Saukomische Kreatur

Wenn Johannes Schlüter an diesem Freitag den Grimme-Preis in der Kategorie Unterhaltung Spezial erhält, dann treten die Macher dieser norddeutschen Kunstfigur endlich aus ihrem Schatten: Hinter dem Meister der Mimikry stecken die NDR-Redakteure Dennis Kaupp und Jesko Friedrich

Der Grimme-Preis gilt als höchste Prämierung der Fernsehlandschaft. Als Auszeichnung, um die sich Privatsender selten mit Erfolg bemühen. Was würde Johannes Schlüter zu solch einer Ehrung sagen? Er träte wahrscheinlich als gramgebeugter „Schlüter-Ranicki“, hauptberuflicher Hochkultur- und Trophäenverweigerer, vors Publikum und riefe: „Das meiste, was ich heute gesehen habe, war sehr schlecht. Gut, auf RTL 2 gibt es manchmal gute Dinge zu sehen. Und früher auch auf 9 Live, aber das ist lange vorbei. Deshalb nehme ich diesen Preis nicht an!“

Oder er gäbe den berlinernden „Comedy-Schlüter“: „Is det jeil, is det jeil, is det jeil und janz ohne Weiberwitze.“ Vielleicht spielte er auch den „Uri-Schlüter“, der mit sinisterer Gestik übersinnliche Phänomene für die Entscheidung zu seinen Gunsten verantwortlich macht.

Er wäre also jemand völlig anderes als die kreativen Köpfe hinter Johannes Schlüter, einer reinen Kunstfigur, der besten hiesiger TV-Bespaßung neben Bastian Pastewka (und der spielt ja eigentlich stets sich selbst). An diesem Freitag nun zieht sich diese Kunstfigur doch einmal kurz aus dem Vordergrund zurück: Wenn nämlich das Adolf-Grimme-Institut die sehenswerten Einspielfilmchen der NDR-Satireshow „Extra 3“ zum besten Unterhaltungsformat des abgelaufenen Fernsehjahres kürt. Dann tritt Jesko Friedrich an der Seite seines kongenialen Partners Dennis Kaupp vor, in die erste Reihe.

Die beiden Autoren haben im Jahr 2003 Johannes Schlüter erfunden. Seither kommentiert ihre Kreatur die Welt – gegeben von Jesko Friedrich, stets interviewt von Dennis Kaupp als Reporter ohne Namen, dafür mit immergleichem Cordjackett.

Als Ehe-Schlüter symbolisiert Schlüter die Große Koalition durch das entfremdete Nebeneinander eines Durchschnittspaares. Als Headbanging-Schlüter rockt seine Band „IG Heavy Metal“ seit den Siebzigern die Gewerkschaftstage mit dem repetitiven Kampflied „Streik, für mehr Kohle“. Als Business-Trainer Darth Schlüter macht er Arbeitnehmer wie die ehemals grüne Raucherlobbyistin Marianne Tritz oder den Exgewerkschafter im Bahn-Vorstand Norbert Hansen fit für die böse Seite der Macht. Als Bush-Pilot war er der kleine Steuermann im Kopf des US-Präsidenten. Er verkauft Verbrennfahnen an beleidigte Muslime, Wurfgeschosse an kämpferische Autonome oder chinesische Propaganda an den Westen und erstellt als Werber der Agentur „Schlüter & Friends“ sämtliche Plakate für den Hamburger Wahlkampf. Stets mit nordischem Slang, meist mit Wohnsitz Göttingen, sehr anarchisch – und meist saukomisch.

Diese wechselnde Mimikry, all die Alter Egos und das auch noch im Gütebereich von Humor-Haudegen wie Jürgen von Manger oder Hanns-Dieter Hüsch: das ist den Grimme-Juroren einen Spezial-Preis in der Kategorie Unterhaltung wert. Weil da „ein bemerkenswerter Spagat zwischen Comedy und Satire“ gelinge. In der Tat: Mit pittoresken wie tiefgründigen Zweieinhalbminütern schaffen Kaupp und Friedrich etwas im Fernsehwitz Seltenes: Sie sind politisch ambitioniert, ohne den Ulk zu scheuen. Seriös albern ohne Hemmschwellen, sozusagen.

Zugegeben: Wenn sich Schlüter als Neandertaler in einem Sketch weigert, seiner Steinzeitgattin Helga das Kind abzunehmen – „die Höhlenmaler kommen gleich und ich muss mich noch lausen“ –, schrammt das reichlich dicht am Klamauk entlang. Weil er damit jedoch 25.000 Jahre Frauenbild der CDU würdigt, kriegt es am Ende die Kurve. Zumal der anstehende Preis noch etwas würdigt: Wenn Komiker ihre Kunstfiguren erschaffen, steckt dahinter oft die blanke Furcht: vor der Pointe als der Quintessenz des Humors; vor Enttarnung – mithin davor, mit dem eigenen Gesicht für den eigenen Witz zu stehen.

Deshalb darf man den fiktiven Atze Schröder unter Androhung einer Unterlassungsklage nicht beim richtigen Namen nennen. Deshalb verkriecht sich Ilka Bessin hinter der überschminkten „Cindy aus Marzahn“ oder Martin Schneider im Großmaul seines „Maddin“. Aus Johannes Schlüter dagegen wurde weit mehr als ein humoristisches Artefakt – es ist ein wandelbares Statement der Zeitgeschichte. Eines, das aus Sicht des zuständigen NDR-Redakteurs Andreas Lange exakt der Grundidee von „Extra 3“ entspricht, die mit dem schluffigen Pseudo-Demoskopen Alfons bereits einen ähnlich genialen Aufdecker, nun, bürgerlicher Abgründe im Repertoire hat. Oder in der „Sendung mit dem Klaus“ unbeirrt kindgerecht erläutert, wie so’n Nazi funktioniert – oder auch die Vogelgrippe.

Dieser Mix aus Blödsinn und Relevanz passt auch zu Johannes Schlüters Machern selbst: Als Kaupp und Friedrich – so geht die Legende – vor knapp zehn Jahren beim NDR im gleichen Büro landeten, hatten beide bereits Erfahrungen beim Polit-Magazin „Panorama“ gesammelt – eine Art medialer Grundausbildung; Friedrich, der promovierte Germanist aus Lübeck, etwas weniger, Kaupp, studierter Medieninformatiker aus Stuttgart, etwas mehr. Heute sind die beiden Mittdreißiger Familienväter mit Arbeitsschwerpunkt Gelächter und haben gut 200 Scherzfilme jeder Art gemacht: neben Johannes Schlüter auch für ihre Sketch-Show „Sehr witzig“, ebenfalls im NDR-Fernsehen. Da darf es dann auch schon mal zugehen wie beim Kommerzfunk: draufhauen und fertig.

„Befreiend“, nennt das Jesko Friedrich. „Wir wollten mal wissen, wie es sich anfühlt, ohne Feind zu arbeiten.“ Dass sich derlei „Comedy“ nennen ließe, ist ihm egal. Ihr Humor steht ja nicht für Intellektuellenbespaßung, sondern für sozialkritischen Allerweltswitz ohne Beißreflexe. So wie jener Johannes Schlüter, der auf der Suche nach Skatpartnern, Tennisgegnern, einer Partei ist – als letztes Mitglied der Mittelschicht, seit die anderen in Ober- und Unterschicht abgewandert sind. „Wunderbare Miniaturen“ nennt die Frankfurter Allgemeine Zeitung, sonst durchaus comedykritisch, derlei feinen Nischenhumor. Und wie die Grimme-Jury: „etwas Großes im Kleinen“.