Vom Winde gemäht

Biologen warnen: Windkraftanlagen können heimische Fledermausarten stören und töten. Die Nachtflieger jagen gern Insekten, die die Reibungswärme zum Rotor zieht. Richter haben das Aufstellen von Anlagen deswegen schon verboten

von Jörn Hildebrandt

Unten am Boden pflügen Trecker das Feld, am Himmel schaufeln Rotoren die Luft. Wie in vielen windverwöhnten Gegenden Norddeutschlands thronen auch über der flachen Ackerlandschaft von Midlum bei Cuxhaven inzwischen weiße Masten mit Rotoren von 30 Metern Durchmesser. 70 Stück bilden hier den Windpark „Hohe Geest“.

Biologen fordern Schadensbegrenzung: Windmühlen sollen Abstand zu Fluggebieten haben

Wenn die Nacht hereinbricht, huscht es wie Schatten um die Windkraftanlage. Es ist schon zu dunkel, um mehr als Silhouetten in taumelndem Flug auszumachen. Ein Mann steht am Boden und hält ein handygroßes Gerät in der Hand, einen Bat-Detektor, der die Ultraschall-Laute von Fledermäusen dem menschlichen Ohr hörbar macht. Es knattert und knistert aus seinem Gerät, eine Nadel zeigt einen bestimmten Frequenzbereich an: das vorbeihuschende Tier ist eindeutig eine Breitflügelfledermaus. Doch vor der Windkraftanlage macht das Tier plötzlich kehrt. „Auf ihren nächtlichen Jagdflügen nutzen Fledermäuse ganz bestimmte Flugstraßen“, weiß Biologe Lothar Bach aus Bremen. Er hat in Midlum fünf Jahre lang die Wirkung von Windkraftanlagen auf Fledermäuse untersucht. „Die Breitflügelfledermaus, die hier häufig ist, jagt dabei in mittleren Flughöhen. Die Anlagen irritieren sie offenbar. Langfristig suchen sich die Tiere andere Gebiete, in denen sie ungestört jagen können“, erläutert er. „Eine andere häufige Art, die kleinere Zwergfledermaus, stören die Rotoren dagegen kaum: Sie fliegt nur in drei bis fünf Metern Höhe und huscht bei ihrem nächtlichen Flug einfach unter den Rotorblättern hindurch.“

Störungen beim nächtlichen Jagen – das scheint nur eine vergleichsweise harmlose Beeinträchtigung zu sein, die Windkraftanlagen auf Tiere ausüben können. Inzwischen schätzen viele Naturschützer die sanfte Energie als höchst unsanft für Tiere ein, die sich überwiegend fliegend fortbewegen. Denn die Rotorblätter können nicht nur Massen von Nachtschmetterlingen zerschmettern, Watvögel von ihrem Ruhe- und Nahrungsplatz vertreiben, sondern sie gefährden auch eine Tiergruppe, die wegen ihres Nachtlebens von Menschen kaum wahrgenommen wird.

Forscher konnten inzwischen nachweisen, dass die Rotoren Fledermäuse auch in Mengen töten können. Immerhin erreichen die Rotorblätter an ihrer Spitze Geschwindigkeiten von über 200 km/h. Und wenn in kühleren Nächten die Reibungswärme massenhaft Insekten anzieht, können Fledermäuse offenbar nicht widerstehen, in die Nähe der Rotoren zu fliegen, bilden Insekten doch ihre einzige Nahrung. Dabei geraten die fliegenden Säuger in heftige Turbulenzen und können von den Rotoren regelrecht zerschreddert werden. Jüngst hat zum Beispiel das Verwaltungsgericht Dresden den Bau von zwei Anlagen im Landkreis Bautzen untersagt. Grund: erhebliche Kollisionsopfer beim Großem Mausohr und dem Großem Abendsegler.

„Über die wahren Ausmaße der tödlichen Kollisionen wissen wir viel zu wenig“, klagt Lothar Bach. Wer findet schon die kleinen Tiere, wenn sie zum Beispiel tot unter den Anlagen in einem Maisacker oder im hohen Gras liegen? Das Ausmaß der Opfer ist offenbar beträchtlich: bisher fanden Fledermaus-Forscher insgesamt zehn Arten in Deutschland tot unter Windmühlenflügeln. Solche Kollisionsopfer belegen auch Untersuchungen aus den USA: Besonders die hoch und schnell fliegenden Fledermausarten sind betroffen, weit häufiger sogar als Vögel. Die bisherigen Totfunde zeigen nach Lothar Bach nicht die wirklichen Dimensionen. Könnte man nicht einen Jagdhund speziell auf das Aufspüren toter Fledermäuse abrichten? „Ein Hund könnte das Aas auf große Entfernung riechen, und wir bekämen vielleicht ein wahres Bild von der Zahl der Opfer“, schlägt Bach vor. Das Problem tödlicher Kollisionen verschärft sich derzeit noch durch Rotoren, die dank verbesserter Technik an einigen Stellen Deutschland bis über 200 Meter in den Himmel ragen. Und wenn Windkraftanlagen zukünftig sogar mitten in Wälder gebaut werden, wäre dies für viele Fledermausarten schlicht eine Katastrophe. Denn hier leben viele besonders stark gefährdete Arten.

Die Mähwirkung von Rotoren spitzt sich im Frühjahr und im Herbst zu, wenn sich Fledermäuse auf Wanderschaft begeben. Wie viele Vogelarten suchen die Arten Nord- und Mitteleuropas über den Winter wärmere Quartiere auf. Stehen Windparks mitten in ihren Flugrouten, könnte die Zahl der Opfer besonders hoch sein. Doch im Gegensatz zum gut erforschten Zugverhalten von Vögeln ist bisher über Langstreckenbewegungen von Fledermäusen wenig Genaues bekannt. Welche Routen benutzen sie? Woran orientieren sie sich im Flug? „Es ist unwahrscheinlich, dass ihnen die Ultraschall-Orientierung, mit der sie ihre Beute orten, da viel nützt“, meint Lothar Bach. „ Vermutlich orientieren sie sich wie Vögel unter anderem am Magnetfeld der Erde.“

Angesichts der Stör- und Kollisionswirkungen macht Lothar Bach Vorschläge zur Schadensbegrenzung: Beim Bau neuer Anlagen müssten Mindestabstände eingehalten werden. Sie sollten 200 Meter entfernt zu den Jagdrevieren von Fledermäusen stehen. „Und keine Windparks inmitten der Wanderstrecken oder in Wäldern! Dort, wo bereits Windkraftanlagen in den Zuggebieten von Fledermäusen installiert sind, sollten sie während der Zugzeit ganz abgeschaltet werden“, fordert Lothar Bach. Vor allem hält er genauere Untersuchungen für nötig. „Denn solange die Forschung weit gehend im Dunkeln tappt, bleiben auch unsere Kompromissvorschläge beim Bau neuer Anlagen vorläufig.“