Manche wollten mich küssen

In der westlichen Welt leben unzählige muslimische Homosexuelle ein trauriges Schattendasein, denn eine glücklich gelebte schwule Existenz können sie sich nicht vorstellen. Stattdessen setzen sie auf schnellen Sex, solange sie jung sind. Danach steuern sie den sicheren Hafen der klassischen Ehe an

Ahmed wird heute zum Traualtar geführt. Er ist sich nicht sicher, ob er diesen Tag überhaupt genießen kann. Ihm ist mulmig. Doch wenigstens sind seine Eltern glücklich, endlich wird ihr zweiter Sohn heiraten. Außerdem ist die Braut seine Cousine Aishe. Ahmeds Vater und Mutter waren sich nach all den Jahren, in denen ihr Ahmed so überhaupt nicht auf das Thema Ehe ansprechbar schien, mit den Eltern seiner künftigen Frau einig.

Was wird das für ein Fest! Die Kinder der Verwandten werden fröhlich umherspringen, die Tanten zufrieden gucken und die Onkels Tipps für die Zeit nach der Hochzeit geben. Viele ihrer Sätze werden begonnen werden mit den Worten: „Ahmed, bald bist du ein richtiger Mann.“

Man wird tanzen und man wird essen und man wird dem Paar mit vielen Küssen Glück wünschen. Ahmed wird bekommen, was er sich überlegt hat. Offen ist nur, wie die Nacht der Nächte wird. Kann er mit Aishe schlafen, sich als Ehemann zeigen und Liebhaber? Fragen über Fragen, die dem Bräutigam durch den Kopf gehen. Grübeleien, hofft er, die niemand ihm anmerken kann.

Denn Ahmed flog nicht aus Liebe auf Aishe. 33 Jahre ist er mittlerweile, ein später Junge, der sein Elternhaus im Schwäbischen nach dem Fachabitur verließ, um in Braunschweig Maschinenbau zu studieren. Es war ihm ganz recht, damals, vor zwölf Jahren, sein Elternhaus zu verlassen. Seine Mutter hat es nicht gewollt, aber er hat einfach behauptet, nur dort könne er am besten seinen Beruf erlernen. Das war insofern höchstens ein Viertel der Wahrheit, weil an dieser Hochschule wirklich gut gelernt werden kann – Ahmed aber wusste, dass dort nur selten familiärer Besuch drohen würde. Er wollte sich einfach austoben, seine Ruhe haben. Und er wollte damals seinen Geliebten treffen können, einen Mann, der nur eine halbe Autostunde von Braunschweig lebte.

Aber diese Liebe, geboren auf einem Auszubildendenseminar von Autoschlossern, hielt nicht lange, und Ahmed, vielleicht im Liebeskummer, hielt sich nicht lange mit Gram auf. War das, was Männer miteinander haben können, nicht ohnehin gegen seinen Glauben? Gegen Allah? Und lagen ihm seine Eltern nicht schon am Ende seiner Schulzeit in den Ohren, sich endlich mal die Richtige zu suchen – und wenn er das nicht schafft: Ob sie das nicht für ihn erledigen dürften?

Ahmed, der beim Interview darum bat, nicht seinen richtigen Namen lesen zu müssen, hat die Studienzeit über wie ein schwuler Mann gelebt. Hat „nichts anbrennen lassen“, hat sexuell mitgenommen, was mitzunehmen war. Beim schnellen Sex auf einer öffentlichen Toilette, auf Autobahnparkplätzen, nächtlich in Grünanlagen und die letzten Jahre auch mit Hilfe der Kontaktbörsen im Internet. Immer rasch, stets eilig, niemals angefochten von Gefühlen, die auf tiefere Zuneigung hätten deuten können. Ein laufendes Tun um Genitales ohne viel Intimität: „Manche wollten mich küssen, aber ich kann meine Lippen nicht auf die eines anderen Mannes legen.“

Ahmed erzählt im Laufe von drei Stunden, dass er die Szene satt habe. Alle seien nur auf das Sexuelle fixiert, auf das Temporäre und dies nur, wenn man jugendlich wirke. „Aber ich habe die letzten drei Jahre vor dem Examen viel am Schreibtisch gesessen“, erklärt er, „da konnte ich nicht viel Sport machen. Und nun mag ich mich nicht mehr anbieten. Ich bin zu alt für die Szene.“ Er merkt nicht, dass er das Flüchtige selbst in sich zu tragen scheint, das Szenige, jenes Zeichensystem, das verhindert, sich ein schwules Leben jenseits des dritten Lebensjahrzehnts vorzustellen. Denn er ist nicht als schwul zu sehen, sondern lediglich als homosexuell. Ein Mann, dessen – freudianisch gesprochen – erotische Lust homosexuell gerichtet ist. Und auch ein Mann, der sich unter dieser Überschrift keine Identität erarbeiten will. „Ich finde, dass Gott Mann und Frau zueinander stellt“, sagt er, „nicht Mann und Mann, Frau und Frau“, das sei gegen die Natur. Schwules? Dekadent. Und es führe zu nichts, nicht zu Kindern, nicht zur Anerkennung und nicht ins Paradies. „Außerdem“, sagt er, „wären meine Eltern unglücklich, es würde ihre Ehre beschädigen und sie würden sich für mich schämen, wenn ich schwul lebte.“

Wenn man so will, ist der Maschinenbauingenieur, ein Deutscher, dessen Eltern Anfang der Siebzigerjahre aus der Nähe des türkischen Konya nach Deutschland kamen, um als Ungelernte im gelobten Wirtschaftswunderland Geld zu verdienen und im Schwäbischen hängen blieben, auch ein Zwangsverheirateter. Im Gegensatz jedoch zu den meisten Frauen muslimischer Prägung, die auf gesetzliche Unterstützung gegen ihre erzwungenen Ehen hoffen, ist ihm wie den meisten Homosexuellen türkischer oder arabischer Prägung nicht mit Juristischem zu helfen. Denn viele von ihnen akzeptieren das Wertesystem ihrer Eltern – zuerst kommt die Gemeinschaft, dann der Einzelne. Und dieser Kanon sieht vor, zum Wohle der Dynastie den Nachwuchs früh in familiäre Bahnen zu lenken.

Würde öffentlich wird, in der Nachbarschaft, bei den Verwandten, dass der Sohn schwul lebt, würde dies, Ahmed sagt es nüchtern, Schande über die eigene Familie bringen. Ein Freund von ihm wurde, als er seinem Vater beichtete, schwul zu sein, von den Eltern über Nacht in die Türkei gebracht – zum Militär, auf dass ein ordentlicher Mann aus ihm werde. Er war, im Sinne seiner Eltern, Allah sei Dank, noch im Besitz eines türkischen Passes. Weibische Flausen, vor allem die Furcht, der eigene Sohn könnte sich durch Analverkehr zur Frau machen lassen, würden dort am ehesten ausgetrieben.

Männer wie Ahmed gibt es in der türkischen Community sehr, sehr viele. Als Jugendliche, junge Erwachsene noch den Lockungen der westlichen, also auch der sexuellen Freiheit ergeben, entscheiden sie sich, wenn sie sich nach eigener Wahrnehmung nicht mehr konkurrenzfähig fühlen, für das klassische Modell: zur Heirat. Immerhin: Das westliche Leben, zumal in Metropolen wie Berlin, Hamburg, Köln, Stuttgart oder Frankfurt, gibt genügend Raum, um Homosexuelles auszuleben, dem Trieb Nahrung zu verschaffen. Aber hat nicht wenigstens das Lebenspartnerschaftsgesetz die Möglichkeit aufscheinen lassen, dass auch Männer oder Frauen in Liebe füreinander einstehen können? Ahmed sagt, dass seine Eltern von diesem Gesetz noch nie etwas gehört haben. „Die lesen keine deutschen Zeitungen und sehen kein deutsches Fernsehen. Und würden sie es dort erfahren, würden sie es ablehnen. Sie fänden das schrecklich und widernatürlich.“

Und er selbst? Könnte er sich vorstellen, sich in einen Mann zu verlieben und mit ihm zu leben? „Nein, nein, solche Erfahrungen habe ich nicht gemacht, dass das gehen könnte.“ Und, das fügt er sehr entschieden an, „ich hänge an meiner Familie. Ich will nicht einsam sein. Und das wäre ich, denn mein Vater würde mich verstoßen, und meine Mutter kein Wort darüber verlieren.“

Kein schönes Zeugnis, das er sich und seiner Wirklichkeit ausstellt. Keines für die auf sexuelle Omnipotenz getrimmte Homoszene, keines für seine familiäre Community, die die individualisierende Moderne aus Angst, aus Unkenntnis von sich weist. Und doch keine Geschichte, bei der ureingeborene Deutsche besserwisserisch auftreten könnten. Schwules oder Lesbisches als Liebesmöglichkeit, als Chance auf soziales Miteinander ohne familiären Gesichtsverlust ist auch jenseits der Migrantenszene eher rar anzutreffen.

Noch vor 40 Jahren lebten die meisten Schwulen (und Lesben ohnehin) in Deutschland im Verborgenen, familiären Wünschen brav folgend. „Sandfrau“ war ein Wort für eine Frau, die ein Homosexueller heiratet, um seine Umwelt über sein Sexuelles zu täuschen.

Ahmed sagt zum Schluss: „Ich muss sehen, wie lange ich es aushalten. Aishe ist eine schöne Frau. Ich weiß nicht, ob sie mich verdient hat.“