Anleitung zur Domina

THEATER DER ENTHÜLLUNG Transenrevue ohne Transen – ein Hausbesuch in der „Kleinen Nachtrevue“ in Westberlin

Sexy nächtliches Westberlin. An den einsam wartenden Damen an der Bülowstraße vorbei, die Schwulensaunen und -Clubs links liegengelassen, über die ungastliche Kurfürstenstraße kommt man zur „Kleinen Nachtrevue“. Seit 17 Jahren will das „Theater der Enthüllung“ hier auf die Bühne bringen, was man sonst nur im gut sortierten Fachhandel, dem Lieblingsdominastudio oder mit Glück zu Hause im Bett findet.

Sylvia Schmid, Betreiberin, Hauptdarstellerin, Pressefrau und Kassenmaus, spielt in „Anleitung zur Domina – Der Weg zur sexuellen Disziplinierung“ mehrere Rollen, ein Outfit spitzenmäßiger als das andere, ein Paar Stiefel höher als das andere: Die „Kleine Nachtrevue“ macht von jeher auf Sex und Erotik, verteilt auf Stücke mit Titeln wie „Einmal Huren rauf und runter“ oder das an einen Pennälerwitz erinnernde „Eine ficktiefe Frau“.

Im Takt auf die Pobacken

Das Ambiente stimmt, hier hat glücklicherweise seit Jahren keiner renoviert, und so brettert der kleine Laden seinen schwülstigen 60er-Charme voll auf die wenigen Plätze, die unter der reizenden Art-déco-Deckengestaltung und den dunklen Mustertapeten um kleine Tische gruppiert sind. An ihnen sitzen drei alleinstehende, ältere Herren vor ihrem Kaltgetränk, zwei gemischtgeschlechtliche Pärchen und zwei spanische Freundinnen, bei denen man anhand der ab und an herüberwehenden spanischen Sprachbrocken nicht raushört, ob sie bewusst hier gelandet sind oder eigentlich in eine nette Technodisco wollten.

Einer muss das wilde Zeug aus den Erotikkaufhausschaufenstern schließlich kaufen

Am Klavier sitzt Sascha Mersch, dessen Haupthaar um die kahle Stelle am Hinterkopf glänzend auf die Schultern fällt wie eine durchgerostete Perücke, schwarz wie der Rest des großen Mannes. Sylvia Schmid und ihre Partnerin Gabi Fleming singen „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Quälen eingestellt“, Schmid in einer Mischung aus Frank-N.-Furter- und Karneval-in-Rio-Lurexkostüm, 30 cm hohe Fetischschuhe an den zierlichen Füßen, überragt Fleming im lila Latexkleid um zwei Köpfe. Texte werden gesprochen, es geht um die Lust an der Unterwerfung. Schmid und Fleming zeigen, wie man’s macht: Fleming nackt bis aufs kurze Korsett an einer Hundeleine, Schmid daneben als Dominatrix, Mersch, der nicht nur in seiner ulkigen Konstantin-Wecker-auf-Grufti-Erotik-Funktion dabei ist, sondern aktiv mitspielt, hinten neben einem aufgebockten Pferdesattel.

Lustig wird es, als Fleming als Dominierte den Hundenapf hinwirft und die danebenliegenden Rohrstock- und Kochlöffelutensilien einsammelt, um zusammen mit den anderen zu einem billigen Beat aus der Konserve im Takt auf Pobacken, Napf und den Boden zu schlagen, während Mersch den Sattel trommelt und Schmid die Peitsche bedient. Wie ein aus dem Ruder gelaufener Human-Beatbox-Workshop grooven die Damen und Herren ein paar Minuten im etwas wackeligen Schlag-mich-Beat. Man fragt sich, ob Humor bei diesem Thema erlaubt, erwünscht oder eher nicht gern gesehen ist: Meinen die das ernst? Egal, es ist in jedem Fall amüsant.

Eine Nummer folgt der anderen, man singt Karaoke bei „These boots are made for walking“ und „Lass mich dein Sklave sein“ von den Ärzten, immer wieder die sehr bühnenpräsente Schmid und die nicht minder leidenschaftliche Fleming, nackt oder im Korsett, in an Iron-Maiden-Tourkleidung erinnernden Schnallenhosen, Netzbody und Overknee-Highheels – einer muss das wilde Zeug aus den Erotikkaufhausschaufenstern schließlich kaufen.

Dann ist Mersch zurück am Klavier, Fleming holt eine Rolle Haushaltsplastikfolie und beginnt, Mersch wie ein Gurkenbrötchen am Instrument festzuwickeln, stakst rüber zur inzwischen nackten Kollegin auf der Bühne, wickelt die ebenfalls ein, stakst weiter zu einem der Tischchen, wickelt auch da ein paar Mal. Am Ende intoniert Schmid Nirvanas „Rape me“ zu Klavierbegleitung. Das Geschehen ist kein bisschen schlechter als in anderen kleinen, nicht subventionierten Theatern und in Pathos, Stimmlage und Schuhausstattung ohnehin sympathisch an eine Transenrevue erinnernd, nur eben ohne Transen.

Nach der Pause, in der man aus dem vergitterten Minifoyer-Türfenster rausrauchen oder sich einen Prosecco zum saftigen Preis genehmigen kann, gibt es eine hübsche kleine, erstaunlich selbstreflektiert beginnende Nummer über eine Domina, die ein normales Leben samt Ehemann und Rotkohl aus dem Glas probiert, bis ein Exkunde in der Idylle Einlass begehrt. Und gleich zum Badezimmerputzen angeleitet wird und zu einem beeindruckenden Bondage-Spiel. Bei dem Fleming, fast nackicht an gekonnt geknoteten Seilen hängend und mit brennenden Kerzen dekoriert, in ein Mikrofon singt. So etwas kann doch sonst nur Madonna!

Nur, dass die Kleine Nachtrevue in ihrer trotzigen Alles-hausgemacht-Manier weit entfernt vom Prunk und Protz einer Madonna-Show oder einer dämlichen Schlüpfertheaterrevue à la „Belle et fou“ ist, die vor ein paar Jahren den Touris schon mal zeigen wollte, was eine sexy Harke ist. Hier ist eben tiefstes Westberlin. Hier schlägt die Chefin noch selbst.