Die jähzornigen Jünger Jesu

RELIGION Harmlos sind sie nicht, die christlichen Fundamentalisten. Über ihre Ideologie und ihr Wirken klärt ein Reportageband auf

Auf öffentliche Kritik reagieren die deutschen Evangelikalen allergisch. Von Christenverfolgung ist dann schnell die Rede und von der Diffamierung einer angeblich vielfältigen, bunten und friedliebenden Bewegung der Bibeltreuen.

„Mission Gottesreich“ müsste die christlichen Hardliner demzufolge zum Toben bringen. Mit Diffamierung hat das gerade erschienene Buch allerdings nichts zu tun. Die ARD-Journalisten Oda Lambrecht und Christian Baars beschreiben darin so detailliert wie niemand zuvor die Szene der fundamentalistischen Christen in Deutschland. Nüchtern. Unaufgeregt. Ohne Polemik.

Genau das ist die Stärke: Die Autoren schildern, was ist. Und das ist abenteuerlich genug. Bei ihrem Streifzug durch die bibeltreuen Gemeinden und Gruppen stoßen Lambrecht und Baars immer wieder auf dieselben ideologischen Versatzstücke: Hass auf Homosexuelle, Negierung der Evolutionstheorie, Ablehnung der Emanzipation und moderner Familienstrukturen, Skepsis gegenüber Pluralismus und Meinungsfreiheit. Sie schildern den missionarischen Eifer gegenüber Muslimen („Mission beginnt an der Döner-Bude“) und Juden („Jeder muss diese Botschaft hören, auch das jüdische Volk“). Und die gefährlichen Heilungsgottesdienste, Dämonenaustreibungen und Homosexuellen-Umpolungsseminare in christlich-fundamentalistischen Gruppen.

Die offenkundige Intoleranz weiter Teile der bibeltreuen Bewegung macht den Schmusekurs der Evangelischen Kirche in Deutschland gegenüber den Evangelikalen – gerade auch durch den EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber – umso unverständlicher. So hatte sich Huber im vergangenen Jahr demonstrativ hinter das evangelikale Happening „Christival“ gestellt – eine Großveranstaltung, bei der unter anderem radikale Abtreibungsgegner ein Seminar abhielten, die auch im Falle einer Vergewaltigung den Schwangerschaftsabbruch ablehnen. Von alldem konnte man in der Presse immer wieder häppchenweise lesen, in dieser Geballtheit aber noch nie.

Die Öffentlichkeit schaut inzwischen genauer hin, was im Namen der Bibel in Deutschland propagiert und gelebt wird

Schockierend ist die Befürwortung der Züchtigung von Kindern, die Lambrecht und Baars unter anderem auf einem Internetportal des evangelikalen Evangeliums-Rundfunks („Sender mit Mission“) ausgemacht haben. Oder auch die offen antidemokratischen Haltungen, die sich in einigen Gruppen finden. „Es ist nicht die Regierungsform des Herrn und seiner Gemeinde“, zitieren die Autoren den pfingstlich-charismatischen Prediger Ingolf Ellßel. Der Satz stammt aus dem Jahr 2000 – acht Jahre später durfte Ellßel in einem ZDF-Fernsehgottesdienst auftreten, in dem eine Frau von der angeblichen Heilung ihrer Krebserkrankung durch den Herrn berichtete.

Immer wieder kommen in „Mission Gottesreich“ auch Betroffene zu Wort, die über Machtmissbrauch, Gehirnwäsche, Abzocke und sektenartige Strukturen in christlich-fundamentalistischen Gemeinden berichten. So schildert ein Mann, wie bei ihm im Jugendalter „die bösen Geister der Rebellion“ ausgetrieben werden sollten. Ein anderer berichtet von Suizidgedanken nach einer Therapie, mit der er vom Homo zum Hetero verwandelt werden sollte.

Neben den Gemeinsamkeiten christlicher Fundamentalisten beschreiben die Autoren zumindest ansatzweise auch die Unterschiede, indem sie etwa Differenzen zwischen traditionell-evangelikalen Christen und pfingstlich-charismatischen Gemeinden thematisieren. Diese unterscheiden sich vor allem in der Form, in der sie ihre Frömmigkeit ausüben, der ideologische Kern bleibt derselbe.

An manchen Stellen hängt zwar in „Mission Gotteswerk“ der Spannungsbogen etwas durch, da sich durch die Breite der Recherche manche Themen wiederholen. Dennoch: Das Buch war überfällig. Denn bisher hat es erstaunlicherweise kein unabhängiges Überblickswerk über den christlichen Fundamentalismus in Deutschland gegeben. Am liebsten übernahmen Evangelikalen-Funktionäre die Selbstdarstellung der bibeltreuen Bewegung gleich mit. Ihre Mär von der bunten, harmlosen Bewegung wird ihnen inzwischen keiner mehr so schnell glauben können.

Die Öffentlichkeit schaut inzwischen genauer hin, was im Namen der Bibel in Deutschland propagiert und gelebt wird. Etwa, wenn Gegner der Evolutionstheorie die Genehmigung für eine eigene Schule bekommen, wie vor wenigen Wochen erst wieder in Baden-Württemberg geschehen. Oder wenn wirre Homo-Umpoler an die Marburger Universität kommen wollen, wie im Mai geplant.

Das Fazit der Autoren jedenfalls ist eindeutig: „Die Religionsfreiheit endet dort, wo andere in ihrer Freiheit eingeschränkt werden.“ Das gilt für alle Religionen.