zwischen den rillen

Universeller HipHop aus dem sehr speziellen Geist der Pimp-Burleske

Auf „R & G: The Masterpiece“ gibt Snoop Dogg den ideellen Gesamtzuhälter, zeigt dabei aber großes Formbewusstsein

Snoop Dogg hat mehr als irgendein anderer Zeitgenosse dafür getan, den Pimp und den benachbarten Gangsta zu idealisieren, aufzuwerten, gelegentlich zu ironisieren, aber auch zu diversifizieren. Der Mann, der kleinen Jungs als Comic-Figur und MTV-Moderator ebenso verständlich aus dem Nachmittags-TV bekannt ist wie den Älteren als Produzent einer neuen Sorte HipHop-Pornographie, steuert die Rolle des ideellen Gesamtzuhälters an, und das nur knapp unterhalb der Mainstream- und Aufmerksamkeitsschranke, die seinerzeit P. Diddy erreicht hat.

Neulich bekam ich eine Einladung zu einem feministischen HipHop-Abend. Im Anschreiben konnte man lesen, dass HipHop leider oft sexistisch und homophob wäre und dem ein anderer HipHop entgegengesetzt werden müsste. Kurz dachte ich, dass das nicht nur wahr ist, sondern mittlerweile ein Ausmaß und einen Einfluss auf das Alltagsverhalten von HipHop-Fans erreicht hat, dass es fraglich ist, ob die Form überhaupt noch zu retten ist – etwa durch so etwas Äußerliches wie alternative Inhalte. Wäre das nicht wie christlicher Death Metal? Ist feministischer HipHop nicht wie der Wunsch nach Religion ohne Gott und Glaubensmumpitz oder nach Kapitalismus ohne Unrecht?

Doch dass es diese Kette der Analogien dann auch nicht trifft, zeigt einem ausgerechnet die neue Snoop-Dogg-CD. „R&G (Rhythm & Gangsta): The Masterpiece“ hat mehr als ein Argument, warum es sich lohnen würde, die Form zu retten. Wegen der Form nämlich, der irren Nähe von künstlicher und Alltags-Performance, die ja auch überhaupt ihre unerträglichen Seiten ermöglicht. Kulturtechniken sucken aber nicht an sich: Man muss nicht mit Erzählen aufhören, weil einen die Gender-Plots schon seit Ilias und Odyssee nerven.

Eines der Argumente ist die Single „Drop It Like It’s Hot“, für die die Neptunes ein delikates Mikadospiel von abstrakten Beats geklöppelt haben, gekrönt vom lakonischen Schnalzen einer Human Beat Box. Schön auch hier zu hören, dass die englische Sprache, auch wenn man sie besser versteht als andere fremde Sprachen, auch und gerade im um Deutlichkeit so bemühten Rap oft reiner Klang bleibt.

Zugleich schillert hier das Zentral-Paradox des HipHop: Je wahrer, ernster, unmittelbarer, schmuckloser er sein will, desto künstlicher, inszenierter, rollenspielhafter wirkt er. Je nachdrücklicher der Zuhältermann böse guckt, desto posenhafter – und desto genießbarer. Bei Snoop ist das immer eine Möglichkeit: es könnte sein, dass er das alles ganz gut weiß. Er spielt mit der Möglichkeit der Selbstironie, mit der Distanz des Signifyin(g) und lässt dem Stumpfo in seinem Publikum aber auch die Deutung offen, ihn als straighten Pimp, der seine Ho mit harter Hand kontrolliert, blöde zu bewundern – ein Virtuose der Ambivalenz wie zuletzt nur Busta Rhymes.

Das zweite Argument ist die allgemeine Soul-Kompetenz dieses Albums. HipHop und seine Stereotype wurden selten so smooth, nicht in ein bestimmtes neuartiges, zeitgemäßes, sondern ein großes, klassisches Soul-Universum eingetragen, das von saftigen, gospeligen und sehr weltlichen Stimmungen hin und hergeschüttelt wird. HipHop war selten so fest und feist in diese bis in die 60er zurückreichende afroamerikanische Tradition eingebettet. Von allen Seiten schwappt es über, klingt es luxuriös nach gewaltiger Größe und üppiger Überfülle.

Auf dem Boden von Soul hält diese sehr spezielle Welt auch gut ihre Überbeanspruchung als universelle urbane Identity-Kultur aus, die seltsame Dialektik, mit der Snoop das Universelle an HipHop aus dem sehr speziellen Geist der Pimp-Burleske erneuert. Um so niederschmetternder, wenn in diese Erneuerung gerade der Part der Bitches und Hos absolut unverändert rüberkommt als ungebrochen widerwärtige Seite des Traditionalismus. DIEDRICH DIEDERICHSEN

Snoop Dogg: „R&G (Rhythm & Gangsta): The Masterpiece“ (Universal)