Städte zu Steinmehl

Wohnungswirtschaft meets Wissenschaft: Über 350 Unternehmer und Planer trafen sich beim 2. Wohnungspolitischen Kongress Niedersachsens und lauschten gebannt den Diagnosen und Prognosen der Akademiker.

aus Hannover Elke Heyduck

Der Single von morgen ist kein Yuppie im Loft, sondern ein alter, inkontinenter Mann, der es wegen seiner langjährigen Parkinson-Erkrankung die Treppe nicht mehr hochschafft. Aber das ist nicht das einzige Problem, vor dem die Stadtplanung in den nächsten Jahrzehnten steht. Die deutsche Bevölkerung schrumpft, sie altert und sie hat sich bis heute nicht darauf einigen können, wie man mit Einwanderern umgeht. Außerdem wohnt sie am liebsten im eigenen Haus mit Garten und in einem sozial homogenen Umfeld.

Schlechte, sehr schlechte Zeiten also für die Städte. Und genau deshalb, in Sorge um die Städte – oder ehrlicherweise in Sorge um ihre brachliegenden und zum Teil dem Abriss anheim fallenden Wohnungsbestände – sind am vergangenen Mittwoch mehr als 350 Vertreter von Wohnungsgesellschaften, Genossenschaften, Bauträgern und Planungsbehörden zum 2. Wohnungspolitischen Kongress Niedersachsens nach Hannover gekommen. „Städte im Abseits? - Der Umbau als Chance“ lautete der Tagungstitel. „Noch vor einem Jahr hätten wir das nicht so prononciert ausgedrückt“, gab Bernd Meyer, Vorsitzender des Verbands der Wohnungswirtschaft Niedersachsen-Bremen zu (siehe Interview). „Aber die Teilnehmerzahl zeigt, dass wir damit den Nerv getroffen haben.“

Dabei sind die Diagnosen nicht neu. Bereits in den 80ern sprachen Soziologen vom „Auslaufmodell Stadt“. Schrumpfende Metropolen, die Einwohner ans Umland verlieren, verödete Innenstädte und verwahrloste Stadtränder sind seitdem Thema – in den Universitäten. Bei den Machern, in den Bauministerien und den Wohnungsunternehmen galt das Vogel-Strauß-Prinzip. „Man hätte sich viel früher mit Bestandsaufwertungen befassen müssen. Stattdessen wurde weiter gebaut, obwohl es alle besser wussten“, ärgerte sich der renommierte Stadtforscher Klaus Selle von der Aachener Technischen Hochschule in einem der beiden Einführungsvorträge. „Entschlossene Tabuisierung“ sei eine der beliebtesten Umgangsformen mit der schrumpfenden Stadt gewesen. Und sei es noch immer.

Städte, denen ein Schrumpfungsszenario droht, stürzten sich in einen hemmungslosen Wettstreit mit dem Umland und den Nachbarstädten. Das Überangebot an Gewerbeflächen in Deutschland spreche dafür Bände. „Die Strukturpolitik der Städte muss weg von der Verteilung und hin zur qualitätvollen Profilierung und Positionierung der Stadt“, so das Plädoyer von Selle.

Sein Vorredner, der Wiener Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz, brachte das auf die schlichte Formel „Intelligentes Schrumpfen“. Lösungen hatte er dafür zwar nicht parat, vielmehr handle es sich um eine „Denksportaufgabe für die Planer“, zu der er aber immerhin den Rahmen lieferte. Münz, der sich ein Jahr lang in der Süssmuth-Kommission um ein deutsches Einwanderungsgesetz bemühte, spekulierte schonungslos über die deutsche Zukunft. Zurzeit werde der Geburtenrückgang noch aufgefangen von den Ausländern und Aussiedlern, spätestens im Jahr 2050 aber sei auch damit Schluss. Wer nicht bis 70 arbeiten wolle, müsse Einwanderung ertragen, stellte er das teils schockierte Publikum vor die Alternative. „Oder machen Sie doch mal ein Realexperiment: Fahren sie nach Görlitz, Zittau oder in den Harz. Da sehen Sie eine schrumpfende, alternde Bevölkerung ohne Migrationsgewinne. Schauen Sie sich das mal an“, bat er. Auch sonst fand Münz deutliche Worte. „Wenn wir über Demographie reden, dann reden wir nicht über irgendwas, sondern über uns hier im Raum.“ In 40 Jahren gebe es nicht nur viel mehr, sondern auch andere Alte: Die Menschen, so Münz’ Prognose, stürben nicht mehr an Infektionskrankheiten, auch die Zivilisationskrankheiten hätten wir dann vielleicht im Griff. Stattdessen droht Degeneration: „Überzuckerung, Alzheimer, Demenz, Inkontinenz, das ist unsre Zukunft“.

Für die Stadtentwicklung folge daraus ganz nüchtern: Die Nachfrage nach behindertengerechten Wohnungen, nach Mehrgenerationenhäusern und Ähnlichem werde enorm steigen. Die Umlandwanderer könnten es sich noch einmal anders überlegen, wenn sie sich das Autofahren nicht mehr zutrauen. „Wir können mittelfristig mit Rückkehrern in die Städte rechnen“, prophezeite er und gab zugleich einen Hinweis auf politische Steuerungsmöglichkeiten. „Die Eigenheimzulage muss weg. Eine schrumpfende Gesellschaft braucht keine Eigenheime, für die es keine Erben gibt“.

Dabei dauert die Schonfrist, die die Experten den Machern noch einräumen, ungefähr zehn Jahre. So lange ist die Babyboom-Generation der späten sechziger Jahre noch in der Lage und willens, Eigentum zu bilden. So lange noch haben Städte die Chance zum Umbau. Der aber muss sich – fasst man die Ergebnisse der drei workshops am Nachmittag der Tagung in einem Satz zusammen – diesmal an den Bedürfnissen der Menschen orientieren.

„Wir müssen die Städte radikal den Wohnwünschen der Bewohner anpassen“, formulierte Armin Hentschel vom Institut für soziale Stadtentwicklung aus Potsdam den Leitsatz seiner Forschung. „Wir können das, weil die vorhandenen Städte das Produkt ungebremsten Wachstums sind“. Eine Umfrage seines Instituts hat zu allererst gezeigt, dass 80 Prozent der Menschen unzufrieden seien mit ihrer Wohnung. Die Befragung stellte mögliche Grundrisse in der Stadt zur Diskussion (genaue Ergebnisse der Umfrage unter www.ifssev.de). Das Ergebnis: „Wir müssen viel mehr Wert auf die Freiraumplanung legen“. Die meisten Menschen seien bereit, auf Wohnraum zu verzichten zugunsten einer kleinen, privaten Fläche im Übergang zum öffentlichen Raum. Auch im Innern könnten viele Wünsche leicht erfüllt werden, änderte man nur den Grundriss der Wohnung von der Stange. „Mehr als die Hälfte wünscht sich schlicht eine Wohnküche.“ Es müsse, zitierte er den Titel seiner Forschung, eben auch in der Stadtplanung nicht immer gegessen werden, was auf den Tisch kommt.

Vorträge unter www-lts-nds.de