Peggy Traber

Zu Besuch bei einer Hochseilartistin

Peggy Traber, Hochseilartistin, Inhaberin d. Hochseil-Performance „Die Trabers“. 1973 Einschulung i. d. Volksschule i. Kemberg bei Dessau. Beendigung d. Schule 1983 i. Kemberg. Ausbildung u. Berufstätigkeit als Raubtierdompteurin, Engagements a. verschiedenen Zirkussen, u. a. am Russischen Staatsszirkus 1985. Plötzlicher Tod der Mutter (1985). 1986, i. Alter von 19 Jahren, Ausbildung z. Hochseilartistin bei Karl Traber (der ihr Ehemann wird). Nach d. Ende d. DDR sieben Jahre Zirkusarbeit, dann, zusammen mit Ehemann u. Töchtern, Aufbau der erfolgreichen Hochseil-Performance „Die Trabers“ in Eigenregie. Geboten wird große Freiluft-Hochseilartistik, u. a. spektakuläre Motorradfahrten auf einem 16 mm dünnen Schrägseil aus Stahl, Fahrer Karl Traber, der in dieser Disziplin a. 31. Mai 2003 einen neuen Geschwindigkeits-Weltrekord über 97 km/h aufstellte. Mit seinem Motorrad macht er i. bis zu 40 Metern Höhe einen dreifachen Todessalto mit Trapez. Am Trapez mitfahrend bieten abwechselnd Peggy Traber und d. beiden Töchter Jessica (15) u. Jennifer (16) sensationelle akrobatische Kunststücke dar. Des Weiteren zeigt die Artistenfamilie atemberaubende Seilläufe in bis z. 20 Metern Höhe, auf einem 12 mm dünnen, schräg aufgespanntenStahlseil. Agiert wird teils mit verbundenen Augen oder auch in historischen Kostümen, in denen kleine Stücke auf d. Seil aufgeführt werden. Als Höhepunkt präsentiert Peggy Traber sich und ihr Können auf d. Spitze eines 53 Meter hohen, schwankenden Stahlmastes. Ohne Netz u. Fangseil – also vollkommen ungesichert – macht sie Kopf- u. Handstände in einsamer Höhe auf einer schmalen Halterung. Sie ist die einzige Frau in Deutschland, die diese sehr exponierte artistische Darbietung zeigt. Peggy Traber ist am 1. 2. 1967 in Kemberg geboren. Ihre Eltern waren beide Raubtierdompteure. Peggy Traber ist verheiratet und hat drei Töchter.

Die Trabers sind eine altbekannte und weit verzweigte Artistenfamilie, deren Mitglieder sich nach dem Zweiten Weltkrieg in beiden Teilen Deutschlands wieder einen Namen machten. Peggy Traber heiratete in den ostdeutschen Zweig ein. Ihre Schwiegermutter, die selbst bis zum 40. Lebensjahr aktive Hochseilartistin war, und sich nun um Büro und Enkelkinder kümmert, sagt voller Anerkennung: „Die Peggy, die macht den Mast, die läuft Seil, die kann mit Raubtieren umgehen, die Frau ist ein absolutes Naturtalent, so was ist selten!“ Nach der Wiedervereinigung fanden auch die Trabers Ost und West zusammen, die Wiedersehensfreude jedoch währte nur kurz, zu verschieden waren die Erfahrungen, und besonders die Auffassungen von der Arbeit. Verbunden aber bleiben sie alle mit ihrer geradezu altehrwürdigen Tradition. Seit dem 15. Jh. sind die Trabers Seilläufer, Generation um Generation. Eine erste Urkunde stammt von 1406, ging aber verloren, eine weitere ist aus dem Jahre 1512 und erlaubte den Trabers Aufenthalt, Auftritt und Umherziehen im Lande, ausgestellt vom Landgrafen des Elsass. Heute ist das Umherziehen im Lande zwar nicht mehr genehmigungspflichtig und wesentlich komfortabler, nach wie vor aber ist der ganz profane Begleiter dieses Broterwerbs die unablässige Lebensgefahr. Sie ist nur im Zaume zu halten durch absolute Disziplin der Körper bei der Arbeit.

Peggy Traber empfängt uns im Oranienburger Haus, einem alten Gebäude mit kleinem Giebel, das als einziges stehen blieb in einer Zeile mit grauen Wohnblocks. Hinter dem Maschendrahtzaun liegt ein Vorgärtchen mit künstlichemTeich, um den herum Gartenzwerge gruppiert sind. Wir werden in einen schmalen, holzgetäfelten Raum gebeten, ein runder Tisch ist gastlich mit Kaffee für uns gedeckt, im Wandregal ist eine kleine Clown-Sammlung zu sehen, unter dem Tisch balgen sich zwei kleine Hunde. Es herrscht ein wenig Hektik, denn die Trabers ziehen gerade um ins neue Haus. Beim Gespräch anwesend ist Töchterchen Jessica, die Mittlere, das Sorgenkind. Sie ist gut in der Schule und will womöglich Abitur machen. Sie lächelt fein und schweigt. Peggy Traber erzählt: „Ich selbst stamme ja aus einer Familie der Raubtierdresseure. Wir hatten sibirische Tiger, einen Grizzly, einen Braunbären, schwarze Panter … alle frei geboren auf unserem Hof, die haben wir dann großgezogen. Sie kamen auch richtig in unseren Haushalt zur Tür hereinspaziert im Sommer, und haben sich ihr Leckerli abgeholt. Die liebevollsten Tiere sind das, die man sich überhaupt vorstellen kann. So haben wir unsere Raubtiergruppen aufgebaut, sie wurden dressiert und wir haben sie dann abgegeben an alle Staatszirkusse der DDR und nebenbei auch an Privatzirkusse, die damals in der DDR existiert haben. Meine Mutti war eine ganz hervorragende Dresseurin, sie hat alles ohne Stock und Peitsche gemacht! Ich habe sehr viel von ihr gelernt. Als ich 18 war, ist sie leider tödlich verunglückt – nein, nicht durch die Tiere, sie hatte nie auch nur eine Schramme davon getragen bei den Tieren – nein, sie ist mit dem Lkw verunglückt. Mein Vater war ja schon gestorben, da war ich erst 12. Inzwischen hatte ich einen sehr lieben und verständnisvollen Stiefvater, zum Glück. Aber für ihn, für meine kleine Schwester und mich, ist natürlich eine ganze Welt zusammengebrochen. Meine Mutter hinterließ mir damals – ich weiß nicht, ob’s eine Vorahnung war – eine Rotfuchsdressur, gemischt mit Polarfüchsen, acht Stück. Die wollte sie eigentlich für sich, wenn sie älter geworden wäre, denn bei Raubtieren muss man schnell sein, sehr schnell in den Reaktionen, und im Alter lässt das nach, ist ja ganz normal. Sie sagte, wenn’s soweit ist, dann nehm’ ich mir die Fuchsdressur oder DU machst das mal weiter …

Meine Eltern waren damals in Westdeutschland unterwegs, hatten ein Engagement in Dortmund, und ich hatte grade einen Vertrag unterschrieben beim Russischen Staatszirkus. Das war eine große Ehre. Ich war noch so voller Glücksgefühle über diese wunderbare Chance, da kam jemand vom Staatszirkus und hat mir die Todesnachricht überbracht. Meine Mutti war damals 38 Jahre, ich konnte es einfach nicht glauben! Meine Mutter hatte vorher mal von ihrem Tod gesprochen, sie hatte gesagt: Wenn es mal sein sollte, und du in diesem Moment nicht bei mir bist, weil du woanders ein Engagement hast, dann wünsche ich mir Folgendes: Deine letzte Vorstellung gibst du für mich, und das muss die beste überhaupt werden! Und so habe ich es gemacht. Ich bin fast zugrunde gegangen. Aber dann kam die Abendvorstellung, vor unwahrscheinlich hohen Gästen –ich weiß nicht, wer damals dran war, Gorbatschow, Andropow, 1985 – und ich glaube, es war wirklich die beste Vorstellung in meinem Leben. Es war eine Nummer mit fünf Bären – und das waren nicht meine, sondern die Tiere von einem fremden Kollegen, wohlgemerkt. Und während die anderen Bären auf ihrem Postament saßen, legte sich der knuffigste von allen auf den Rücken. Der hatte keinen Maulkorb, keine Kette und nichts. Ich war damals die einzige Frau, die das ohne Maulkorb vorgeführt hat. Ich hab mich bei dem Bären auf dem Bauch eingekuschelt, dann bin ich wieder aufgestanden und habe auf den Hinterpfoten dieses Bären einen Handstand gedrückt, danach standen wir beide auf – das war ein Bär von 2,41 Meter Größe, müssen Sie sich vorstellen – und der nimmt mich stehend so mit den Pfoten hoch, und schmust mich ab. Der hätte nur mal kurz so machen müssen, und er hätte mich zerdrückt wie nichts. Die Russen sind ja ein sehr emotionales Publikum, ich habe unglaublich langen Beifall bekommen, und nachher so viele Rosen, die mussten auf einem Handwagen eingesammelt werden. Und eine Presse hatte ich, danach würde sich jeder sehnen, aber ich habe durch meine wahnsinnige Trauer von all dem nichts richtig mitbekommen. Nur die Tatzen vom Bären, das weiß ich noch, die waren so groß!“ Sie zeigt riesige Kreise in der Luft.

Um meine Trauer dann irgendwie in den Griff zu kriegen, habe ich später angefangen, Verträge zu machen, selbstständig, mit 18 Jahren. Und ich habe ja auch mit 18 meine Zulassungsnummer bekommen, habe eine eigene Abnahme gehabt, und alles, was dazu gehört. Damals konnte sich ja nicht einfach jeder, der wollte, Artist nennen, da musste man einen Berufsausweis nachweisen, und dann wurde nach Qualitäten und Klassen unterschieden. Heute gibt’s nichts mehr in dieser Art. Mein Mann hat z. B. im internationalen Artistenausscheid den 1. Platz gemacht, das zählt leider gar nichts mehr. Das finde ich schade, denn es steckt ja wirkliches Können drin. Jedenfalls gings damals durch die Arbeit mit meiner Seele irgendwie voran, und plötzlich stand dann auch mein Mann vor der Tür. Aber er ist Hochseilartist und ich war Dompteur, das ergab irgendwie keine passende Chemie. Deshalb wars dann eine Entscheidungsfrage. Da war ein Apfelbaum, da war ein Pflaumenbaum, die waren das erste Grundgerüst für meinen Weg nach oben. Sie standen so fünf Meter auseinander, und das Seil war in 2,50 Meter Höhe angebracht. Und ab da gabs nur noch blaue Flecken, Blutblasen, Schwielen, Wutausbrüche. Das Allererste, was ich gelernt habe, ist die Ablaufbrücke zu würdigen. Die Ablaufbrücke ist so eine Art Podest, von dem aus man abläuft, auf dem man auch ankommt. Sie ist ein Ruhepunkt für jeden Hochseilartisten, und ein Ruhepunkt ist etwas sehr Wichtiges! Den haben aber die meisten Leute nicht, sie lassen ihn heutzutage meistens weg, weil es ja etwas mehr Arbeit beim Aufbauen macht. Das erste Mal als ich hochging, wusste ich nicht, wie es sein würde. Das Seil war aus Stahl mit einer Hanfseele drinnen. Zwölf Millimeter. Sehr dünn für einen nackten Fuß. Mein Mann sagte: ‚Ich lass dich jetzt mal ’ne Stunde allein, aber mach keinen Blödsinn. Setz dich hin und schau dir alles an. Denke dran, wenn du dort oben abgehst, du brauchst nur das Stahlseil zwischen die Beine zu kriegen, da kann dir sonst was passieren, oder du rutscht schräg weg, dann rollt dir das Stahlseil original die Haut von den Beinen!‘ Kaum war er weg, habe ich mich vorsichtig hingestellt, hab versucht, einen Schritt zu machen, dann habe ich mich aber lieber wieder hingesetzt.“

Sie ermahnt die balgenden Hündlein und fährt fort. „Nach einer Stunde kam er wieder und sagt: ‚Jetzt stehst du auf und stellst den ersten Fuß drauf. Bevor du aber dann losläufst, sag ich dir was: Wenn du merkst, dass du gleich fällst – und du merkst, bevor du fällst – dann springst du, verdammt noch mal, zur Seite weg! Das würdest du doch machen, ja?‘ Ich, ganz gelehrige Schülerin, sage, JAA, das würde ich machen! Und er sagt darauf: ‚Wenn ich das je sehe, dann nehme ich dich an deinem dürren Gänsehals, denn das ist der tödlichste Fehler, den man machen kann! Stell dir vor, du bist in 20 Metern Höhe. Springst du dann auch zur Seite weg?!‘ Aber wie soll ich es denn machen, fragte ich. ‚Der Herrgott hat dir zwei Hände gegeben‘, sagte er, ‚und wenn du fällst, ist dein einziger Freund nur noch das Seil. Du gehst runter und RAN an das Seil, du darfst niemals fallen!‘ So, und das wurde dann geübt. Es war hart, all die Fehler zu machen, die man macht, aber dann gings vorwärts: Haltung. Er stand unten und rief: ‚Hoch, Brust raus!‘ Oft kam ich mir vor wie bei der Armee. Es war eine harte Schule, die ich da durchgemacht habe, oft habe ich vor Wut gebrüllt, ich wollte alles schmeißen. Er hat mich einfach einen ganzen Tag lang das Fallen üben lassen, ich hätte ihn erwürgen können. Er sagte ungerührt: ‚Wer nicht perfekt fallen kann, der wird auch niemals laufen lernen.‘ Letzten Endes hat mir das eingeleuchtet. Mein Mann ist ja zwölf Jahre älter als ich und er hats von klein auf gelernt, er ist sehr sicher, aber niemals leichtsinnig. Also hab ich alles brav gemacht. Dann wollte ich eine Balancierstange, so wie sie es im Zirkus machen, wo ich mir als Kind immer die Seiltänzer angeschaut habe. Mein Mann hat nie gesagt, nein, das ist ein Quatsch, er hat mir eine vom Schmied machen lassen aus Metall, mit Gewinde und allem, aber die war so unbrauchbar für mich, ich hätte mich fast damit erstochen, so dass ich sie freiwillig wieder weggelegt habe. Für mich war es besser, erst mal ohne zu lernen.“

Das Handy klingelt und wird ignoriert. Peggy Traber schaut das interessiert zuhörende Töchterchen liebevoll an und sagt: „Meine Töchter, ja, die benutzen die Stange. Aber die laufen ja beide schon in unendlichen Höhen! Und sie haben einen noch verbisseneren Ehrgeiz als ich. Wenn sie im Winter draußen üben, dann warten sie, bis das Seil total vereist ist, erst dann üben sie und zwar mit einem derart eisernen Willen, das ist einfach Wahnsinn. Und dass es so ist, das freut mich, denn wir haben oben auf dem Seil ja nicht nur schönen Sonnenschein, sondern auch Regen. Wir haben außerdem ein schräges Seil und jeder, der mal einen Berg hochgewandert ist, weiß, wie das ist. Auch dann beim Runterlaufen, nur dass wir es eben auf dem Seil tun. Wir fangen unten an, gehen schräg nach oben und da müssen wir eben mit allem rechnen. Plötzlich kommt ein Sturm auf, oder es kommt ein nicht enden wollender Wolkenbruch, das Wasser läuft in die Augen, man sieht nichts mehr, das Seil wird rutschig wie Schmierseife. Damit muss ich fertig werden, denn ich kann ja nicht absteigen. Wenn ich aber viele Erfahrungen gemacht habe mit extremen Bedingungen, dann kann ich mich verhalten und mache das Richtige. Aber es muss gar nicht so extrem sein, die Gefahren lauern auch schon im Kleinen, fast unauffällig. Unsichtbare Gefahren. Zum Beispiel haben wir unterschiedliche Wetterschritte aus diesem Grund. Bei trockenem Wetter, also wenn die Luft auf eine bestimmte Weise – ich kann es nicht erklären, ich bin kein Meteorologe – also wenn ich merke, das Seil ist ‚heiß‘, dann kann ich schieben, das ist ein eleganter Gang. Kommt aber gegen Abend eine gewisse Luftfeuchtigkeit auf, etwas Nebel, der sich aufs Seil legt, dann muss ich mich darauf einstellen. Es passiert nämlich folgendes: wir gehen auf dem Seil hinauf, und überall da, wo unser Fuß es berührt hat, da ist das Seil trockener. Komme ich nun auf dem Rückweg nach unten auf eine Stelle, die zwischen meinen Schritten lag, dann ist da die Feuchtigkeit, da rutscht es, und komme ich dann auf eine trockene Stelle, so bremst die mich und ich bekomme das Übergewicht, das ist tödlich! Diese Stellen kann man nicht sehen, auch mit noch so scharfen Augen nicht. Die Stellen muss man fühlen. Das ist die unsichtbare Gefahr. Mein Zeh ist der erste, der aktiv wird, er hat den direkten Kontakt zum Seil. Ich merke schon beim Vorschieben – es ist ‚stumpf‘, kann ich ausrutschen, oder muss ich tack, tack, tack laufen. Diese unsichtbare Gefahr muss praktisch mein Fuß ans Gehirn melden und umgekehrt sagt das Gehirn: DU teste! Das ist praktisch so wie … wer hat so einen Vorkoster? Die Ratten, die sind kluge, soziale Wesen, sie schicken ihre Vorkoster, statt die ganze Brut zu vergiften. Mein Vorkoster ist mein Zeh. Er sagt mir, STOP, du musst die Schrittfolge ändern. Und wenn das dann ausgeführt wird von mir, dann laufe ich nicht mehr SCHUB-SCHRITT, sondern dann lauf ich: Tack, tack, tack. Das ist sehr anstrengend, weil dann nämlich das Seil zu weit rüber schwingt, und es ist möglich, dass man das mit dem kleinen Zeh wieder verliert, es muss der Fuß rüber, und dann hat mans wieder – es ist der Bruchteil von weniger als einer Milli-Millisekunde vielleicht. Unbegreifbar! Unerklärbar!“

Peggy Traber, die leidenschaftlich spricht und das Erzählte mit knappen, selbstsicheren Gesten unterstreicht, schiebt die Ärmel ihres Pullovers hoch. Das Goldarmband funkelt ein wenig und die Muskulatur bewegt sich wie Fischchen unter der Haut. „Viele sagen – uh, ist doch bloß ein Stahlseil. Aber dieser Stahldraht, das sind meine Adern und meine Arterien, mit denen lebe ich, ich muss mit dem Seil zusammenarbeiten. Wenn ich beispielsweise zu schnell laufe – ich laufe ja mit meiner Tochter zusammen – entsteht eine schädliche Vibration, wie eine Welle, und diese Welle kann bei einer bestimmten Aktion meines Partners unglaublichen Schaden nach sich ziehen. Wenn man sich da nicht genauestens auskennt, und nicht hunderttausendprozentig ein Fleisch und ein Blut ist, EINEN Herzschlag, EINEN Rhythmus hat, dann ist das Ganze zum Tode verurteilt. Wir nehmen das sehr ernst, und darum, toi, toi, toi … Die Unfälle hat man eher unten, man knickt an der Bordsteinkante um oder ich brech mir beim Staubsaugen das Bein. Allerdings kommen auch solche Sachen vor – zum Glück selten –, wie es in Magdeburg passiert ist. Ein Betrunkener ist umgefallen und hat den ganzen Bock umgehauen, damit werden ja die Fangseile gehalten, die oben übers Seil geworfen liegen, damit es nicht so unmöglich schlägt. Und wenn so ein Bock umgeworfen wird, dann ist das sehr schlimm für den, der oben auf dem Seil ist, denn es gibt einen unerwarteten, heftigen Schlag. Meine Tochter, die ja genau dieselbe Schule durch hat wie ich – wobei diese Notsituation ja eisern geübt und vorgedacht wird – hat in diesem Moment ganz genau das Richtige getan. Sie ist SOFORT in die Hocke gegangen, und hat das Schlingern des Seils mit den Füßen, mit ihren Waden ausbalanciert. Sie fängt das praktisch ab, das Schlingern, leitet es aber nur bis zum Knie, lässt es nicht durch den ganzen Körper. Die Schwingung kommt nicht mehr weiter, das ist ein ganz physikalischer Ablauf. Sie beruhigt praktisch das Seil. Dann hat sie ihre Arbeit ganz normal weiter gemacht. Als sie runter kam, hab ich nur gesagt, Kind, die Gefahr läuft immer mit, steht immer neben dir. Sie ist IMMER da. Du hast sie wunderbar gemeistert, machs weiter so! Mein Mann und ich, wir waren furchtbar erleichtert und furchtbar stolz auf unsere Große, denn sie hatte ausgerechnet an diesem Tag zum ersten Mal ohne Sicherheitsleine gearbeitet. Weil ich mir ja den Fuß an der Bordsteinkante umgeknickt hatte beim Ausladen des Lastwagens kurz vorher, musste sie mich bei diesem Eulenspiegelauftritt vertreten, und ich brauche keine Sicherheitslonge, deshalb hatten wir auch keine mit. Von dieser Sekunde an hat sie sich dieses Ding nie wieder umlegen lassen.“

Peggy Traber ignoriert wiederum das Telefon und zeigt nicht die geringsten Ermüdungserscheinungen. Sie ist ganz außergewöhnlich präsent und zugleich gelassen. Wie nebenbei sagt sie: „Ich selber habe eine ganz ähnliche Situation erlebt, aber das war nicht unsere eigene Performance, das war bei einem Kollegen, bei dem wir ausgeholfen haben. Und irgendwie war das Material nicht so in Ordnung, wie es sein sollte, und da sind dann zwei von den Böcken einfach weggebrochen, während mein Mann und ich auf dem Seil waren. Mein Mann kam mit verbundenen Augen von unten nach oben gelaufen und war so etwa auf sieben bis acht Metern Höhe, und ich, ein absoluter Frischling in einer solchen Höhe, kam von oben nach unten ihm entgegen, so etwa 20 Meter hoch. Mein Mann, wie gesagt, sah nichts, er hatte sechsfach gelegten Stoff auf den Augen und einen Sack über dem Kopf. So, und dann sind wir ganz auf Sprecherfunktion angewiesen. Da ist unten einer, der sagt durch den Lautsprecher. Erste Gabile, zweite Gabile, die dritte – das sind die Abfangleinen, von denen ich Ihnen vorhin erzählte – und dadurch weiß mein Mann ganz genau, wie weit er noch von mir entfernt ist. In diesem Moment passierte es dann, dass die Böcke wegbrachen – wie gesagt, es war Fremdmaterial –, und das Gefühl unter den Füßen vergesse ich nicht, ich habe urplötzlich mit den Fußsohlen gemerkt, wie das Seil – ptsch – so absackt unter mir, unten würde man sagen, dass man den Boden unter den Füßen verliert … Das läuft in Bruchteilen von Sekunden ab. Mein Mann, der ja nichts sehen konnte, schrie nur ein Wort: RAN! Mehr habe ich nicht mitgekriegt als dieses RAN! Und das war jetzt genau die Situation, die er mir damals eingeprägt hatte beim Fallenüben, nicht so RAN, denn so kannst du dich nicht halten, sondern so RAN, notfalls beißt du mit den Zähnen rein, alles egal, nur RAN! Also, jetzt war es soweit, jetzt hing ich am Seil, ich hatte mir das Seil unter den Arm geklemmt, sozusagen, und hier, in der anderen Hand, hatte ich die Balancierstange. Die hätte ich fallen lassen können, klugerweise, um mich besser halten zu können, konnte ich aber nicht. Ich war so verkrampft, so zusammengezurrt, ich konnte gar nichts fallen lassen! Ich weiß auch gar nicht, wie ich da wieder hochgekommen bin mit meinem ganzen Knüddelkram. Ich hab nur gesehen, mein Mann hat auch noch seine Balancierstange gehabt. Und er ging hoch und hat dabei geschrien: HOCH! RAUF! Und LAUF! Und das ging alles in einem, ich weiß nicht, wie ich wieder hochkam. Dann war ich plötzlich wieder oben und wir sind sofort weiter gelaufen. Mit der Stange lief ich weiter, die hatte ich irgendwie mit raufgebracht, ich war unter dem Arm verletzt, die Achselhöhle, das war alles offen, es blutete, aber ich fühlte keinerlei Schmerzen, ich dachte nur, das ist der Angstschweiß. Und auch mein Mann war sehr beruhigend, er hat einfach weitergearbeitet. Er muss ja über mich hinwegsteigen, mit verbundenen Augen, er arbeitet nur auf Zuruf, ich sage: Halbe Gabiletti, zehn Zentimeter, STOP. Wenn ich das verkehrt angebe, dann ist er einen Schritt zu früh und würde mir praktisch gegen den Kopf treten und dann schmeißt es ihn aus der Bahn. Wir müssen uns bedingungslos aufeinander verlassen können.“

Die Schwiegermutter kommt kurz herein und erinnert an einen Termin, für den es längst zu spät ist. Peggy Traber trinkt einen Schluck und fährt fort: „Bereits morgen schon gehen alle wieder auf Tournee bis zum 22. Dezember … Es ging dann einfach so zu Ende, dass mein Mann über mich stieg. Ich bin sitzen geblieben, bis er oben auf der Brücke war. Balancierstange anheben, linker Fuß steht!! Oben hat er den Sack abgemacht, die Binde abgenommen von den Augen und die Leute unten haben applaudiert, rasend fast vor Begeisterung, die haben gepfiffen, gerufen, ein Krankenwagen fuhr vor – nicht für uns – und ich stand da und dachte, was wollen die denn alle? Es war in dem Moment zu viel für mich, weil ich in dem Sinne ja noch kein Profi war, ich war noch ein Frischling. Ich bin aufgestanden, bin weitergelaufen, habe meine Figuren gemacht, dann bin ich runter und fragte mich, hab ich alles richtig gemacht?? Und da hat mich mein Mann in die Arme genommen und gesagt: ‚Siehst du, die Realität hat dir gezeigt, wie wichtig es war, dass du die Blutblasen gekriegt hast.‘ Dann kam der Arzt und hat meinen Arm verbunden, mein Mann hatte auch am Knie etliche Verletzungen gehabt und er sollte an diesem Tag noch eine Motorradfahrt absolvieren. Ich hatte genug für dieses Mal. Das war für mich eine Lehre. Ich wollte von da ab nie mehr mit fremden Sachen arbeiten, denn die eigenen, die kennt man ganz genau, zu denen baut man regelrecht eine Beziehung auf. Ich kenne meine Schräubchen, ich kenne alles, ich kenne jeden Handgriff und ich weiß, wenn mein Mann sagt, er hat die und die Schraube angezogen und da ist eine Kontermutter drauf und dort ist eine selbstsichernde drauf, dann weiß ich zu 100 Prozent, dass das wirklich so ist! Mein Mann ist penibel, er wechselt grundsätzlich jedes zweite Jahr das Seil, es würde noch zehn Jahre halten, aber sicher ist sicher. Er verschenkt es an andere Schausteller für ihre schweren Seilwinden. Wir legen sehr großen Wert auf Perfektion, wir arbeiten ja von März bis Dezember, im Freien! Das ist ein ziemlicher Stress, wenn sonntags der letzte Auftritt ist, dann wird Sonntag Nacht abgebaut, Montag früh wird gefahren, Dienstag wird schon wieder aufgebaut. Den Aufbau machen wir selber, das ist ein Ehrenkodex bei den Trabers, und an unseren Seilen darf nicht mit Handschuhen gearbeitet werden, denn wann stellt man fest, ob ein Stahlseil defekt ist? Wenn man es durch die Hände gleiten lässt! Da ziehen 12 - 13 Personen, wenn das Seil z. B. über einen Fluss gezogen werden muss, und jeder passt auf. Die Veranstalter – das kann eine Kaufhauskette sein, die neu eröffnet, oder eine 750-Jahr-Feier irgendwo –, die sagen uns oft, dass allein schon der Aufbau ein Event ist bei uns, so synchron und problemlos geht das.

Der Gittermast, auf dem ich meine Vorführung mache, der ist teleskopierbar, hydraulisch ausfahrbar auf 40 Meter und obendrauf ist die Stahlpeitsche, die ist 13 Meter lang und grade so dick, dass man sie umfassen kann. Da oben arbeite ich. Habe mir eine richtige Choreographie ausgedacht, damit man von unten auch erkennt, was ich da oben mache. Große, langsame Bewegungen zu der Musik ‚O my Love‘ aus dem Film ‚Nachricht von Sam‘. Aber das ist nicht nur eine Untermalung für mich, es ist mehr, ich gehe darin auf, besser kann ich es nicht erklären. Zum Mast kam ich folgendermaßen. Es gab eine Selma Traber, die war die einzige Frau – neben der Frau Bügler von den ‚Montis‘, die dabei abgestürzt ist – die jemals diese Mastspitze bestiegen und da oben gearbeitet hat. Nach der Selma Traber war es wieder eine reine Männerdomäne, jahrzehntelang. Und ich habe mir gedacht, das mache ich, das ist was für mich! Da war ich 23, zwei Kinder waren schon da, der Entschluss war gefasst. Als ich das erste Mal raufgeklettert war, da dachte ich, 53 Meter, um Gottes Willen, was mache ich da?! Der Aufstieg nahm kein Ende. Oben sah ich die Wolken ziehn, sie zogen so lang und ich musste so lang, das brachte mich vollkommen durcheinander. Ich dachte, die Stange biegt sich immer mehr. Oben hab ich grade so viel Platz, dass ich stehen kann. Dann habe ich es geschafft mich hinzusetzen. Dann habe ich mich vorsichtig hingelegt auf der winzigen Stütze, oben in der Sonne, es schwankte leicht hin und her, ich machte die Augen zu und es war plötzlich sehr schön. Dabei hatte ich Selma Trabers Vorgaben in meinem Kopf, und dann habe ich praktisch, bis auf zwei Dinge, das so übernommen, wie diese Frau das vor vielen, vielen Jahren gemacht hat. Ich knie mich frei hin – bin ungesichert, habe praktisch nirgendwo Halt – dann fange ich an absichtlich zu schwanken, hole Schwung, wenn ich nicht aufpasse, rutscht mir die Kniescheibe weg. Dann freies Hinstellen, frei schwanken, und Handstand dort oben, was die Selma Traber damals nicht gemacht hatte, ebenso ists mit dem Kopfstand. Ich stehe auch noch auf einem Bein, lauter sehr schwierige Sachen. Also, die Hauptarbeit machen meine Hände. Ich habe unwahrscheinlich viel Kraft in meinen Händen, und die brauche ich auch, denn ich mache da oben alles in Zeitlupe, das ist eine zusätzliche Leistung. Ich arbeite bei Wind und Wetter, im Hellen und im Dunkeln. Und ob sie es glauben oder nicht – man soll ja nicht runterschaun – aber ich schaue beim Kopf- und Handstand nach unten, ich beobachte alles. Meine Aufmerksamkeit ist so geschärft, dass ich sehe, wie grade ein Hund einem Kind, das zu mir raufschaut, die Wurst wegnimmt, und ich denke mir, ist das nicht ein verkommener Köter, so die Situation auszunutzen?! Und ich sehe sogar, wohin der Hund verschwindet mit seiner Wurst, noch bevor das Kind etwas bemerkt hat. Unser Gehirn als Artisten funktioniert so, wie wenn man Eier in einen Eierschneider legt. Man schneidet das Ei durch. Dann hat man lauter Scheibchen. Und jedes dieser Scheibchen hat bei uns eine ganz klar definierte, zugeordnete Funktion. Deshalb bin ich auch nach 20 Minuten auf dem Mast so strapaziert, als hätte ich 16 Stunden härtester, konzentriertester Arbeit hinter mir. Versuchen Sie sich mal ihr Gehirn in Scheibchen zerteilt vorzustellen, und wie all diese – sagen wir mal zehn – Scheibchen höchst wichtige, unterschiedliche Funktionen in ihrem Leben übernehmen. Mancher hat ja schon Probleme, drei Dinge gleichzeitig zu tun. Ein Scheibchen beispielsweise bei mir, ist für die Atmung zuständig. Ich zwinge meinen Adrenalinspiegel, der mir eigentlich eine Pressatmung verschaffen möchte, ganz gelassen zu bleiben. Ich arbeite mit dem Zwerchfell, mein ganzer Körper befindet sich, während ich arbeite, in einer ausgewogenen, ruhigen Phase. Angst kennen wir natürlich auch, die ist ein wichtiger Bestandteil unseres Berufes, allerdings nicht während der Arbeit selbst – da halten wir sie ganz raus –, aber bei den Vorbereitungen, beim Aufbau, da habe ich manchmal Angst, dass auch alles passt mit dem Platz, mit dem Veranstalter. Oben muss man dann vollkommen den Kopf frei haben. Zehn Minuten bevor mein Glockenschlag ertönt, konzentriere ich mich ganz alleine, ich steh bei mir am Mastwagen, rauche noch eine Zigarette oder spiele mit meinen Füßen, und ich gehe meine Arbeit durch. Bevor ich den Gittermast überhaupt berühre, war ich im Geiste schon oben.“