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„Parallel- Gesellschaften“

Der Weg politischer Begriffe vom wissenschaftlichen Labor zur Arena politisch-journalistischer Auseinandersetzungen wird immer kürzer. Eben noch wurde von dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer der Begriff „Parallelgesellschaften“ ins Spiel gebracht, um die Probleme ethnisch-religiöser Abgrenzung zu diskutieren. Schon ist er bei den Talkshows gelandet – als handlicher Schlagstock.

KOMMENTARVON CHRISTIAN SEMLER

Ist das nicht ein erfreulich schneller Fall der „Reduktion von Komplexität“? Als Heitmeyer und seine Mitarbeiter von den heraufziehenden Parallelgesellschaften sprachen, untersuchten sie den gesellschaftlichen Kontext, der zu ihrer Entstehung führt. Sie zeigten, dass solche Subgesellschaften das Produkt einer sozialen und kulturellen Segregation sind, die ihren Ausgang von ökonomischen und sozialen Krisen der Mehrheitsgesellschaft nimmt. Wo der Arbeitsmarkt nahezu geschlossen, Aufstiegschancen versperrt sind, öffnet sich erst das Tor zu den scheinhaften Sicherheiten der Binnenintegration, zum Beispiel im türkischen oder islamischen Milieu.

Wenn jetzt den „Parallelgesellschaften“ der Kampf angesagt wird, so wird der Zusammenhang von Integration und Segregation ausgeblendet. Es wird kunstvoll Ursache und Folge verwechselt, wird so getan, als ob es im Belieben eines türkischen Jugendlichen liege, ob er sich unter die Fittiche der Eliten begibt, die die Parallelgesellschaft steuern, oder ob er den Weg ins gefahrvolle Freie sucht. Gleichzeitig wird in der Öffentlichkeit der Begriff der „Parallelgesellschaften“ fetischisiert, werden die Widersprüche in solchen Gesellschaften nicht wahrgenommen.

Dann werden Normen statuiert und vorgegeben – Deutschkenntnisse, die Bejahung des Grundgesetzes und die Anerkennung der „deutschen Leitkultur“, von der dummerweise nur niemand weiß, worin sie besteht. Dass eine erfolgreiche Integration Anstrengungen der Mehrheitsgesellschaft voraussetzt, wird zur multikulturellen Gefühlsduselei. Denn der Feind steht jetzt ebenso fest wie die Wahl der Waffen, mit denen er zu bekämpfen ist.

So wird der Begriff „Parallelgesellschaft“ gleichzeitig entleert und aufgeladen. Er klingt gut, ist scheinbar neutral, von der Aura seiner wissenschaftlichen Herkunft umgeben. Oft genug eingetrichtert, wird er selbst zum Bestandteil der sozialen Wirklichkeit, weil er das Verhalten der Menschen verändert: Darin liegt seine Gefährlichkeit.