Doppelschlag gegen Flick

Flugblätter und weiße Farbe im Museum, eine Anzeige von Intellektuellen in der „FAZ“: Genau am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz wurde die Flick Collection zum Ziel von gleich zwei Attacken

Gestern verschütteten Unbekannte im Berliner Museum für Gegenwart weiße Farbe und verteilten Flugblätter. Text: „1.000 Frauen aus Auschwitz mussten im Flick-Konzern arbeiten, viele haben das nicht überlebt.“ Ebenfalls gestern erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Anzeige, in der Intellektuelle gegen die Ausstellung protestierten. Beide Attacken ereigneten sich am Jahrestag der KZ-Befreiung, beide brachten Flick mit Auschwitz in Verbindung.

Unterschrieben haben unter anderen der Intendant der Berliner Volksbühne, Frank Castorf, Jochen Distelmeyer von der Band Blumfeld, sein Kollege Dirk von Lowtzow von Tocotronic, der Dramatiker René Pollesch, die Künstlerin Anna Blume und die Publizisten Diedrich Diederichsen und Georg Seeßlen. Aufmerksamkeit erlangt die Unternehmung aber vor allem dadurch, dass die frisch gekürte österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek als Unterzeichnerin gewonnen werden konnte.

Auschwitz als Aufhänger

Es ist nicht mehr allein die Kritik an Friedrich Christian Flick selbst. Es ist vielmehr der Dreiklang aus „Auschwitz, Flick, Jelinek“, der die Aufmerksamkeit für das Anliegen der Initiatoren bringt. Der Enkel und Erbe des verurteilten Kriegsverbrechers und Nazis Friedrich Flick hat viel Geld und Mühe darauf verwendet, dass der Familienname nicht mehr für die Aufrüstung des Dritten Reiches und die Ausbeutung von Zwangsarbeitern steht.

Der Bundeskanzler persönlich adelte die Ausstellung mit einer pompösen Eröffnungsfeier, zu der die Unterzeichner erklären: „Und hier ist zu sehen, wie das Projekt ‚Deutschland, alles ist wieder okay!‘ in der Berliner Republik funktioniert. Ausgerüstet mit einem Willen zur Debatte, der an den letzten Erfahrungsresten von 1968 geschult ist, und einer gewissen Distanz zum Wertekonservatismus wird jede Auseinandersetzung begrüßt, solange sie konsequenzlos bleibt.“ Damit werde, so heißt es, „die Erinnerung an die Shoah noch in ihrer Benennung stillgelegt“.

Ist es richtig, am Auschwitz-Gedenktag über Flick zu reden? Der reiche Mann selbst wird sich einmal mehr verfolgt fühlen. Flick ist der Ansicht, die deutsche Gesellschaft versuche, sich auf Kosten seiner Familie zu exkulpieren. Nach dem Motto: Mein Opa war’s nicht, Flicks Opa ist es gewesen.

Auch kritische Historiker, wie aktuell Götz Aly, warnen, der Blick auf Flick, Krupp oder die Deutsche Bank lenke davon ab, dass nicht nur Industriekapitäne, sondern alle Deutschen vom Holocaust profitiert hätten. So richtig dieses Argument ist, so falsch ist seine Anwendung im Falle Flick. Denn der Erbe, der sich weigert, in den Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter einzuzahlen, hat sich nicht etwa um eine Verbreiterung der Debatte um die historische Verantwortung bemüht, sondern tatsächlich nur um deren konsequenzlosen Leerlauf.

Und der Bundeskanzler – hier haben die Unterzeichner der Anzeige zweifellos Recht – hat diese Haltung gelobt, ja sogar zum Vorbild erkoren. Opfer? Kamen in Schröders Rede so wenig vor wie in Flicks Ausstellung.

Der NS-Nachfolgestaat Bundesrepublik verständigt und versöhnt sich mit den Nachkommen der Täter – zu deren Bedingungen. Wenn das Normalisierung ist, ist sie falsch. Und dann muss man auch am Auschwitz-Gedenktag über Flick reden.