wie bob dylan und johnny cash einmal unter deutsche erde kamen von WIGLAF DROSTE

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat etwas auf den Markt gefeuert, das besser nie das Licht der Welt verdunkelt hätte: Bob Dylans „11 Outline Epithaphs“, dröhnt der Verlag, gebe es „nun zum ersten Mal in Deutsch“. Zwar liegt eine Übersetzung von Carl Weissner und Walter Hartmann seit den Achtzigerjahren vor, Kiepenheuer & Witsch spricht dennoch von einer „Sensation“: Bob Dylan ist Wolf Biermann in die unegalen Hände gefallen. In „mein Deutsch“, tönt Biermann, habe er Dylans 40 Jahre alten Text überführt, eine „Transportarbeit“ sei das gewesen, ein „Rüberschleppen in unsere Sprache“, und zudem habe er Dylan „aus meinen Vorräten und aus meiner mehr europäischen Sicht noch das eine oder andre zustecken“ wollen. Was in richtigem Deutsch heißt: Biermann hat aus Dylan eine Biermann-Lautsprecherei gemacht, und wo ihm das noch nicht reichte, hat er Dylan einfach Zeilen unterschoben, für die es im Original keine Entsprechung gibt.

Ganze Textpassagen hat Biermann ersungen und erlogen und römpömpelt idiotenfroh: „Das habe ich ihm reingeschoben. Das soll mir erlaubt sein, anderen nicht. Dylan hat das Glück, dass ich es gemacht habe. Es würde mich nicht wundern, wenn er hier an der Tür klingelt.“ So siehst du aus – Dylan kommt bei Biermann vorbei und sagt für den Schrott noch danke. Der Wahn hat endgültig medizinische Ausmaße angenommen.

Auch Johnny Cash sollte in diesem Herbst in deutsche Erde verklappt werden – er fiel dem deutschen Fernfahrersänger Gunter Gabriel anheim, der schon das „House in New Orleans“ in ein „Haus im Kosovo“ umdichtete und nicht bemerkte, was er da sang: Deutsche Soldaten bauen sich ein Bordell. Mit derselben Schlichtheit kleckert Gabriel die Lieder seines Idols Johnny Cash voll. Schon vor Jahren machte er aus dem Cash-Hit „Man in Black“ einen erstaunlichen „Mann hinterm Pflug“, der „nach Schweiß und Blut und harter Arbeit riecht“ – den Blut-und-Boden-Unfug hatte Gunter Gabriel ganz aus sich herausgesogen, bei Cash war analog nichts zu finden.

Nun hat Gunter Gabriel flächendeckend zugeschlagen. „Das Tennessee-Projekt – Gabriel singt Cash“ hat er 18 eingedeutschte Cash-Songs betitelt. Gabriels grapschende Brachialverehrung wird von keinem Funken Geist und Sprachgefühl gezähmt, trampelnd tut er den Liedern Gewalt an und – das eint den Ranzlappen Gunter Gabriel mit dem Schaumschläger Biermann – lässt die deutsche Sprache nicht ungeschoren davonkommen. „I’m like a Soldier getting over the War“ heißt in Gabriels Übersetzung: „Wie ein Soldat / Der überlebt hat den Krieg.“ Armer Satzbau das leider nicht überlebte, yeah …

Gunter Gabriels Stimme ist ein Angriff auf das menschliche Trommelfell. Er singt nicht, er röchelt die Lieder zu Tode, die von Johnny Cashs baritonöser, warmer, melodiöser Stimme gesungen wurden, und wenn man auf die deutschen Texte hört, überlegt man, ob Totsein nicht doch ganz schön wäre. Aus „Solitary Man“ macht Gabriel einen „Sonderfall von Mann“ – kein Arzt wird ihm widersprechen. Gunter Gabriel hat sich, wie Biermann lange vor ihm, diese Grabsteininschrift verdient: Sondermüll von Mann.