„Über diese Ausstellung lacht sich die RAF doch tot“

Die Journalistin und Zeitzeugin Bettina Röhl über die RAF und das Versagen der RAF-Ausstellung: „Belanglos, wenig intellektuell, die echten Geschichten fehlen.“ Eines gesteht sie der Ausstellung zu: „Sie transportiert den Mythos RAF perfekt“

taz: Frau Röhl, warum kritisieren Sie die RAF-Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken so vehement?

Bettina Röhl: Ich finde sie belanglos. Intellektuell flach, wenig historisch und zu wenig emotional.

Was stört Sie konkret?

Ich gestehe der RAF, den Anhängern der RAF, den 68ern und der ganzen Generation zu, dass sie gerungen haben um Intellekt, um Werte, Linkssein. Es ging ja mal um Gerechtigkeit und „Revolution“. Dafür haben die 68er und erst recht ihre RAF-Ikonen verfehlte Konzepte gehabt. Aber immerhin. Das Problem ist: All das gibt’s in dieser Ausstellung nicht. Da sieht man nur Fratzen. Die wahren Geschichten werden nicht erzählt.

Welche denn?

Die Geschichten der Opfer. Aber auch die der Terroristen, die sich ja untereinander irrsinnig befehdet haben. Dann fehlt die Auseinandersetzung mit den Texten. Und was haben die Terroristen konkret gemacht: Erfahre ich das in der Ausstellung? Nein.

Sie wissen es doch.

Ich schon. Ich fürchte aber, dass jemand aus der jüngeren Generation da zu wenig erfährt. Die Studenten heute haben doch in Wahrheit wesentlich mehr einzustecken als die damals. Einige idealisieren nun wieder die RAF als Lösung. Da ist Aufklärung nötig. Aber es wird sehr beschönigend geredet von der RAF im Katalog und von den Ausstellern. Nehmen Sie das Kernstück „Die Toten“ von Hans-Peter Feldmann. Ich glaube, die meisten Menschen kennen 90 Prozent der Namen und Gesichter nicht.

Es gibt einen Reader am Eingang, der die Todesumstände nennt. Aber Mörder und Ermordete sind alle „Todesopfer“.

Ja. Klaus Biesenbach …

Der Hauptverantwortliche der Ausstellung …

... hat ja verlautbaren lassen, dieses Kernstück stehe exemplarisch dafür, dass die Ausstellung auf jede Wertung verzichte.

Tut sie es doch?

Selbstverständlich. Das genau ist doch die Wertung des Künstlers, Opfer und Täter so nebeneinander zu stellen. Das bedeutet, sie faktisch wie ethisch gleichzustellen. Ohne zu vergleichen: Stellen Sie sich vor, man würde Hitler, Goebbels, ums Leben gekommene namenlose KZ-Schergen und daneben die Familie der Anne Frank ausstellen und darunter schreiben: Die Toten des Zweiten Weltkriegs. Das würde man zu Recht als ziemlichen Affront gegenüber den Opfern empfinden. Mit falschem Verzicht auf Wertung, wo Wertung unerlässlich und möglich ist, fängt es an, heikel zu werden.

Kann eine Kunstausstellung der RAF nicht beikommen? Die Kuratoren ziehen sich darauf zurück, nur „die Welt der Bilder“ zur RAF reflektieren zu wollen, wie Felix Ensslin gesagt hat, Mitkurator und Sohn von Gudrun Ensslin?

Ich glaube schon, dass eine Ausstellung viel leisten könnte. Eigentlich bin ich auch dafür. Weil die RAF tatsächlich ein unaufgearbeitetes Kapitel ist. Eines zudem, das viele interessiert. Diese Ausstellung hat sich mit Fleiß bemüht, Exponate zusammenzubringen, aber was die intellektuelle Seite angeht, empfinde ich sie als geradezu unsäglich faul.

Was meinen Sie?

Man müsste zumindest erfahren, welcher Künstler gefangen war von der RAF. Und welcher Künstler ein Vermögen mit seiner so genannten RAF-Kunst gemacht hat. Seit 30 Jahren ist die RAF so was wie ein heiliger Gral. Seither laufen wir diesen Tätern hinterher. Ein bisschen Ironie hätte ich auch von den Künstlern erwartet. Und die Aussteller selbst tragen auch diesen gralshaften Ernst im Gesicht. Statt mit der Kritik umzugehen, stilisieren sie sich gleich selbst als Opfer. Warum sagen Sie nicht: Stimmt, wir wollten einfach die RAF vermarkten. Wer kann denn so naiv sein, eine Ex-Terroristin …

Astrid Proll …

… als eine Art historische Beraterin der Show zu nehmen? Das ist doch klar, dass sie beschönigt.

Proll hat im taz-Gespräch eine „unschuldige Phase“ der RAF postuliert.

Mir kommen gleich die Tränen, wie Proll das jetzt verklären will – als neue Grande Dame der RAF und Mama der Terroristen. Es ist eine perverse Situation für die Opfer, mitzuerleben, wie viele der Terroristen von der Gesellschaft ein überproportionales Maß an Sanftheit und liebevoller Rehabilitierung verpasst gekriegt haben. Proll ist ein Beispiel dafür.

Erkennen Sie die Absicht der Ausstellung nicht – oder nicht an?

Der Schirmherr der RAF-Ausstellung, Exbundesinnenminister Gerhard Baum, sagte mir neulich: Was wollen Sie Frau Röhl: Kunst, alles nur Kunst. Um Historie, Politik, Gerechtigkeit und die Opfer geht es nicht. Im Tod sind alle Menschen gleich, natürlich nicht moralisch. Und dann drosch er die alten Mythen vom bösen Staat und den Idealisten, die leider Kriminelle wurden. Hier fehlt die Reflexion der Legenden. Im Ergebnis wird man unterschwellig belehrt.

Warum sich nicht belehren lassen?

Okay, dann aber dürfte die Darstellung nicht derart selektiv sein, wie sie ist.

Geht’s Ihnen um Grundsätzliches – das diffuse Verhältnis der Linken zur RAF?

Die RAF ist offenkundig keine Erfolgsgarantie mehr. Gerade die Linke hat erheblich an Interesse verloren – und fängt an, sich von der RAF zu distanzieren. Deswegen wird die Veranstaltung in den Medien ja auch die „umstrittene“ genannt.

Bei der Kaufhausbrandstiftung 1968 richtete sich im Sinne von Rudi Dutschkes Unterscheidung die Gewalt nicht gegen Personen.

Falsch. Es war reiner Zufall, dass bei den Kaufhausbränden kein Mensch verletzt wurde. Im Übrigen hat Ensslin intern erklärt, dass Gefährdung von Menschen sie nicht abgehalten hätte. Natürlich waren Baader-Ensslin-Proll „unschuldiger“ vor dem ersten Schwerverletzten. Wenn man Ensslin 1968 in ihrem neuen Jäckchen vor Gericht rumhopsen sieht: Die waren im Trend. Die hätten das nie gemacht, wenn die ganze Bewegung das nicht auch irgendwie geil gefunden hätte. Zufällig erinnere ich noch selber, wie Baader und Ensslin …

vor dem Schuss auf den Bibliotheksangestellten Georg Linke bei der Andreas-Baader-Befreiung 1970 …

… bei uns zu Hause in Berlin saßen und wie die Stimmung war.

Erzählen Sie!

Grauenhaft. Es wurde wahnsinnig viel geraucht. Und da war dieser Todesernst. Nervosität, extreme Gereiztheit. So umwerfend spaßig, wie Proll es schildert, waren die ganz und gar nicht drauf.

„Existentielles Pathos“ nennt die FAZ diese Vermarktungsstrategie, die auch die Kunst angefixt habe.

Und der angeschossene verletzte Institutsangestellte Linke wird dann in der Ausstellung namenlos gelassen. Die Banküberfälle …

Beschaffungskriminalität …

… werden im historischen Zeitstrahl der Aussteller verschwiegen – ein unheimlicher Täterschutz.

Jan Philipp Reemtsma schlägt vor, die RAF nicht mehr zu folklorisieren, sondern ihren Terror als Selbstzweck zu begreifen.

Das ist ja ein völlig neuer Ton von ihm. Felix Ensslin dagegen hat das Heinrich-Böll-Wort von den „Sechs gegen sechzig Millionen“ aufgewärmt. Unsinn.

Der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll …

… hat ja mit diesem Irrtum den Mythos mitbegründet. Es gab Millionen von Sympathisanten.

Tausende gingen nach dem Hungertod von Holger Meins in der Stammheimer Untersuchungshaft auf die Straße …

Es gab Böll. Und es gab auch einen Joseph Beuys, der Baader und Meinhof über die Documenta führen wollte, damit sie wieder gesellschaftsfähig werden. Insofern zeigt die Argumentation der Ausstellungsmacher, das seien ein paar Verblendete gewesen, das Nichtbewältigen des Mythos. Für ein paar Kriminelle gibt es keinen solchen Medienhype. Es sind die drei Buchstaben RAF, die knallen.

Was heißt das?

Die Aussteller haben es nicht nur nicht geschafft, diesen Mythos zu knacken. Umgekehrt: Die RAF hat die Ausstellung geschafft. Ihr Mythos wird von der Ausstellung weitertransportiert. Die RAF-Leute, die sie sich angucken, lachen sich doch tot.

Wär’s nicht kaltherzig, jenem Publikum, das noch immer über das Rätsel namens RAF nachdenkt …

… die Ikonen wegzunehmen?

Man klaut einem Kind auch nicht das Stofftier.

Ich halte das immer neue Fragen nach dem Warum für falsch: Warum konnten diese angeblich hochbegabten Menschen abdriften? Dafür gibt es keine vernünftige Erklärung. Als Baader verhaftet wurde, 1970, hatte er Gelbsucht von einer verseuchten Heroinnadel. Und Ideen im Kopf, Terror zu machen. Das war nicht Avantgarde, das war Bullshit.

Was meinen Sie, bitte?

Mit Waffen eine SPD-regierte Bundesrepublik mit Gustav Heinemann als Präsident und Willy Brandt als Bundeskanzler abschaffen zu wollen. Irrsinn.

Man wollte die Fratze des Staates herauslocken. Und lockte aus Helmut Schmidt ja nun auch einiges heraus.

Der Blick auf die Opfer wäre relevanter. Eine Aufdeckung der Taten und der absurden Legenden. Nehmen Sie Ulrike Meinhof.

Ihre Mutter.

Die durfte in den Sendern politisch weitgehende Filme machen. Im Film über Benno Ohnesorg …

dessen Erschießung durch einen Polizisten im Juni 1967 die Radikalisierung der APO beschleunigte …

… behauptet sie, dass der damalige Staat ein Polizeistaat war. Das war Unsinn, aber so was lief gerne glatt durch. Ich kann als Fernsehjournalistin sagen: Größere Pressefreiheit gibt es nicht. Der Mythos bis heute: Damals durfte man nichts sagen.

Sehen Sie die Ausstellung aus Opfersicht?

Nein. Aber als jemand, der sich dank Recherchen auskennt. De facto wurde ich Opfer der RAF, aber mitnichten reite ich darauf herum. Ich bin Zeitzeugin, meine Mutter war Täterin …

Sie und ihre Zwillingsschwester sollten von der RAF nach Jordanien verschleppt werden.

Ich finde es ja auch wahnsinnig peinlich, dass Baader, Ensslin, Mahler, Proll und Meinhof nichts Besseres zu tun hatten, als zu beraten, wo die Röhlzwillinge hin sollen. Der Jordanienbeschluss war ein förmlicher Akt der RAF. Alle waren beteiligt. Sicher war Ensslin eine treibende Kraft, sie war wahrscheinlich die Kernperson für den Terrorismus. Die Idee: Wir sollten mit sieben Jahren zu „Terroristen“ ausgebildet werden. Wir wurden gerettet …

die größte Stunde des heutigen Spiegel-Chefs Stefan Aust …

… und die guten, alten 68er nahmen mir übel, dass ich danach eine glückliche und privilegierte Jugend hatte. Und nicht das Klischeebild einer traurigen, verständnisvollen Erbin erfüllte. Letztlich zelebriert ein Felix Ensslin heute durch die Wertungslosigkeit den Mythos der RAF. Während man mir gerade übel nimmt, dass ich auch Ulrike Meinhof „dekonstruiert“ habe – nicht als anerkannte Journalistin, sondern als Terroristin.

Wie geht es weiter, Frau Röhl?

Diese Ausstellung ist nicht das letzte Wort.