Kartons voller Talente

Alles entscheidet sich in Sekunden: Seit sieben Jahren verkauft B. A. die Literaturzeitschrift „Lauter Niemand“ auf der Straße, in Cafés und Kneipen. Von den 112 Autoren, die sie bisher veröffentlicht hat, sind viele berühmt geworden

„Nicht, dass wir uns in die Quere kommen, Mädchen!“ Der Verkäufer des Berliner Obdachlosen-Magazins Straßenfeger grinst. Er hat braune Zähne, einige fehlen. Kein guter Start. B. A. drückt ihren Stapel Zeitungen enger an den Körper, verlässt das Lokal. „Hoffentlich war er nicht schon überall vor mir da“, sagt sie und schaut die Kastanienallee am Prenzlauer Berg hinunter. Hier reihen sich Kneipen und Cafés aneinander, sie sind gut besucht an diesem Samstagabend. Ein ideales Revier für Straßenverkäufer. Doch die 34-Jährige ist keine gewöhnliche Zeitungsverkäuferin. Schon ihre Aufmachung: Rote Hose, roter Wollpulli, roter Steppmantel. „Man muss die Leute neugierig machen“, sagt sie.

Lauter Niemand steht auf der Titelseite – ebenfalls in Signalrot. Ein Zitat aus einem Kafka-Text. Und das passt, schließlich handelt es sich um eine hoch ambitionierte Literaturzeitschrift. Auf richtigem Zeitungspapier gedruckt, erscheint Lauter Niemand seit sieben Jahren in loser Folge. Die Auflage: stolze zehntausend Stück. „Gedichte und Kurzgeschichten von jungen, talentierten Autoren“, preist B. A. ihre Zeitung an. Sie muss es wissen: Schließlich ist sie die Herausgeberin, hat alle Beiträge selbst ausgewählt. Die Ausgabe, die sie in den Händen hält, hat 32 großzügig gestaltete, mit feinen Zeichnungen geschmückte Seiten. Unter den 35 Beiträgen finden sich sowohl Gedichte des renommierten Lyrikers Gerhard Falkner als auch zwei kurze Texte der jungen Nadja Einzmann, die zuletzt einen Kurzgeschichtenband bei Fischer veröffentlicht hat.

„Am besten läuft die Touristenroute“, weiß B. A., die meist am Wochenende loszieht, wenn ihr dreijähriger Sohn beim Vater ist. Touristenroute heißt: Eberswalder , Veteranen-, Invaliden-, Rosenthaler Straße, Neue Schönhauser Allee. Die teuren Restaurants in Mitte. „Im Schwarzen Raben habe ich vor drei Jahren Herbert Grönemeyer eine Zeitung verkauft“, erzählt sie. „Er sagte: ,Lauter Niemand – toller Titel, vielleicht nenne ich mein nächstes Album so.‘ “ Die Blattmacherin hält ihre Ware vor die Brust, schreitet an den voll besetzten Tischen vorbei. Wie ein Model auf dem Catwalk tritt sie auf: gerade Haltung, provozierender, leicht verführerischer Blick. Und vor allem: stumm. „Es läuft alles über Blicke“, sagt sie hinterher. „Alles entscheidet sich in Sekunden. Wenn jemand interessiert guckt, spreche ich ihn an – sonst nicht.“ Am Tisch eines älteren Ehepaares bleibt sie stehen. Sie unterhalten sich, der Mann greift zur Brieftasche. „Das war ein Lehrer“, sagt B. A. draußen. Im Laufe des Abends raucht die 34-Jährige eine ganze Schachtel Cabinet Gold. Oft wirft sie die Zigarette nach nur drei Zügen auf den Boden, bevor sie die nächste Bar betritt. Irgendwie rastlos.

„In einem Sommer habe ich mal zweitausend Zeitungen verkauft“, erzählt die Herausgeberin. Zwar hat B. A. noch drei Mitstreiter, doch den Straßenverkauf erledigt sie praktisch im Alleingang. Auf ihr Produkt ist sie stolz. Mit Recht: Von den 112 Autoren, die sie seit 1996 veröffentlich hat, sind viele inzwischen mit Romanen erfolgreich geworden. Julia Franck, Tanja Dückers, Mirco Bonné, Juli Zeh und Karen Duve sind längst keine Niemande mehr. „Ich weiß einfach, was gut ist. Das habe ich durch Lauter Niemand gelernt“, sagt sie selbstbewusst. Pro Ausgabe erhalte sie bis zu 700 Einsendungen, „ein ganzer Umzugskarton voll“.

Für die aktuelle Ausgabe wurde außerdem erstmals ein professioneller Vertrieb eingeschaltet, der die Zeitung deutschlandweit an Bahnhofsbuchhandlungen verteilt. „Plötzlich bekomme ich komische Post aus Hessen“, freut sich die Blattmacherin. Briefe in altdeutscher Schrift, Kurzgeschichten ohne Absender.

Junge Talente zu entdecken findet B. A. immer wieder spannend. Doch nicht nur auf dem Papier. „Das Herzstück von Lauter Niemand ist unser Literaturlabor“, erzählt sie. Jeden Sonntagabend veranstaltet die Gruppe ein offenes Lesen in der Restauration Walden am Prenzlauer Berg, vormals im Eschschloraque in Mitte. „Wir haben die härtesten Kritiker“, sagt B. A., die sich bewusst von der Spaßfraktion absetzen will, wie sie bei den Poetry Slams zu finden sei.

Warum dieser ganze Aufwand? „Lauter Niemand bereichert mich“, sagt die Wahlberlinerin. Und fügt lachend hinzu: „Ideell!“ Ihr Steuerberater meint, die Zeitung falle unter „Liebhaberei“. Und tatsächlich: Zwei Euro kostet die Zeitschrift, dafür bekommt man in vielen Bars in Berlin-Mitte noch nicht einmal ein Bier. Wenn B. A., die als allein erziehende Mutter von der Sozialhilfe lebt, in einer Stunde zehn Stück verkauft, ist sie zufrieden.

Doch nicht überall stößt die Zeitschrift auf Zuspruch. In einer schlecht beleuchteten Bar bei den Hackeschen Höfen wird B. A. weggeschickt. Der Mann hinterm Tresen sagt, hier dürfe nur der Tagesspiegel verkauft werden. „Der frühere Besitzer hat mir öfter mal ein Getränk spendiert“, schimpft sie und zieht den Reißverschluss ihres Mantels hoch. Ihre braunen Holzschuhe klappern auf dem Kopfsteinpflaster. B. A. erzählt, an manchen Tagen fühle sie sich zu schwach, um mit ihren Zeitungen auf die Straße zu gehen. Zum Glück kommt das nur ganz selten vor.