist über den Menschen Wolfgang Weber zu erfahren. Der Katalog etwa lässt jede Anekdote, jedes Interview, Briefe oder persönliche Äußerungen, auch von Kollegen, missen. Das ein wenig schade, denn man hoffte noch etwas mehr über diese – letztlich doch beispielhaft deutsche – Karriere zu erfahren.