Schwere Waffen und starke Worte

Bei der Gegenoffensive der US-Truppen im Irak werden wieder Präzisionsbomben eingesetzt. Dies ist eine Reaktion auf die steigende Zahl irakischer Angriffe – derzeit sind es 35 am Tag. Doch ein Erfolg der neuen Strategie des Pentagons ist zweifelhaft

Der Name ist Programm: Ivy Cyclone II (Efeu-Wirbelwind) nennen die US-Truppen ihre diese Woche eingeleitete Gegenoffensive im Irak. Efeu ist eine Pflanze, die sich überall ausbreitet, und der Wirbelwind soll die ganze Angelegenheit beschleunigen. Nachdem die Zahl der Opfer unter den US-Soldaten stetig nach oben geht und derzeit im Schnitt täglich 35 Angriffe auf die Truppen gezählt werden, soll nun die Initiative zurückerobert werden.

Schwere Waffen und starke Worte begleiten die neue Operation. Erstmals seit Ende des Krieges wurde wieder eine lasergeleitete Präzisionsbombe mit einem 500-Pfund-Sprengkopf eingesetzt. „Ich möchte sichergehen, dass sie uns verstehen: wir wollen tödlich sein“, erklärte Generalmajor Ray Odierno, der Kommandeur der 4. Infanteriedivision, die im sunnitischen Dreieck, dem Zentrum des irakischen Guerillakrieges, stationiert ist. „Wir werden den Kampf zu ihnen tragen“, verkündet er.

Untermalt wird das Ganze mit eindrucksvoller Statistik. Bei 1.729 Patrouillen und 25 Razzien sind laut Brigadegeneral Mark Kimmit innerhalb von 24 Stunden 15 Verstecke und drei Trainingslager zerstört worden. 99 „Anti-Koalitions-Verdächtige“ wurden festgenommen, 6 getötet. Die Nachrichtenagenturen vermelden die schwersten Luftangriffe seit Ende des Krieges. Die Operationen konzentrieren sich auf das sunnitische Dreieck und vor allem auf Saddam Husseins Heimatort Tikrit.

Doch manchmal ist trotz des Einsatzes schweren Gerätes der militärische Nutzen zweifelhaft. Die Präzisionsbombe, die die Gegenoffensive am Sonntag eingeleitet hatte, landete beispielsweise auf einer sandigen Flussinsel in der Nähe Tikrits, von der aus Mörser auf die US-Truppen abgeschossen worden waren. Eine Untersuchung ergab, dass niemand getroffen wurde und dass es auf der Insel noch nicht einmal baulichen Strukturen gab. Dennoch wurde das Ganze als Erfolg gefeiert. „Wir haben unser Statement abgegeben“, heißt es von offizieller Seite. Das Problem der US-Truppen: die irakischen Mörserstellungen werden meist auf Feldern oder verlassenen Häusern schnell auf- und wieder abgebaut.

Wie bei jeder langfristigen Militäraktion wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis etwas schief läuft. Luftangriffe und der Einsatz schwerer Panzer werden zwangläufig irgendwann dazu führen, dass ein ziviles Ziel getroffen wird und Unschuldige sterben. Das gilt umso mehr, als in der Gegenoffensive zwar schwere Geschütze aufgefahren werden, die Armee aber in den letzten Wochen immer wieder beklagt hat, dass es ihr an nützlichen Aufklärungs- und Geheimdienstinformationen mangelt, um wirklich gezielt zuschlagen zu können. So wirkt die neue Offensive eher wie ein blindes Umsichschlagen.

Noch zweifelhafter ist der politische Nutzen der Gegenoffensive. Die US-Armee gibt damit offen zu, unter Druck geraten zu sein und reagieren zu müssen. Der seit Ende des Krieges viel zitierte „Kampf um die irakischen Herzen“ ist damit sicherlich auch nicht zu gewinnen. Im Gegenteil, jede US-Razzia treibt jenen, die propagieren, die Besatzung mit militärischen Mitteln zu bekämpfen, neue Rekruten zu. Selbst Generalmajor Odierno gibt sich aufgrund des täglich erlebten Widerspruches nachdenklich. „Die eine Hälfte der Zeit“, räumt er ein, „verbringen wir damit, das Land wieder aufzubauen, und mit der anderen Hälfte setzten wir unsere Zerstörungskraft gegen die Aufständischen ein.“