DIEDRICH DIEDERICHSEN SPÄTER MEHR

Täglich grüßt der Murmelrilke

Heute liest man von einer Fritz-J.-Raddatz-Monografie über Rainer Maria Rilke. Gestern erlebte ich, wie ein Dissertantenkolloquium mit einer Rilke-Rezitation begann. Vorgestern nannte ein kroatischstämmiger, bekennend veganer Gangsterboss den lungenkranken Lyriker in einer österreichischen Illustrierten als Lieblingsautor. Vorvorgestern bekannte Lady Gaga: „Ich bete und lese Rilke.“ Vorvorvorgestern ließ es sich keine der Rezensionen zur neuen Bob-Dylan-CD nehmen, auf Dylans neuen Koautor Robert Hunter zu verweisen. Von Hunter stammt auch die amtliche Übersetzung der „Duineser Elegien“. Ich könnte ewig so weitermachen. Vor Jahren hatten wir dasselbe mit Gottfried Benn.

Gemeinsam ist Benn und Rilke, dass sie ihre Leser gern duzen: Du musst dir alles geben. Götter geben dir nicht. Oder: Du musst dein Leben ändern. Oder: Noch bist du nicht kalt, und es ist nicht zu spät. Oder: Du wolltest wie alle sein, die sich scheu in Kühle kleiden. Heilige Momente, es öffnet sich ein scheuer Samtvorhang und gibt den Blick aufs Arcanum frei. Hier ist das Ich zu Hause. Unser wertvollster Körperteil. Und nun sagt jemand auch noch Du zu ihm. Du, da ist mir jemand sehr nahegekommen.

Diese Sätze und der von ihnen verbreitete Geist sind natürlich nur erträglich amüsant, wenn man die Teile wieder einfügt, die auf dem Wege in die Bürgerlichkeit weggekürzt wurden: Du musst dein Leben ändern, ey, Alter! Du musst dir alles geben, Alterchen, Götter geben dir nicht, Mann! Der Dichter lehnt an einer Theke, die eine Hand liegt auf der Schulter des Lesers, er wird eindringlich. Er will dich abschleppen, ey, Leser, und dir seine Briefmarkensammlung zeigen!

Auch Oberflächen werden von Geschichte gezeichnet. Pop weiß das in seinen besseren Momenten

Der kulturell dominante Narzissmus ist nicht mehr damit zufrieden, auf eigene Faust im Innen zu bohren. Es muss einer hinzutreten. Ein Weitgereister, würde Rilke sagen. Eine Mischung aus einem „Star Wars“-Weisen und einem fusseligen Philosophen möchte leicht alkoholisiert ihr du entbieten.

Jetzt, wo angeblich das Geld weg ist, will man sich nicht mehr in Kühle kleiden. Verlässliche deutsche Dichter müssen etwas Wärme spenden. Die kannten das Problem schon zu Zeiten anderer Krisen. Das Du – es mahnt, es warnt, es wedelt mit dem Ernst des Lebens.

Sie wussten auch: Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es wie ein Fest. Mit dieser Formel ist man gut durchgekommen, bis in irgendeiner Nacht, in irgendeiner Morgenröte irgendeinem der Umkehrschluss zu Unrecht dämmerte: Ist es kein Fest mehr, dann könnte ich es vielleicht verstehen.

Die Geschichte dieses Ernstwerdens ist die andere Seite der bonbonfarbenen Niedlichkeit. Es ist das Memento mori derjenigen, die ihr Jungsein ganz existenzialisiert und dehistorisiert hatten. Jetzt sagt auch das bürgerliche Mittelalter: Nach der Jugend kommt schon bald der Tod. Dazwischen keine Geschichte, nur Produktreihen und dann und wann ein Radiohead-Konzert.

Auch Oberflächen werden von Geschichte gezeichnet. Pop weiß das in seinen besseren Momenten. Sie handeln von meiner Verwickeltheit in historische Konstellationen. In der Niedlichkeitskultur, die in den 90ern begann und im gerade zu Ende gehenden Jahrzehnt ihren Höhepunkt hatte, wurde diese Verwicklung nicht mehr gelebt und gestaltet. Die Empfindsamkeit hatte sich selbst zum Gegenstand, das Oberflächendesign löste sich ab von Semiotik und Kommunikation. Texte und Logos auf T-Shirts hießen nichts mehr.

Aber wenn dann ein anderer Gegenstand – Älterwerden, Prekärwerden – mit Gewalt sich aufdrängt, sind keine Instrumente da, die mehr verstehen als: Hier spricht dein Schicksal. Alles geschieht dann dir. Spätesten seit 9/11 – dem historischen Moment, von dem an letzte Generationenpolitisierungen wie die Globalisierungsgegnerschaft marginal wurden – gab es dieses Unvernehmen: Von Geschichte sprachen nur noch die anderen, es erreichten einen keine Botschaften, die nicht per Du vermittelt wurden.

■ Diedrich Diederichsen, Poptheoretiker und Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien